Ruth Weinberger, geb. Jacobsohn

   
geboren am 17.02.1900 in Lüneburg
Straße  Keesburgstraße 20
Stadtteil Frauenland
Deportationsdatum17.06.1943
Todesdatum30.06.1943
TodesortAuschwitz
   
deportiert am 17.06.1943 nach Auschwitz und dort am 30.06.1943 ermordet
   
Ruth Weinberger entstammte einer angesehenen Lüneburger Familie. 1923 heiratete sie den 1889 geborenen Karl Weinberger, der zu dem Zeitpunkt in Berlin als Jurist im Staatsdienst tätig war. 1919 hatte Ruth Jacobsohn in Lüneburg ihr Abitur gemacht und danach - allerdings wohl ohne das Ziel einer akademischen oder beruflichen Karriere - an den Universitäten Hamburg (die damals gerade erst aus dem "Kolonialinstitut" entstanden war), München und Marburg studiert; einen akademischen Abschluss erwarb sie nicht. Ruth Weinberger war musikalisch sehr begabt, eine hervorragende Pianistin und Violinistin, die aber auch das Singen liebte. Sie hielt zeitlebens einen engen Kontakt mit ihren Eltern und Geschwistern sowie mit deren Kindern.

Karl Weinberger wurde von Berlin zunächst nach Hof versetzt, 1929 dann als Erster Staatsanwalt an die Staatsanwaltschaft Würzburg. Die Familie gehörte damit zum gehobenen Bürgertum der Stadt. Zunächst wohnte sie in der Wittelsbacher Straße 7, aber nach der Geburt des dritten Kindes 1936 war diese Wohnung zu klein geworden und Weinbergers zogen in eine größere Wohnung in der Keesburgstraße 20.

Die Weinbergers waren - wie bei einem Ersten Staatsanwalt kaum anders zu erwarten - eine ganz und gar assimilierte Familie, die ihr deutsches Vaterland und besonders die deutsche Kultur sehr liebte. So feierte man zwar auch Chanukka, aber viel mehr Weihnachten mit Weihnachtsbaum, -gebäck, -geschenken und -liedern. Man fuhr im Urlaub an die Ostsee, in die bayerischen Alpen, besonders gern aber in die Rhön, woher einige Vorfahren stammten. Man machte Wanderungen und Ausflüge in die nähere Umgebung, und noch 1942, als Ruth Weinberger ältere und behinderte jüdische Bürger vor ihrer Deportation aus ihren Wohnorten in Unterfranken zur temporären Unterbringung in den Würzburger "Judenhäusern" abholen musste, lassen ihre Briefe an eine Freundin erkennen, wie sehr sie an bestimmten Orten und Landschaften hing, weil sich mit ihnen Erinnerungen an Ausflüge mit ihrem Mann oder mit der ganzen Familie verbanden.

Am 9. November 1938 hatte Karl Weinberger in Familienangelegenheiten eine Reise nach Lüneburg gemacht. Als in der Pogromnacht eine Horde Nazis in Weinbergers Wohnung eindrang, war Ruth mit den Kindern allein. Die Familie Bauer, der das Haus gehörte und zu der die Familie Weinberger ein freundschaftliches Verhältnis hatte, versuchte vergeblich - woraus sich sogar für den Hausherrn später Komplikationen mit der Partei ergaben - Schaden zu verhindern. Zwar geschah Ruth und ihren Kindern nichts, aber zwei Zimmereinrichtungen wurden völlig zerschlagen.

Karl Weinberger wurde anscheinend 1937 aus dem Staatsdienst entlassen, was ihn psychisch sehr belastete. Er übernahm 1939/40, obwohl er bis dahin nicht sehr religiös gewesen war, sich aber ein Leben in Untätigkeit nicht vorstellen konnte, die Leitung der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg. Er starb im Dezember 1941 nach mehrwöchigem Krankenhausaufenthalt an einer Blutvergiftung, möglicherweise verursacht durch eine alte Kriegsverletzung.

Ruth arbeitete seit 1940 als Krankenschwester in der Gemeinde und übernahm dann die oben beschriebene Aufgabe, wohl wissend, dass die Deportation für die alten Menschen, die sie aus ihren Heimatorten abholte, ein baldiges Ende bedeuten würde.

Am 17. Juni 1943 wurde Ruth Weinberger mit ihren beiden jüngsten Kindern nach Auschwitz deportiert. Da dort keine Registrierung vorliegt, muss angenommen werden, dass sie sofort nach der Ankunft ins Gas geschickt wurden.

Von der Familie Karl Weinberger überlebte als einzige die älteste Tochter Hannah Gertrud, die im Juni 1939 im Alter von 11 Jahren mit einem Kindertransport nach England gelangte. Ihren Erinnerungen, die 2003 als Buch erschienen sind, konnten Einzelheiten über die Familie Weinberger entnommen werden.
   
Quelle Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, S. 262, 660;
Hannah Hickman, Let One Go Free, Newark (GB), 2003;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/988040 (26.06.2016);
Yad Vashem – The Central Database of Shoa Victims’ Names, Gedenkblatt, http://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=1066541&ind=1 (26.06.2016).
Autorin / Autor Hans-Peter Baum
Paten Das Matthias-Grünewald-Gymnasium, Christoph Ries
   
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