Alfred Katzmann

   
geboren am 03.01.1895 in Würzburg
Straße  Bismarckstraße 9
Stadtteil Altstadt
Todesdatum10.11.1938
TodesortWürzburg
   
Freitod während des Pogroms am 10.11.1938 in Würzburg
   
Alfred Katzmann gehörte zu den gesellschaftlich und wirtschaftlich führenden Kreisen nicht nur der Israelitischen Gemeinde, sondern der ganzen Würzburger Bürgerschaft. Zusammen mit seinem Bruder Julius führte er von 1919 bis zu seinem Tod den im gemeinsamen Besitz befindlichen, 1936 bereits 109 Jahre bestehenden Familienbetrieb H.A. Fränkel sen., Textilwarengroßhandlung. Die Firma H.A. Fränkel sen. beschäftigte 1933 mehr als 30 Mitarbeiter und gehörte, wie selbst die Gestapo zugeben musste, zu den sozialsten Arbeitgebern in Würzburg, weil auch in den wirtschaftlich krisenhaften Jahren unmittelbar nach dem Ende des 1. Weltkriegs und nach 1929 niemals "betriebsbedingte" Kündigungen von Mitarbeitern erfolgt waren. Die umfangreichen Gestapoakten der Brüder Katzmann lassen überdies erkennen, dass in der Firma ein freundliches Betriebsklima herrschte, das erst durch einen ehrgeizigen und intriganten Angestellten gestört wurde, der Mitglied der NSDAP war. Diesem gelang es aber offenbar nicht, bei H.A. Fränkel sen. eine Zelle der NSBO (NS-Betriebszellen-Organisation) zu etablieren.
Alfred Katzmann hatte in seiner Heimatstadt Würzburg die Volksschule und sechs Jahre die Oberrealschule besucht. Er absolvierte danach anscheinend eine kaufmännische Lehre im Familienbetrieb. 1915 meldete er sich, wie es seiner deutschnationalen Einstellung entsprach, als Kriegsfreiwilliger. Er wurde Offiziersanwärter und errang das EK II; 1918 wurde er verwundet und behielt davon eine steife Schulter zurück.
Alfred Katzmann war Mitglied im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, im jüdischen Schulverein, im jüdischen Turn- und Sportverein und in den ziemlich exklusiven jüdischen Gesellschaftsvereinen Club 1912 und Casino.
Unmittelbar nach der "Machtergreifung" durch die NSDAP begannen Schikanen gegen die Firma. So wurde 1933 durch den erwähnten Angestellten Anzeige wegen angeblich böswilliger Nicht-Übertragung einer "Führerrede" im Betrieb erstattet. Es stellte sich sofort heraus, dass der Termin der Rede erst einen Tag zuvor bekannt gemacht worden war. Alfred Katzmann hatte sich deswegen sogleich mit anderen Firmeninhabern in Verbindung gesetzt und erfahren, dass auch dort wegen der Kürze der Zeit keine Lautsprecheranlage installiert werden konnte. Alfred Katzmann hatte aber den Firmenmitarbeitern zwei Freistunden für das Anhören der halbstündigen Rede an öffentlichen Übertragungsorten gewährt. Die Anzeige wurde daher nicht weiter verfolgt.
Im Januar 1936 kam es zu umfangreicheren Ermittlungen der Gestapo gegen die Firma H.A. Fränkel wegen angeblich "getarnten" Versands von Waren an andere Firmen und private Abnehmer, wobei der weiterhin in der Firma beschäftigte NSDAP-Angehörige besonders einige Frauen von Wehrmachtsoffizieren benannte, die außerhalb von Würzburg wohnten. Im Zusammenhang mit diesem Vorwurf wurden Alfred Katzmann und sein Bruder sogar in "Schutzhaft" genommen, aber nach zwei Tagen wieder freigelassen. Auch hier konnten die Katzmanns nachweisen, dass erstens dieser Versand unter dem Namen des langjährigen Firmenexpedienten ausschließlich auf Wunsch der Kunden erfolgt war und Ähnliches auch in anderen Firmen geschah, dass die Betriebsinhaber davon nicht unterrichtet worden waren und dass drittens alle diese Verkäufe ordnungsgemäß verrechnet und versteuert worden waren.
Als in der Pogromnacht des 10. Novembers 1938 ein SA-Schlägertrupp in seine Wohnung eindrang, stürzte sich Alfred Katzmann, der bis zuletzt an die Möglichkeit des Verbleibs von Juden in Deutschland geglaubt hatte, in Verzweiflung aus dem Fenster.
Seine Frau und seine beiden Kinder konnten im Februar 1941 noch auswandern, wurden dabei aber finanziell vollständig ausgeraubt, wie die sehr umfangreiche Gestapoakte seiner Frau in aller Deutlichkeit zeigt. So wurde, um nur ein Beispiel zu nennen, das Wohnhaus des Ehepaares Alfred und Hedy Katzmann im Mai für 140.000 RM verkauft (der für die Zeit hohe Preis zeigt an, dass es sich um eine Immobilie in bester Lage und - wie die Akte erkennen lässt - in bestem baulichen Zustand handelte), dafür aber gleich eine "Auswanderungsabgabe" von 67.000,- RM erhoben. Die Einkommenssteuerschulden von Hedy Katzmann wurden 1940 auf das 22fache (!) ihrer letzten Jahreseinkommen berechnet, auch dies ohne Frage ein Manöver, alle noch verbliebenen Vermögensteile zu konfiszieren.
   
Quelle Staatsarchiv Würzburg, Gestapoakten 3258, 3254;
Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 1, S. 295 ff.; T. 2, S. 542;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/1225153 (02.06.2016).
Autorin / Autor Hans-Peter Baum
Paten Frau Melitta Wiebel
   
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