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Alfred Schindler

   
geboren am 20.02.1908 in Würzburg
Straße  Juliuspromenade 17 1/2
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum06.03.1943
Todesdatumunbekannt
TodesortMajdanek
   
am 06.03.1943 von Drancy nach Majdanek deportiert und dort ermordet
   
Alfred Schindler wurde in Würzburg geboren. Seine Eltern waren Paul (Pinkas) Schindler aus Brzesko/Galizien (1878-1927) und Jeanette Lewinsohn aus Euerbach in Unterfranken (1880-1939). Paul Schindler war 1901 aus Nürnberg nach Würzburg gezogen und arbeitete als Weinreisender für verschiedene Firmen. Es bestanden enge Beziehungen zur Verwandtschaft des Vaters nach Cottbus, die auch im Weinhandel tätig war.

1902 hatten die Eltern geheiratet und lebten unter häufig wechselnden Adressen, bis sie sich ab 1918 in der Juliuspromenade 17 ½ niederließen. 1903 kam der älteste Bruder Philipp auf die Welt, der 1924 in Berlin starb. Der zweite Bruder Max (Jg.1904) ging später nach Nürnberg. Die Schwestern Sofie und Erna wurden 1904 bzw. 1905 geboren. Sofie heiratete Theo Löwenstein und Erna ehelichte Manfred Strauss. Der jüngste Bruder war Robert (Jg.1909). Als Pflegekind lebte später noch Heinrich Schindler (Jg.1917) bei der Familie, vermutlich ein entfernter Verwandter.

Nach dem Besuch der Würzburger Oberrealschule arbeitete Alfred Schindler als Handlungsgehilfe, später war er Vertreter für die Weinhandlung Kesselring in Kitzingen. Da Alfred aufgrund der Herkunft seines Vaters nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besaß, wurde ihm ab Dezember 1935 die Genehmigung zur Beschäftigung versagt und er sollte sich bei der Polizei melden, vermutlich zur Durchführung der Abschiebung. Da er dieser Aufforderung nicht nachkam, wurde er polizeilich gesucht. Die Polizei unternahm mehrere Versuche, ihn in der elterlichen Wohnung aufzuspüren. Seine Schwester Erna Strauss gab die Auskunft, dass er sich in Berlin aufhalten würde. Als Alfred kurz darauf in Hamburg ein Führungszeugnis beantragte, fragten die Hamburger Ämter in Würzburg nach. Die meldeten nach Hamburg, „Schindler sei nicht nur Jude sondern auch Staatsfeind“ und solle keinesfalls ein Führungszeugnis erhalten. Er habe „seinen Wohnsitz nach Hamburg verlegt, um dort seine Schwindeleien und Betrügereien fortzusetzen“. Diese Antwort führte dazu, dass Alfred Schindler der weitere Aufenthalt in Hamburg versagt wurde. Um der Abschiebung durch die Gestapo zu entgehen, tauchte Alfred Schindler unter.

Die letzten sicheren Nachrichten belegen, dass er von Drancy nach Majdanek deportiert wurde, ein halbes Jahr nach seinem Neffen Horst, dem Sohn seiner Schwester Sofie, der als 12-Jähriger ein halbes Jahr vor ihm ebenfalls von Drancy nach Auschwitz verschleppt wurde. Es ist nicht bekannt, ob er evtl. mit ihm auf der Flucht verhaftet und interniert wurde.

Über das Schicksal seiner Geschwister ist nur bekannt, dass die Schwester Sofie im Juli 1939 nach Belgien geflohen ist und später nach einer Deportation von unbekanntem Ort mit unbekanntem Ziel umgekommen sein muss. Auch sein Großvater Simon Schindler wurde noch mit über 90 Jahren Opfer der Shoa.

Erläuterung: Auch während der Nazi-Diktatur konnten deutsche Staatsbürger nicht einfach abgeschoben werden. Man musste ihnen vorher die Staatsbürgerschaft entziehen, aberkennen oder feststellen, dass der Betroffene nie deutscher Staatsbürger war. Der Vater von Alfred Schindler kam ursprünglich aus Galizien und ließ sich 1902 in Würzburg nieder. Möglicherweise hat er es versäumt, sich einbürgern zu lassen. Es kam aber auch nicht selten vor, dass die Einbürgerung nachträglich rückgängig gemacht wurde.

Biografie erstellt Juni 2007, überarbeitet März 2017.
   
Quelle Staatsarchiv Würzburg, Gestapoakte 12366;
Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, S. 356, 510 f.;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/965142 (22.06.2016);
Angaben zu den im Text erwähnten Angehörigen, die Opfer der Shoa wurden, finden sich im Namensverzeichnis des Gedenkbuchs;
Biografische Datenbank Jüdisches Unterfranken, Informationen zu Alfred Schindler und seinen Angehörigen, http://www.historisches-unterfranken.uni-wuerzburg.de/juf/ ;
Yad Vashem, Zentrale Datenbank der Namen der Holocaust Opfer, Gedenkblatt Yad Vashem für Shimon Shindler, http://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de&s_lastName=Shindler&s_firstName=Shimon&s_place= (17.11.2016).
Autorin / Autor NN, Ingrid Sontag
Paten Herr Dr. Hannswilm Simmenroth
   
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