Anna Schwabacher, geb. Holzinger

   
geboren am 30.12.1872 in Feuchtwangen/Mfr.
Straße  Bohnesmühlgasse 9
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum23.09.1942
Todesdatum16.10.1942
TodesortTheresienstadt
   
deportiert am 23.09.1942 nach Theresienstadt und dort am 16.10.1942 ermordet
   
Anna Schwabacher war seit 1896 mit Wilhelm Schwabacher verheiratet, der drei Jahre älter als sie war. Er war ein in Würzburg bedeutender und prominenter Geschäftsmann und hatte sich in mehrfacher Hinsicht um Würzburg verdient gemacht. Er starb wenige Monate vor der geplanten Deportation im Januar 1942 in Würzburg an einem Schlaganfall.

Wilhelm Schwabacher war seit 1906 der Alleininhaber des väterlichen Mühlenbetriebs, der Bohnesmühle in der Würzburger Innenstadt, wo er mit seiner Familie auch bis 1941 wohnte. 1916 errichtete er auf Betreiben der Heeresleitung eine Haferflockenfabrik in Kitzingen, die er nach dem Krieg veräußerte. Der von ihm geplante Neubau einer Mühle im Neuen Hafen scheiterte an den Verlusten, die seine Firma in der Inflation erlitten hatte. Noch 1922 hatte er zusammen mit zwanzig anderen führenden Geschäftsleuten die Kohleversorgung der Stadt Würzburg durch eine Bürgschaft bei der Reichsbank gesichert.

Er war in der Kommunalpolitik aktiv, so 1919 als Stadtratskandidat für die linksliberale Deutsche Demokratische Partei, aber auch durch sein Engagement für die Einrichtung der Kettenschleppschifffahrt auf dem Main, für den Neuen Hafen, als Mitglied im Vorstand des Polytechnischen Zentralvereins, als Mitbegründer des Gabelsberger-Stenographen-Vereins oder als Vorstandmitglied der Israelitischen Unterrichts- und Erziehungsanstalt ebenso wie des konfessionell neutralen Volksbildungsvereins. Er trat auch durch eine Schenkung an das Fränkische Luitpold-Museum, den Vorläufer des heutigen Mainfränkischen Museums, hervor. Seit 1924 war er Mitglied des sozialdemokratisch ausgerichteten Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold.

Über Anna Schwabachers Leben ist uns wenig bekannt; man wird annehmen können, dass sie die vielfältigen Aktivitäten ihres Mannes im Geschäftsleben und in der Kommunalpolitik nach Kräften unterstützte. Wie er war sie Mitglied im Jüdischen Kulturbund. Sie hatte mit ihrem Mann zwei Söhne, die 1937 bzw. 1939 in die USA emigrieren konnten. Sie erlebte alle Schikanen der NS-Machthaber gegen ihren Mann und gegen ihre Familie mit. So erfolgte am 10. November 1938, also am Tag nach dem Novemberpogrom, gegen sie und ihren Mann eine Reichsfluchtsteuerfestsetzung, die fast genau ein Drittel ihres damals noch beträchtlichen Vermögens ausmachte. Wenige Monate später, im Februar 1939, mussten sie den Familienbetrieb weit unter Wert verkaufen, konnten aber zunächst in ihrer großen Wohnung in der Bohnesmühlgasse bleiben. Schon 1940 wurde das Vermögen der Familie nur noch mit der Hälfte des Wertes von 1938 angegeben.

Im November 1940 wurde im Zuge einer Aktion gegen die Juden die Wohnung von Anna und Wilhelm Schwabacher durchsucht. Die Gestapo stellte eine lange Liste von Beschlagnahmungen zusammen, die insbesondere Lebensmittel, Bettwäsche, Kleidung und Heimtextilien betrafen.

Im Jahre 1934 hatten Anna und Wilhelm Schwabacher zum Preis von RM 20.500 ein Gartenhaus im Steinbachtal erworben, an das sie mit einem Aufwand von RM 5.000 eine Terrasse anbauten. Dieses Haus verpachteten sie zunächst im Juni 1941. Der Plan zur Auswanderung nach Kuba - das Visum lag bereits vor -, den sie in jenem Jahr gefasst hatten, ließ sich nicht verwirklichen, da ihr Vermögen dazu 1941 nicht mehr ausreichte. Sie waren gezwungen, im Dezember 1941 ihr Gartenhaus zum Preis von RM 12.500 an einen Nationalsozialisten zu verkaufen. Im August dieses Jahres waren sie offensichtlich aus ihrer alten Wohnung ausgewiesen worden, da am 28. August 1941 die Einrichtung versteigert wurde.

Nun wollten Anna und Wilhelm Schwabacher noch für ihre Enkel sorgen, die Kinder ihres Sohnes Paul, die eine "arische" Mutter hatten, die aber als Juden galten; sie und ihre Mutter hatten nicht mit Paul zusammen emigrieren können. An die drei Söhne Pauls, damals zwischen 6 und 10 Jahre alt, sollten je RM 7.000 angewiesen werden, doch genehmigte die Gestapo dies nicht. Alle drei überlebten aber die NS-Zeit auf dem Bauernhof einer christlichen Freundin der Familie unweit von Würzburg und konnten nach Kriegsende zu ihrem Vater in die USA ausreisen.

Nach Wilhelms Tod am 12. Januar 1942 wurde Anna Schwabacher am 23. September 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie nur drei Wochen später starb.
   
Quelle Staatsarchiv Würzburg, Gestapo-Akte 13881;
Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, S. 536 f.;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/969751 (23.06.2016);
Datenbank der Holocaust Opfer aus den böhmischen Ländern und von Häftlingen im Theresienstädter Ghetto aus Europa, http://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/31785-anna-schwabacher/ (23.06.2016);
Deportation der jüdischen Bevölkerung aus der Bezirksstelle Bayern. Nürnberg - Würzburg nach Theresienstadt, Abfahrtsdatum: 23.09. – 24.09.1942, http://www.statistik-des-holocaust.de/II26-22.jpg (22.06.2016).
Autorin / Autor H.P.B
Paten Frau Irene Westphal
   
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