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Alfred (2) Mayer

   
geboren am 22.05.1899 in Würzburg
Straße  Ludwigstraße 10
Stadtteil Altstadt
Todesdatum20.09.1940
TodesortHartheim
   
am 13.09.43 nach Eglfing/Haar verlegt, im Rahmen des "Euthanasieprogramms" des NS-Regimes am 20.09.1943 von Eglfing nach Hartheim deportiert und dort am 20.09.1940 ermordet
   
Alfred Mayer wurde am 22.05.1899 in Würzburg geboren. Seine Eltern waren Ernst Mayer (1871-1942) aus Würzburg und Nanni, geborene Fleischmann (1878-1944) aus Schweinfurt. Alfred besucht die Private Realschule Adam in Würzburg und arbeitet nach der Lehre in der elterlichen Textilwarenhandlung.

Am ersten Weltkrieg nimmt er von 1917 bis zum Ende teil. Während dieser Zeit macht er mehrere Infektionskrankheiten durch. Von 1920 bis 1922 hält er sich in Berlin auf, wo er Käthe Peczkowski (Jg. 1901) kennenlernt, die er 1923 heiratet. Die Söhne Walter Jakob und Herbert Karl werden 1924 und 1930 in Würzburg geboren. Er ist jetzt als Vertreter für eine auswärtige Firma tätig.

Das Familienleben ist harmonisch, aber die finanzielle Situation der Familie verschlechtert sich zusehends, was Alfred Mayer großen Kummer macht. Er befürchtet, seine Frau und die Kinder nicht ausreichend unterhalten zu können, da er sich durch die Boykottbewegung bedroht fühlt. Er meint, er würde verfolgt, ist sehr unruhig, schläft nicht mehr. Nach einem antisemitischen Vorfall (ein Kunde hatte ihn aus seinem Geschäft geworfen und angedroht, ihn verhaften zu lassen) gerät er in große Aufregung: Auf seinen Geschäftsreisen vergisst er sein Geld, lässt die Muster und die Preislisten in den Geschäften liegen, fährt falsche Wege, fährt mit angezogener Bremse.

Am 20. April 1933 wird er auf Veranlassung seines Hausarztes Dr. Gutmann freiwillig in der Psychiatrischen Universitätsklinik Würzburg aufgenommen. Am Tag darauf sagt er zu dem Arzt: „Meine armen Kinder, meine arme Frau, die ich doch so geliebt hab. Vielleicht können Sie mich doch noch retten… Ich möchte meinen Kopf wieder zusammengesetzt haben“. Auf die Frage: „Was tut Ihnen denn weh?“ antwortet er „Im Gehirn geht´s durcheinander, wenn ich die Augen zumache, dann sehe ich Artillerie“. Er fühlt sich von SA-Leuten verfolgt. Zu dieser letzten Aussage vermerkt der Arzt in Klammern: „möglich!“. (Was haben Sie sonst noch erlebt?) „Ja, die vielen Toten – 95 Leute in Würzburg allein sind alle erschossen worden, lauter Juden!! (Kommentar des Arztes: „Zeitalter der Greuelhetze!“). Im Mai erklärt er sich für „ganz gesund, er werde jetzt zur SA und zum Arbeitsdienst gehen“. Dann hat er wieder Angstzustände, hört die SA kommen, glaubt seine Frau im Gefängnis, will sie sofort befreien. Er betet für den Führer, schreit dann wieder „Hitler verfolgt mich, die SA kommt“; er verweigert die Nahrung, es sei Gift drin, er muss mit der Sonde ernährt werden. Er nimmt sehr an Gewicht ab und nachdem mehrere „Behandlungen mit Malariablut“ seinen Zustand nicht gebessert haben, wird er am 20. Juli 1933 nach Lohr verlegt. Sein Zustand wird auf die frühere Erkrankung zurückgeführt und ausdrücklich als nicht erblich bezeichnet. Als gläubiger Jude wird er in Lohr in der jüdischen Abteilung untergebracht, wo der Fürsorgeverein für israelitische Nerven- und Geisteskranke für koschere Verpflegung und seelsorgerliche Betreuung sorgt. Zum Gottesdienst in der Synagoge darf er regelmäßig gehen.

Er schreibt zahlreiche Briefe an Rechtsanwälte und den Oberstaatsanwalt in denen er behauptet, ein Arzt der Psychiatrischen Klinik Würzburg habe alle möglichen Interventionen an ihm vorgenommen, die für seinen Zustand verantwortlich seien. Um dies zu beweisen, brauche er die Aussage eines anderen Arztes, der aber in Giebelstadt mit dem Reichskanzler Hitler gesprochen und dabei ein Schweigegelübde abgegeben habe. Hintergrund all dieser Briefe, die in gestochener Schrift und fehlerlosem Deutsch abgefasst sind, ist, dass er unbedingt nach Hause entlassen werden möchte.

