Dr. Jakob Jekutiel Neubauer

   
geboren am 29.01.1895 in Leipzig
Straße  Ebrachergasse 4
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum05.04.1944
Todesdatum22.03.1945
TodesortBergen-Belsen
   
interniert in Westerbork, deportiert am 05.04.1944 von Westerbork nach Bergen-Belsen und dort am 22.03.1945 ermordet
   
Jakob Jekutiel Neubauer entstammte einem wohlhabenden Elternhaus. Sein Vater war ein Kaufmann, der dem sog. Belzer Chassidismus, einer strengen Frömmigkeitsbewegung, zuneigte und seinem Sohn eine sorgfältige und umfassende religiöse Bildung durch Hauslehrer angedeihen ließ. Daneben wurde aber die weltliche Bildung am Gymnasium nicht vernachlässigt. Schon 1913, im Alter von 18 Jahren, legte Jakob Neubauer nicht nur das Abitur ab, sondern wurde durch zwei in Ostmitteleuropa berühmte Rabbiner zugleich zum Rabbiner ordiniert. Wie in streng orthodoxen Familien nicht ungewöhnlich, heiratete er im folgenden Jahr die ebenfalls 19-jährige Tochter eines Rabbiners.
Er studierte nach dem Abitur in Leipzig Rechtswissenschaften und semitische Sprachen. Im Jahre 1920 schloss er sein Studium mit einer viel beachteten Dissertation ab, die ihm neben anderen Publikationen, die er bereits vorgelegt hatte, den Weg zu einer akademischen Karriere eröffnet hätte. Doch Jakob Neubauer zog vor, sich als Privatgelehrter in der Abgeschiedenheit des von seinem Vater neu erworbenen Gutes Hermannsberg in Bayern einem intensiven Studium von Thora und Talmud zu widmen. Er scharte dort eine Gruppe von Studenten um sich, die unter seiner Anleitung religionswissenschaftliche Studien betrieben. Im Zuge dieser Studien festigte sich bei ihm die Auffassung von der Vereinbarkeit der philologisch-historischen Methode mit dem traditionellen Thorastudium.
Aus wirtschaftlichen Gründen sah er sich 1926 gezwungen, eine Stelle zu finden, die ihm den Lebensunterhalt gewähren konnte. So kam er im Alter von 31 Jahren als Seminarrabbiner an die ILBA, die Israelitische Lehrerbildungsanstalt in Würzburg. Zu seinen Pflichten gehörte hier neben der Seelsorge vor allem die Erteilung von Unterricht in talmudischen Studien, in jüdischer Geschichte und weiteren Fächern. Alle Zeitzeugen sagen übereinstimmend aus, dass durch ihn, der sich auf dem Terrain der jüdischen Religionstradition ebenso sicher bewegte wie in den modernen Geistes- und Rechtswissenschaften weltlicher Prägung, der zwar wie ein frommer chassidischer Gelehrter auftrat, aber ebenso mit den neuesten Entwicklungen der europäischen Literatur vertraut war, das Niveau der religiösen Ausbildung an der ILBA deutlich gehoben wurde. Neubauer war aufgrund seiner gewinnenden Persönlichkeit und seiner wissenschaftlichen Brillanz auch hier in der Lage, einen großen Zirkel interessierter Studenten der ILBA, aber bald auch der Universität an sich zu ziehen; ja, es kamen - angezogen von seinem Ruf - hoch motivierte und wissenschaftlich befähigte Studierende aus ganz Deutschland und noch darüber hinaus an die ILBA. Sein Haus in der Ebracher Gasse wurde, nicht zuletzt auch durch dessen weit gerühmte Gastlichkeit, zu einem bekannten Zentrum religiöser Gelehrsamkeit und theologischer Diskussion. Verstärkt wurde dieser Ruf dadurch, dass Neubauer sich mit zahlreichen bedeutenden Publikationen in angesehenen Zeitschriften an der wissenschaftlichen Diskussion in seinen Fächern beteiligte. Neubauer war Mitglied des Bundes jüdischer Akademiker und der orthodoxen Vereinigung Esra. Seine Ansprachen bei den Jahresversammlungen dieser Vereinigungen wurden zu unvergesslichen Ereignissen.
Schon seit 1930 stand Neubauer, dessen akademischer Ruf sich in Europa verbreitet hatte, in Verbindung mit den Leitern des Rabbinerseminars in Amsterdam, wo er auch häufig Vorlesungen hielt. 1933 erkannte er sofort die Gefahr, die dem Judentum vom Nationalsozialismus drohte, und ging an das Seminar nach Amsterdam, wo er das Feld seiner Studien noch ausweitete.
Der Ausbruch des Kriegs und die Besetzung der Niederlande durch die deutsche Wehrmacht zerstörten Neubauers Psyche und Arbeitskraft völlig. Er konnte sich nicht an die Lebensbedingungen im Ghetto Amsterdam anpassen, noch weniger an die im KZ Bergen-Belsen, wohin er deportiert worden war. Er starb wenige Wochen vor der Befreiung des KZ durch britische Truppen.
   
Quelle Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, S. 402 f.;
Alex Roberg, Yekutiel Jakob Neubauer 1895 - 1945, in: Ottensoser/Roberg (Hrsg.), ILBA. Israelitische Lehrerbildungsanstalt Würzburg 1864 - 1938, Huntington Woods, MI, 1982, S. 126-132;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/1226015 (07.06.2016);
Yad Vashem – The Central Database of Shoa Victims’ Names, Gedenkblatt, http://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&s_lastName=neubauer&s_firstName=jakob&s_place=&itemId=1521278&ind=10&winId=-1206984322280503479 (07.06.2016);
Joodsmonument, Datenbank der Opfer der Shoa aus den Niederlanden, https://www.joodsmonument.nl/en/page/31362/jakob-jekuti-el-neubauer (07.06.2016).

Foto: Biographische Datenbank Jüdisches Unterfranken.
Autorin / Autor Hans-Peter Baum
Paten Herr Hans Köbler
   
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