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Hedwig Mathilde Müller

   
geboren am 23.03.1890 in Niedernberg, LK. Obernburg
Straße  Münzstraße  10 1/2
Stadtteil Altstadt
Todesdatum24.02.1939
TodesortWürzburg
   
am 24.2.1939 in Würzburg durch die Gestapo in den Suizid getrieben Der Stolperstein wird in der Münzstraße 10 1/2 vor dem letzten Strandort des ehemaligen Geschäft verlegt und nicht an ihrem Wohnort in der Wölffelstraße 3.
   
Hedwig Müller ist 49 Jahre alt, als sie stirbt, eine Frau, die sich nicht verbiegen und ihr Mitgefühl nicht verbieten ließ. „Entweder bin ich verrückt oder die Menschen“, diese Notiz fand man in ihren Unterlagen, nachdem sie ihrem Leben ein Ende gesetzt hatte.
Die Tochter des Lehrers Johann Rudolf Müller und seiner Frau Margaretha, geb. Langermann war in Niedernberg aufgewachsen. Dort hatte sie die Volks- und eine Haushaltungsschule besucht. Seit 1914 war sie in Würzburg wohnhaft. Ihre Eltern kamen 1917 auch hierher und wohnten in der Blumenstraße 5 (die spätere Eichendorffstraße). Nach dem Tod des Ehemanns blieb Hedwigs Mutter in der Wohnung und vermutlich wohnte auch Hedwig bei ihr, bis sie im Juni 1934 eine Wohnung in der Wölffelstraße 3 bezog. Auch Hedwigs Bruder Alfred ist immer wieder für einige Zeit an der Adresse der Mutter registriert und als Küchenchef bei der Mitropa tätig.
Im Februar 1928 eröffnete Hedwig in der Rosengasse 4 ½ ein Reformgeschäft, das 1933 in die Sanderstraße 11 umzog. Erst 1938 eröffnete dann ihr Reform- und Kräuterhaus in der Münzstraße10 ½, das sie weiter als alleinige Inhaberin betrieb.
Am 16.2. wird Hedwig Müller auf Initiative eines NSDAP Parteimitglieds bei der Gestapo denunziert: Sie soll sich in einem Gespräch im Laden über den Selbstmord einer Jüdin so geäußert haben: „Es ist ja kein Wunder, wie sie mit den armen Juden umgehen – Pfui aufs dritte Reich“.
Sie wird vorgeladen und am 24.2.1939 von der Gestapo in der Ludwigstraße vernommen. Sie sagt aus, eine Kundin habe ihr erzählt, dass sich eine Jüdin am Petersplatz vergiftet habe. Sie wisse nicht, was sie dazu gesagt habe, „wohl, dass es sich um die Frau Wechsler handeln würde und ich es nur bedauerte, weil sie eine gute Kundin war“. Welchen Druck sie während des Verhörs aushalten muss, weiß man nicht. Nachdem sie die Unterschrift unter das Vernehmungsprotokoll verweigert, soll sie am Nachmittag erneut bei der Gestapo in der Ludwigstraße zur Unterschrift erscheinen.
Sie geht in ihre Wohnung, besucht kurz darauf um ca. 13 Uhr ihre Mutter in der Eichendorffstraße, kehrt nach Hause zurück und erledigt noch, was ihr wichtig ist. Wohl um 14 Uhr steigt sie die Treppen zum Speicher hinauf. Als sie zwei Tage lang nicht gesehen wird, lässt ihr Bruder die Wohnung öffnen. Man findet ein Testament mit dem Datum des 24.2.1939 und einen Abschiedsbrief. Er endet mit folgendem Vermerk: "Ich bin in der Bodenkammer! 2h."
Die Testamentseröffnung am 19.4. führte noch zu einem Niederschlag in der Akte von Hedwig Müller: „Die Clivie mitsamt dem Ständer, welche neben dem Bildnis des König Ludwig II steht, vermache ich Herrn (…) von der Geheimen Staatspolizei, Ludwigstraße 2, Zimmer 18.“ Der Erbe war ihr Vernehmer bei der Vorladung gewesen. Offenkundig verunsichert, reagierte der mit dem Gesuch an seine Vorgesetzten, von der Annahme der Erbschaft Abstand nehmen zu dürfen.
Man kann spekulieren, was Hedwig Müller mit dieser Geste ausdrücken wollte. Sie war eine selbständig denkende, mutige Frau, die sich offen gegen Unmenschlichkeit gestellt hat, was eindrucksvoll zeigt, dass sich Einzelne dem unmenschlichen Treiben der Nazis im Alltag widersetzten.
Biografie erstellt April 2007, überarbeitet Mai 2016.
   
Quelle Staatsarchiv Würzburg, Gestapo-Akte 8043;
Stadtarchiv Würzburg, Adressbücher 1910-1918, Grundlisten Eichendorffstraße 5, Wolffelstraße 3.
Autorin / Autor NN, Ingrid Sontag
Paten Frau Dr. Ursula Tittor
   
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