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Frieda Reinstein, geb. Wolf

 
geboren am 16.08.1869 in Herxheim/Pfalz
Straße  Friedrich-Ebert-Ring 26
Stadtteil Sanderau
Deportationsdatum23.09.1942
Todesdatum19.02.1943
TodesortTheresienstadt
   
am 23.9.1942 nach Theresienstadt deportiert und dort am 19.2.1943 ermordet
Friedrich-Ebert-Ring 26 (früher Hindenburgstrasse)
   
Frieda Reinstein kam am 16.8.1869 in Herxheim in der Pfalz als älteste Tochter des Kaufmanns Jonathan Wolf und seiner Frau Amalie, geb. Albert aus Ottweiler (Jg. 1839) auf die Welt. Sie wuchs in Herxheim bei Landau mit ihren Geschwistern Rosalie (1870-1943) und Richard (1877-1924) auf und heiratete 1891 in Landau den Weinhändler Alfred Reinstein, der aus Heidingsfeld bei Würzburg stammte. Mit ihm lebte sie in Würzburg in der Hindenburgstraße 26 (dem späteren Friedrich Ebert-Ring) wenige Häuser entfernt von der Weinhandlung Gebrüder Reinstein, die ihr Mann in der Hindenburgstraße 34 zusammen mit seinem Bruder Martin gegründet hatte. Nach dessen Tod führte er den Betrieb mit seiner Schwägerin Lotte geb. Stiefel und deren Sohn Wilhelm weiter. Die Ehe von Frieda und Alfred blieb kinderlos.
Alfred Reinstein starb am 15.12.1932. Nach seinem Tod verlegte Frieda ihren Wohnsitz im April 1934 in die Friedenstraße 21. Im Oktober 1939 musste sie in das Haus der Weinhandlung ziehen, dessen Eigentümerin sie zusammen mit ihrer Schwägerin Lotte war. Die Weinhandlung war 1938/39 liquidiert worden.
Friedas Schwester Rosalie Lindeck, eine Fabrikantenwitwe, wurde 1938 im Zuge des Novemberpogroms aus ihrem Wohnort Kaiserslautern vertrieben, ihre Firma arisiert. Ihr Zuzug nach Würzburg wurde jedoch zunächst nicht genehmigt, 1939-1941 ist sie dann als Bewohnerin der Hindenburgstraße 34 verzeichnet. Im August 1941 müssen die beiden Schwestern in die Konradstraße 3 umziehen.
Am 23. September 1942 wurde Frieda Reinstein zusammen mit Rosalie Lindeck, der Schwägerin Lotte Reinstein und ihrer Nichte Elly Reis nach Theresienstadt deportiert. Dort starb sie kurz nach ihrer Schwester am 19. 2. 1943 aufgrund der unsäglichen Lebensbedingungen.
Auch ihre Schwägerin Lotte sowie deren Kinder Elly, Wilhelm, Paul und Arnold wurden Opfer der Verfolgungen. Lediglich Friedas Nichte Anna Ackermann geb. Lindeck, deren Mann nicht jüdischer Abstammung war, gelang es, in der Illegalität zu überleben. Annas Tochter Irene Quetting, geb. Ackermann verdanken wir einen Bericht über ihren Abschied von den Schwestern Rosalie und Frieda, den uns Rosalies Enkel zusammen mit einem Bild von Frieda Reinstein zur Verfügung gestellt hat:
„Als meine Großmutter uns schrieb, dass die Deportation nahe bevorstand, fuhren meine Mutter und ich nach Würzburg, um Abschied zu nehmen. Es war grausig. Schon vorher hatte Tante Frieda ihre Wohnung aufgeben müssen, und nun waren die beiden alten Frauen in einer Art Sammellager untergebracht, das man in einem ehemals eleganten jüdischen Altersheim eingerichtet hatte. Es war natürlich hoffnungslos überfüllt. Die Leute waren alle am packen. Sie hatten Listen bekommen, worauf genau die Gegenstände verzeichnet waren, die sie mitnehmen durften. Es war wenig genug, außerdem war das Gewicht begrenzt. Da saßen sie nun vor ihren geöffneten Koffern und probierten aus: ’Vielleicht ist das hier praktischer - ach nein, vielleicht das!’ (…) Eine einzige Garnitur Bettwäsche durfte jeder mitnehmen. Sie hatten sie alle dunkelblau gefärbt. ‚Dass man den Dreck nicht so sieht’, sagten sie mit einem traurigen Lächeln. Laut gejammert hat keiner. (…) Meine Großmutter erzählte uns, wie der Abtransport planmäßig vor sich gehen sollte. Am Abend mussten sie zum Abmarsch bereit sein. Dann sollten sie in einen Park geführt werden, wo sie bis zum Morgen bleiben sollten. Es war Herbst und die Nächte schon sehr kalt. (…) Ferner erinnere ich mich daran, dass meine Mutter mir erzählte, dass sie diese Personen zum Sammelplatz begleitet hat. Dort wurde noch die letzte Zigarette geraucht, dies war außergewöhnlich, weil sie wohl vorher kaum in der Öffentlichkeit geraucht hätten. Meine Mutter schämte sich sehr, dass sie Tante Frieda lediglich eine Zigarette angeboten hat und ihr nicht das Päckchen mitgegeben hat. Sie hat ihr Lebtag nicht verwunden, dass sie diesen Liebesdienst nicht vollzogen hat, sondern gedankenlos ihr Eigeninteresse an den Zigaretten höher bewertet habe. Sie hatte deshalb Schuldgefühle, die sie uns Kindern immer wieder als Mahnung erzählte. Der Transport hatte die Nr. II/26 Zug Da 518’ von Nürnberg nach Theresienstadt.“
Biographie erstellt März 2009, überarbeitet Mai 2015.
   
Quelle Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945. Würzburg 1989, T. 2, S. 552-554, 675, T.1 S. 348;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945
https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de948583 (22.1.2015);
Staatsarchiv Würzburg, Gestapoakte 10208;
Stadtarchiv Würzburg, Adressbücher 1934-1941;
Yad Vashem – Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer, Fotografie von Frieda Reinstein
http://db.yadvashem.org/names/nameDetails.html?itemId=4747790&language=de#!prettyPhoto (23.1.2015)
Michael Quetting, Auszug aus einem Bericht seiner Mutter Irene Quetting, geb. Ackermann zum Besuch von Frieda Reinstein und Rosalie Lindeck vor der Deportation;
Michael Quetting, Beitrag über Anna Lindeck geb. Ackermann, auf der Internet-Seite “Gerechte Pflege” (22.1.2015)
http://www.gerechte-der-pflege.net/wiki/index.php/Anna_Ackermann,_geb._Lindeck.
Foto: Gedenkblatt Yad Vashem.
Autorin / Autor NN, Ingrid Sontag
Paten Frau Barbara Schaub
   
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