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Josef Kastanienbaum

 
geboren am 24.04.1880 in Würzburg
Straße  Schweinfurter Straße 20
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum27.11.1941
Todesdatumunbekannt
Todesortin/bei Riga-Jungfernhof
   
am 27.11.1941 nach Riga-Jungfernhof deportiert und vermutlich im Winter 1941/42 dort oder in der Nähe ermordet
   
Josef Kastanienbaum war das jüngste Kind von Moses Kastanienbaum (1836-1915) aus Külsheim und Babette Strauß (ca.1843-1899). Seine Geschwister Jüdlein, Rifka (verh.Levi), Karoline (verh.Michaelis), Ludwig und Samuel waren zwischen 1867 und 1877 auf die Welt gekommen, die vier älteren noch in Külsheim. Die Eltern zogen etwa 1876/77 in Würzburg zu.
Nach dem Besuch der Volksschule und drei Klassen Realschule machte Josef Kastanienbaum eine dreijährige Lehre in der Weinhandlung Gebrüder Frank. Danach trat er in die väterliche Altwarengroßhandlung in der Schweinfurter Straße ein, deren alleiniger Inhaber er ab 1905 bis zum Konkurs der Firma war.
Der Gestapoakte ist zu entnehmen, dass Josef Kastanienbaum vor seiner Heirat mit der Hausangestellten Anna Walpurga Hecht, keine Jüdin, einen unehelichen Sohn namens Rudolf hatte, der am 21. November 1904 zur Welt kam. Die Mutter verließ den Haushalt und gab den Sohn in Pflege nach Rossbrunn. In dieser Zeit unterstützte Josef Kastanienbaum die Mutter finanziell. Zwei Jahre später wurde der Sohn einem Ehepaar aus der Pfalz in Pflege gegeben, von dem er später adoptiert wurde und den Familiennamen Peter erhielt. Er besuchte als Erwachsener seine leibliche Mutter, die mittlerweile durch Heirat Birk hieß und sechs weitere eheliche Kinder hatte. Später traf er auch seinen Vater in Würzburg. 1942 war Rudolf Peter Soldat bei der Wehrmacht und musste einen Nachweis bezüglich seiner Rassezugehörigkeit erbringen. Er hatte mittlerweile eine Familie mit vier Kindern, die in Bad Dürkheim lebte. Er versuchte in Würzburg verzweifelt nachzuweisen, dass er evtl. einen arischen Vater haben könnte. Seine Mutter blieb laut Gestapoakte bei ihrer Aussage über seinen Vater und nachdem Josef Kastanienbaum mit seiner Familie schon längst deportiert worden war und vermutlich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr lebte, wurde Rudolf Peter als Halbjude am 17. Juli 1943 aus der Wehrmacht entlassen. Es gibt widersprüchliche Angaben über sein Lebensende: Sicher ist, dass er Ende 1944 bis Anfang 1945 im Lager Lenne inhaftiert war und ein Opfer der Shoa geworden ist. Die Angabe über seine Internierung im Lager Gurs 1944 ist daher anzuzweifeln.
Im Jahr 1910 heiratete Josef Kastanienbaum die aus Oberlauringen stammende Bella Wormser (1885–1941/42) und hatte mit ihr die zwei Töchter Senta (*1911) und Margot (*1918), die bis Februar 1940 bzw. August 1941 bei ihnen lebten. Auch Bellas Mutter Ernestine Wormser wohnte nach dem Tod ihres Mannes Samuel Wormser bei ihnen.
In den Jahren 1916-1918 wurde Josef Kastanienbaum zum Kriegsdienst eingezogen, wegen Erblindung auf einem Auge aber nicht an der Front eingesetzt. Nach Kriegsende war er Mitglied in mehreren Vereinen, u.a. im Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten und in der Gesellschaft Casino.
In der 1931 gegründeten Firma Kastanienbaum war seine Ehefrau Bella die Inhaberin und er selbst der Geschäftsführer. Nach 1933 gerieten Josef Kastanienbaum und vor allem seine Firma ins Visier der neuen Machthaber. Ab 1936 gab es eine Abfolge von Schikanen und Einschüchterungsversuchen. Schutzhaft, Vorladungen und Verhöre folgten aufeinander, in der Regel ausgelöst durch Denunziationen von "Kollegen" bzw. Konkurrenten. Josef Kastanienbaum war gezwungen, etwa 40 Angestellte zu entlassen und später das Geschäft ganz aufzugeben, das Anwesen zu räumen und in die Ludendorffstraße 10 (heute Rottendorfer Straße) zu ziehen. Nach der Entlassung aus dem KZ Buchenwald im Dezember 1938 wurde er in Würzburg als Zwangsarbeiter, unter anderem beim Städtischen Tiefbauamt eingesetzt.
Ab 1940 wohnten die Kastanienbaums in der Bibrastaße 17. Die Familie hatte frühzeitig die Ausreise in die USA beantragt, doch lediglich die ältere Tochter konnte im Januar 1940 Würzburg in Richtung Rotterdam und USA verlassen. Senta Butzel (geb. Kastanienbaum) legte im Jahr 1981 die Gedenkblätter in Yad Vashem für ihre Angehörigen an. Tochter Margot hatte im August 1941 Eugen Peisack geheiratet und war nach Stuttgart verzogen.
Josef Kastanienbaum wurde am 27. November 1941 mit seiner Frau nach Riga-Jungfernhof deportiert und traf dort auf seine Tochter Margot und ihren Ehemann, die wenige Tage nach ihnen in Riga-Jungfernhof angekommen sein müssen. Alle vier wurden bald darauf dort oder in der Nähe ermordet.
   
Quelle Staatsarchiv Würzburg, Gestapoakten 3204, 9375;
Stadtarchiv Würzburg, Adressbücher 1935–1941;
Liste der Insassen des Lagers Lenne, 1944/45, 1.1.47.1 / 5158128 / ITS Digital Archive, Bad Arolsen;
Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 2, S.438, 682, T.1, S. 111, 293;
Bernd F. Fertig, Einblicke in die Gestapoakten des Würzburger Juden Josef Kastanienbaum und seiner Familie. Facharbeit im Leistungskurs Geschichte, Friedrich-Koenig-Gymnasium Würzburg, 2007;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/894386 (02.06.2016);
Yad Vashem – The Central Database of Shoa Victims’ Names, Gedenkblatt http://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&s_lastName=kastanienbaum&s_firstName=josef&s_place=&itemId=1745106&ind=1&winId=-5038761646104630514 (02.06.2016);
Deportation der jüdischen Bevölkerung aus der Bezirksstelle Bayern. Nürnberg - Würzburg nach Riga, Abfahrtsdatum: 29.11.1941, http://www.statistik-des-holocaust.de/OT411129-Wuerzburg3.jpg (10.06.2016).

Foto: Gestapoakte 3204.
Autorin / Autor gg, Ingrid Sontag
Paten Die Städt. Wirtschaftsschule, Frau Renate Russ
   
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