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Ruth Fanny Hanover

 
geboren am 13.08.1923 in Würzburg
Straße  St.-Benedikt-Straße 20
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum18.05.1943
Todesdatum21.05.1943
TodesortSobibor
   
aus dem Lager Westerbork in den Niederlanden am 18.05.1943 ins Vernichtungslager Sobibor deportiert und dort direkt nach der Ankunft ermordet
   
Ruth war die jüngere Tochter des Würzburger Rabbiners Dr. Siegmund Hanover (1880-1964) und seiner ersten Frau Klara, geb. Deutsch (1889-1932). Sie wuchs zusammen mit ihrer vier Jahre älteren Schwester Rosi (geb. 1917) auf und besuchte die jüdische Volksschule. Als sie knapp neun Jahre alt war, starb ihre Mutter. Im Jahr darauf, 1933, heiratete ihr Vater deren ebenfalls vewitwete Schwester Ernestine Katzmann, geb. Deutsch (geb. 1888). Von den drei Kindern Ernestine Katzmanns zog die jüngste, die ebenfalls den Namen Ruth (geb. 1921) trug, mit bei den Hanovers ein. Um die beiden Ruths zu unterscheiden, bürgerte sich in der Familie ein, die jüngere Ruth Fanny als die "kleine Ruth" zu bezeichnen. Der israelische Dichter Jehuda Amichai (geboren als Ludwig Pfeuffer), mit dem sie als Kind eng befreundet war, setzte ihr nach ihrer Ermordung unter diesem Namen ein literarisches Denkmal.

Mit elf Jahren traf Ruth ein weiterer Schicksalsschlag, als sie infolge eines Verkehrsunfalls ein Bein verlor. Dies machte sie noch wehrloser gegenüber antisemitischen Attacken, wie Jehuda Amichai sie geschildert hat, und gegenüber der Verfolgungspolitik des NS-Staates. Die Chancen, ein Aufnahmeland für die Emigration zu finden, reduzierten sich deutlich. Für die beiden älteren Schwestern Ruths fand der Vater nach langen Bemühungen 1938 eine Ausreisemöglichkeit nach Palästina. Sie verließen Würzburg im Oktober 1938. Für Ruth Fanny schien das harte Leben in Palästina jedoch nicht geeignet. Der Versuch, sie in einem Kindertransport des Verbandes der Bayerischen Israelitischen Gemeinden nach England unterzubringen, scheiterte jedoch.

Wie viele andere Männer wurde Siegmund Hanover im Rahmen des Novemberpogroms 1938 verhaftet und in das KZ Buchenwald eingeliefert. Derweil kümmerte sich seine Frau weiter um die Ausreise von Ruth. Als der Rabbiner nach vier Wochen aus der KZ-Haft entlassen wurde, musste auch er sich u.a. verpflichten, bis Januar 1939 aus Deutschland auszureisen. Ein erster Erfolg war, dass Ruth am 04. Januar 1939 mit einem Kindertransport in die Niederlande emigrieren konnte. Nach wenigen Tagen in einem Quarantäne-Lager konnte sie mit einer vorläufigen Erlaubnis des Kinderkomittees des Flüchtlingsrates bei Therese Birnbaum und ihrem Sohn in der J. Vermeerstr. 18 in Amsterdam einziehen. Erst nach einer Prüfung der Familie und ihrer wirtschaftlichen Situation folgte die endgültige Bestätigung, die Familie übernahm die komplette Versorgung des Pfleegkindes. Die Zusage von Frau Birnbaum galt jedoch nur für 6 Monate, Ruth wechselte also im Juli die Familie, kam nun zu Rabbiner Kopenhagen und zog im Oktober 1939 bei der Familie von Wilhelm Wolf in der Sarphatistraße 98 ein, wo sie dann relativ lange blieb. Sie ging zur höheren Schule und lernte v.a. erst einmal Holländisch.

Auch Ruths Eltern gelang es, Anfang April 1939 endlich Deutschland zu verlassen. Für kurze Zeit lebten sie ebenfalls in Amsterdam, bevor sie nach England weiterreisten. Am 5. März 1940 verließ ihr Schiff England in Richtung Amerika, wo ihr Vater in New York aufgrund seiner guten Kontakte wieder einen Posten als Rabbiner erhielt. Ruth musste in Amsterdam bleiben - vermutlich erhielt sie v.a. wegen ihrer Behinderung kein Visum. Auch in den folgenden Jahren scheiterten alle Bemühungen um die Ausreise. Aus dieser Zeit sind einige Postkarten und wenige Briefe erhalten, die sie an ihre Angehörigen in New York, Jerusalem und Buenos Aires geschrieben hat, wo Teile der Familie ihrer Stiefmutter/Tante leben.