Unter dem 30. 7.1938 vermerkt der Arzt: „Verbreitet Greuelmärchen. Schreibt an einen bekannten Rechtsanwalt in Würzburg, dass Juden in Konzentrationslager überführt, dort erschlagen und verbrannt und in der Urne wieder an ihre Angehörigen geschickt worden seien. Er will dieses Gerücht von seiner Frau wissen und diese habe es wieder von den Gästen in dem jüdischen Cafe, in dem sie Bedienung sei. Lässt sich nicht belehren und verwarnen, ist felsenfest von der Richtigkeit des Gerüchtes überzeugt.“ Wegen solcher Behauptungen wird ihm schließlich der Synagogenbesuch gestrichen, weil er wiederholt versucht, auf dem Weg zur Synagoge seine Briefe in Geschäften und bei Passanten unter die Leute zu bringen. Tatsächlich scheint sich sein Befinden zu bessern, denn im September 1938 erklärt Käthe Mayer gegenüber dem Würzburger Bezirksfürsorgeverband dass ihr Mann nicht mehr so anstaltspflegebedürftig ist, dass er der Verwahrung in einer Heil- und Pflegeanstalt bedarf. Die Fürsorgestelle in Würzburg wendet sich aber am 16.9.1938 an die Anstalt Lohr und erklärt, dass Mayer nicht nach Hause entlassen werden darf, weil sonst seine Frau ihren Beruf aufgeben müsste, um ihn zu pflegen, und die ganze Familie der öffentlichen Fürsorge zur Last fallen würde.

So wird er am 3. Oktober 1938 aus Kostengründen in eine „billige Kretinenanstalt (reine geschlossene Pflegeanstalt im Sinne des Erbgesundheitsgesetzes)“ nach Reichenbach in der Oberpfalz verlegt. Seine Frau muss zustimmen, da sie inzwischen erfahren hat, dass sie weder mit einem kranken Ehemann, noch als verheiratete Frau allein Aussicht auf ein Visum hat. Also beschließt sie im Einverständnis mit ihrem Mann, sich scheiden zu lassen, um nach England zu emigrieren. Dazu muss vor dem Gericht nachgewiesen werden, dass zwischen den Eheleuten „die geistige Gemeinschaft aufgehoben“ ist. Dies wird vom Chefarzt in Lohr auch bestätigt, aber das Gericht verlangt ein Obergutachten und vertagt die Entscheidung. Ob die Scheidung dann noch ausgesprochen wurde, geht aus den Unterlagen nicht hervor. Das ganze Verfahren zieht sich hin, und es gelingt Käthe Mayer nicht mehr, auszureisen.

Am 13. September 1940 wird Alfred Mayer von Reichenbach in die Sammelanstalt Eglfing-Haar verlegt und am 20. September 1940 mit den übrigen jüdischen Euthanasieopfern aus ganz Bayern in die Gaskammer von Schloss Hartheim bei Linz verschleppt. Er wurde 41 Jahre alt.

Alfreds Witwe Käthe heiratete 1941/42 den sehr viel älteren Kaufmann Isaak Freudenberger (1864-1942). Mit ihm, dem Sohn Herbert und Alfreds Mayers Eltern wurden sie am 23. September 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo Alfreds Vater 1942 und die Mutter 1944 umgekommen sind. Herbert Mayer wie auch die Mutter Käthe wurden am 12. 10. 1944 von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Alfred Mayers älterer Sohn Walter war 1939 mit einem Sammeltransport jüdischer Kinder nach Schweden ausgewandert.
Alfred Mayers Bruder Rudolf (Jg.1903), der sich bereits 1937 um ein Visum für Palästina bemüht hatte, wurde ebenfalls ein Opfer des Holocaust. Vermutlich war die Erkrankung seines Bruders der Grund dafür, dass er das Visum nicht erhielt.

Biographie erstellt Juni 2007, überarbeitet März 2017
   
Quelle Staatsarchiv Würzburg, Gestapo Akten 7138, 7205;
Bezirksklinikum Lohr, Akte Alfred Mayer;
Universitätsarchiv Würzburg, Akte Alfred Mayer ;
http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de922223, 922900, 922575, 923163, 923403, 922527 (3.2.2017);
Biografische Datenbank Jüdisches Unterfranken, Informationen zu Alfred Mayer und seinen Angehörigen, http://www.historisches-unterfranken.uni-wuerzburg.de/juf/, (3.2..2017);
Angaben zu den im Text erwähnten Angehörigen, die Opfer der Shoa wurden, finden sich im Namensverzeichnis des Gedenkbuchs.
Autorin / Autor gg, Kristin Höhn
Paten Das Diakonische Werk e.V., Frau Silke Trost
   
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