Sofie Reiss

   
geboren am 13.01.1867 in Adelsheim/Baden
Straße  Bismarckstraße 10
Stadtteil Altstadt
Todesdatum15.11.1941
TodesortWürzburg
   
geb. Hanauer, wählte den Freitod nach Ankündigung der ersten Deportation aus Würzburg
Bismarckstr. 10
   
Als Tochter von Maier Hanauer und Babette, geb. Wertheimer, wurde Sofie Hanauer am 13. Januar 1867 in Adelsheim geboren. Sie wuchs zusammen mit vier Schwestern und einem Bruder auf, darunter Ida, verh. Freudenberger. In Adelsheim besuchte sie die Volksschule und in Stuttgart ein Jahr lang ein Pensionat. Mit 18 Jahren heiratete Sofie den aus Hainstadt in Baden stammenden Hermann Reiss. Zwei Jahre später zog das junge Paar mit Eltern und Geschwistern nach Würzburg, wo der Vater zusammen mit Hermann Reiss die Branntweinbrennerei und Likörfabrik M. Hanauer & Sohn gründete - zunächst an der Kartause 9 ¼, später in Heidingsfeld. Nach dem Ausscheiden von Maier Hanauer im Jahre 1908 stieg Hermann Reiss zum Seniorchef des Unternehmens auf. Zwischen 1886 und 1902 wurden die Kinder Martha, Julius, Siegbert, Hedy und Fred geboren, von denen Martha und Siegbert bereits früh verstarben. Sofie Reiss war Mitglied im jüdischen Kulturbund. Hermann Reiss wurde zu einem sehr erfolgreichen und angesehenen Fabrikanten, der hohes Ansehen erlangte, zum Geheimen Kommerzienrat aufstieg und in vielen Vereinigungen aktiv war. Auch in der jüdischen Gemeinde nahm er wichtige Positionen im Vorstand ein. Seine Firma, das größte jüdische Unternehmen der Stadt, zeichnete sich durch herausragende Sozialleistungen aus. Im Mai 1937 starb Hermann Reiss und hinterließ seiner Witwe ein großes Vermögen. Das blieb auch den Behörden nicht verborgen. Laut Auskunft einer Denunziation an die Gestapo Würzburg belief sich das Vermögen 1938 auf 340.000 RM. Wie bei anderen wohlhabende Juden wurde bei Sofie Reiss im November 1940 eine Wohnungsdurchsuchung vorgenommen. Sie wurde wegen angeblicher Devisenvergehen bestraft. Zu dieser Zeit lebte sie mit ihrer Schwester Ida Freudenberger am Sebastiansteig 2. Ihre große Wohnung an der Bismarckstr. 10, in der sie im Oktober 1938 noch gelebte hatte, musste sie aufgeben. Am 15. November 1941 starb Sofie Reiss, indem sie Suizid beging. Davon finden sich in der behördlichen Überlieferung jedoch keine Spuren. Der Zeitpunkt kurz vor der ersten Deportation aus Würzburg ist jedoch plausibel. Zudem ist das Wissen über den Freitod in der Familie glaubhaft überliefert. Ihre Schwester Ida Freudenberger wurde im September 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie wenig später starb. Den Kindern von Sofie Reiss gelang noch die Emigration. Erst zwei Jahre nach dem Tod von Sofie Reiss begannen die NS-Behörden, nach ihren hinterlassenen Möbeln zu suchen. Diese Nachforschungen ergaben, dass die Möbel im Wert von etwa 3.000 RM bei einer Spedition eingelagert waren, und zwar unter dem Namen der langjährigen Haushaltshilfe Elise Edel. Sofie Reiss hatte ihrer Haushaltshilfe kurz vor ihrem Tod per Testament die Möbel hinterlassen, weil sie sie über Jahre versorgt und gepflegt hatte. Da das Testament kurzfristig niedergeschrieben und nicht genehmigt worden war, wurde es für ungültig erklärt und der Nachlass eingezogen. Pate: Siebold-Gymnasium (Herr Mais)
   
Quelle Staatsarchiv Würzburg, Gestapoakten 10291, 10281;
Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 1, S. 236;
Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 2, S. 456;
Roland Flade, Die Würzburger Juden. Ihre Geschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart, 2. erw. Aufl., Würzburg 1996, S. 218f.
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/directory.html.de (21.2.2012) Marco Riedl and Marlon Schramm, Q11, Siebold-Gymnasium, Würzburg
Autorin / Autor Dr. Rotraud Ries
Paten Siebold-Gymnasium
   
zurück