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Dr. Julius (3) Adler

 
geboren am 29.09.1882 in Würzburg
Straße  Herzogenstraße 8
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum20.06.1934
Todesdatum01.07.1934
TodesortDachau
   
verhaftet am 11.06.1934, deportiert am 20.06.1934 nach Dachau, erschossen am 01.07.1934 in Dachau
   
Julius Adler besuchte das Neue Gymnasium (heute: Riemenschneider-Gymnasium) in Würzburg und studierte hier auch Jura. Nach dem Abschluss des Studiums und der Promotion sowie nach Praktikumsjahren 1909/10 in Nürnberg und möglicherweise auch in Augsburg ließ er sich 1911 in seiner Heimatstadt als Rechtsanwalt nieder. Wahrscheinlich seit dem Tode seines Vaters im Jahre 1914 verwaltete er für die mit seinen Geschwistern bestehende Erbengemeinschaft deren beträchtlichen Grundbesitz, zu dem mehrere große Wohn- und Geschäftsgebäude in der Würzburger Innenstadt gehörten, nämlich die Doppelhäuser Bismarckstraße 19/20 und Reibeltgasse 14/16, wo damals die "Sanderlichtspiele" bestanden, sowie Sanderstraße 6.
Von 1915 bis 1918 stand Julius Adler als Kriegsfreiwilliger im Felde und brachte es zum Rang eines Vizewachtmeisters einer Flakbatterie.
Adler führte offensichtlich bis 1934 beruflich und privat ein bürgerliches Leben, ohne in irgendeiner Weise aufzufallen. 1934 geriet er aber, wie seine mit mehr als zweihundert Seiten Umfang sehr ausführliche Gestapo-Akte bezeugt, ins Fadenkreuz der NS-Machthaber, die nun mit vielerlei Anklagen gegen ihn vorgingen. Julius Adler wurde am 11.06.1934 wegen angeblicher Wirtschaftssabotage in Schutzhaft genommen, aus der er nicht wieder freikommen sollte. Es begann damit, dass er nicht ohne Gegenwehr die "Arisierung" der Mohr´schen Malzfabrik, die seinem Vetter Willy Adler gehörte, hinnehmen wollte. In einer 44-seitigen Denkschrift stellte er detailliert und sehr instruktiv dar, auf welchen Wegen die NSDAP auf diesen trotz der Wirtschaftskrise der frühen 1930-er Jahre finanziell einigermaßen gesunden Betrieb entscheidenden Einfluss genommen hatte und nun abschließend zugreifen wollte. Die Auseinandersetzungen mit der Stadtverwaltung um die - möglicherweise tatsächlich - veralteten und nicht mehr den Sicherheitsanforderungen der 1930er Jahre entsprechenden Elektrizitätsleitungen in den Häusern der Bismarckstraße und um die Dachrinnen und Abwasserleitungen der Reibeltgasse wurden exzessiv weiterverfolgt. Man spürt in den Akten deutlich, wie an sich zweitrangige Baufragen zu schwerwiegenden Verfehlungen hochstilisiert wurden. Noch besser ließ sich die Frage der Pachtsumme des Kinos in der Reibeltgasse , der "Sanderlichtspiele", in diesem Sinne ausbeuten, zumal dort ein "verdienter" alter Parteigenosse dem Betreiber des Kinos Geld für die Renovierung geliehen hatte; man ging nun darauf aus, die Miete auf etwa ein Drittel zu reduzieren.
Tödlich für Julius Adler dürfte aber letztlich die Tatsache gewesen sein, dass er - nacheinander - Liebesverhältnisse mit zwei nichtjüdischen Schwestern gehabt hatte. Er hatte die beiden jungen Frauen auch wohl großzügig finanziell unterstützt. Aber die Frauen bestanden im Gestapoverhör darauf, dass es sich wirklich um Liebesverhältnisse und nicht um die Ausnützung einer sozialen Notlage gehandelt hatte. 1934 waren zwar die Nürnberger Gesetze, die sexuelle Beziehungen zwischen "Ariern" und "Nicht-Ariern" untersagten, noch gar nicht erlassen. Trotzdem spricht vieles dafür, dass es diese Beziehungen waren, die ohne jede Rechtsgrundlage zur Einlieferung Julius Adlers in Dachau am 20. Juni 1934 führten. Dort wurde er wenige Tage später, am 01. Juli 1934, "im Rahmen der Säuberungsaktion" (nach dem "Röhm-Putsch") mit anderen Häftlingen erschossen.
   
Quelle Staatsarchiv Würzburg, Gestapo-Akte 2;
Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 1, S. 49;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de828657 (17.05.2016).
Autorin / Autor Hans-Peter Baum
Paten Der Anwaltverein Würzburg
   
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