Die Korrespondenz belegt, wie stark die Situation die zunächst 15-Jährige herausforderte, wenn nicht zuweilen überforderte: Sich zurecht zu finden in eine fremden Land und in einer fremden Sprache, allein bei fremden Leuten; gleichzeitig die Schule zu meistern und Verantwortung für das eigene Leben, den Alltag und die Perspektiven zu übernehmen, sich trotz Behinderung und aller ständigen Verzögerungen um die Emigration zu bemühen. Ruth fand Freunde und Freundinnen, kämpfte im Alltag, weil das Geld nicht reichte - sie wurde von einem Onkel aus Argenitinien unterstützt - , aber ihr fehlte v.a. der Rückhalt durch ihre Familie. Denn die Wege der Post liefen viel zu langsam und versiegten mit der deutschen Besetzung der Niederlande am 10. Mai 1940 zunächst nach Palästina und Ende 1941 auch in die USA ganz. Aus dieser Zeit gibt es keine Zeugnisse mehr.

Im Sommer 1941 beendete Ruth die Schule mit knapp 18 Jahren. Nach vielen Anläufen gelang es ihr, in einem Labor des Judenrats einen Platz für eine Ausbildung zur Zahntechnikerin zu erhalten. Die Arbeit machte ihr Spaß und sie gewann wieder Freude am Leben. Dann bricht die Korrespondenz ab. Ruth war natürlich wie alle Juden in den Niederlanden den Verfolgungsmaßnahme der deutschen NS-Besatzung ausgesetzt, wie sie Mirjam Bolle eindrucksvoll beschrieben hat. Sie arbeitete in Amsterdam als Sekretärin für den Judenrat und berichtet über Hunger und Angst, die ständigen Razzien auf der Straße und in den Wohnungen. Ruth war wie Miriam aufgrund der Mitarbeit für den Judenrat zunächst von den seit dem Sommer 1942 einsetzenden Deportationen ausgenommen. Dieser Schutz endete jedoch ein knappes Jahr später.

Im März 1943 ist Ruth Hanover noch ein-, vielleicht zweimal an einer neuen Adresse gemeldet. Doch wo sie die letzten Monate vor ihrer Deportation verbrachte, ist nicht eindeutig: Das Bundesarchiv gibt an, dass sie am 15. März 1943 im Lager Westerbork interniert und von dort zwei Monate später deportiert wurde. Ein Rot-Kreuz-Brief an die Schwester Rosi in Jerusalem von einem Abraham de Jong, Pretoriusstraat 54, vom 29.05.1943 besagt hingegen, dass Ruth die letzten Monate bei der Familie de Jong lebte und seit dem 18. Mai, also dem Deportationsdatum "abgereist" sei.

Mit dem Transport am 18. Mai 1943 wurde Ruth Hanover aus dem Lager Westerbork ins Vernichtungslager Sobibor deportiert und dort wohl direkt nach der Ankunft ermordet. Vielleicht hatte sie wenigstens noch das Glück, in dem großen Transport Menschen zu finden, die sie kannte und von denen sie Unterstützung erhalten konnte, wie Sigmund und Sara Seligsberger aus Würzburg.
   
Quelle Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, p. 1, p. 239;
Roland Flade, Die Würzburger Juden: Alltag, Religion, Brauchtum, in: Christoph Daxelmüller / Roland Flade, Ruth hat auf einer schwarzen Flöte gespielt. Geschichte, Alltag und Kultur der Juden in Würzburg, ed. by Klaus M. Höynck, Würzburg 2005, pp. 43-88, here pp. 76-80;
Edith Raim, Verfolgung und Exil der jüdischen Familie Hanover aus Würzburg, in: Mainfränkisches Jahrbuch für Geschichte und Kunst 56, 2004, pp. 317-336; 2nd version in: Renate Eichmeier/ Edith Raim (eds.), Zwischen Krieg und Liebe. Der Dichter Jehuda Amichai, Berlin 2010, pp. 65-98;
Jehuda Amichai, Nicht von jetzt, nicht von hier, München 1992 (hebr. Orig. Tel Aviv 1963);
Mirjam Bolle, "Ich weiß, dieser Brief wird Dich nie erreichen". Tagebuchbriefe aus Amsterdam, Westerbork und Bergen-Belsen, übersetzt von Stefan Häring und Verena Kiefer, Frankfurt a.M. 2006;
Het Nederlandse Rode Kruis, Jewish council registration cards, Ruth Fanny Hanover;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/831953 (27.05.2016);
Joodsmonument, Datenbank der Opfer der Shoa aus den Niederlanden, https://www.joodsmonument.nl/nl/page/30856/ruth-fanny-hanover (27.05.2016);
Dokin - German and Austrian war children in the Netherlands: http://www.dokin.nl/deceased-children/ruth-fanny-hanover-born-13-aug-1923?A=SearchResult&SearchID=2558223&ObjectID=4830895&ObjectType=35 (22.09.2017);
Yad Vashem – Their Legacies Remain. Little Ruth - Ruth Fanny Hanover, 1923 – 1943, http://www.yadvashem.org/yv/en/exhibitions/communities/wurzburg/legacies.asp (22.09.2017);
Yad Vashem – The Central Database of Shoa Victims’ Names, Gedenkblatt, http://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=de&s_lastName=hanover&s_firstName=ruth&s_place=&itemId=9140040&ind=2&winId=8635788469281016907 (27.05.2016).
Autorin / Autor Gerhart Gradenegger; Überarbeitung: Rotraud Ries, 2017
Paten Frau Rosa Grimm
   
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