Flora Kahn

   
geboren am 21.05.1901 in Gleicherwiesen, Krs. Hildburghausen
Straße  Franziskanergasse 12
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum14.04.1939
Todesdatumunbekannt
TodesortBernburg/Saale
   
am 14.04.1939 nach Ravensbrück deportiert und von dort 1942 in die „Euthanasie“-Tötungsanstalt Bernburg/Saale und dort bald darauf ermordet
   
Flora Kahn wurde am 21. Mai 1901 in Gleicherwiesen, Kreis Hildburghausen, geboren und lebte zunächst bei ihren Eltern, dem Viehhändler Josef Kahn, später Häuservermittler, und Emma, geb. Strauß. Nach eigener Aussage ist sie in der Schule gut mitgekommen.
Im Jahre 1915 nahm sie eine Stelle als Hausmädchen zunächst bei Verwandten in Hessen an. Später war sie dann auch bei fremden Leuten im Haushalt tätig. Zwischendurch kam sie immer wieder nach Hause zu ihren Eltern.
Im Herbst 1937 trat sie eine Stelle bei dem jüdischen Darm- und Fleischereibedarfsartikelhändler Willi Gordatowski in Meiningen an. Sie besorgte dort den ganzen Haushalt, weil Frau Gordatowski leidend war. Am 1. Mai 1938 verließ sie diese Stelle plötzlich und fuhr nach Hause. Nach den Gründen dafür befragt, gibt sie später an, einerseits schon länger diese Absicht gehabt zu haben, andrerseits aber wegen eines Vorfalls abgereist zu sein, in dessen Folge sie in ein „Rassenschandeverfahren“ verwickelt wurde. Vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Meiningen soll sie im Prozess gegen den Bekannten N. aussagen. Ihr wird erklärt, dass der weibliche Teil in einem solchen Verfahren strafrechtlich nicht belangt werden kann und sie daher gegen den Mann aussagen müsse. Tatsächlich war es aber so, dass Jüdinnen sofort in „Schutzhaft“ genommen und in ein Konzentrationslager eingewiesen wurden. Flora Kahn gibt zunächst alles zu, ändert aber dann ihre Aussage zugunsten des Mannes und behauptet, dass nichts vorgefallen sei, was den Tatbestand der „Rassenschande“ erfüllen würde. Ihr wird vorgehalten, dass eine ihrer Aussagen falsch sein müsse: Entweder habe sie eine strafbare falsche Anschuldigung erhoben und bewirkt, dass N. in Untersuchungshaft kam oder sie habe vor Gericht gelogen und sich damit der Begünstigung von N. schuldig gemacht. N. wird am 25. August 1938 in Meiningen wegen „Rassenschande“ verurteilt und ins Gefängnis nach Eisenach gebracht.
Flora Kahn ist inzwischen nach Würzburg verzogen. Ein Meininger Landgerichtsrat reist ihr dorthin nach, um selbst das gegen sie bei der Staatsanwaltschaft Meiningen anhängige Strafverfahren wegen Begünstigung bzw. falscher Anschuldigung durchzuführen. Daraufhin wird Flora Kahn am 23.9.1938 in Würzburg festgenommen und von dem Meininger Landgerichtsrat verhört, ihre Wohnung wird durchsucht („Belastendes Material konnte nicht vorgefunden werden“). Sie wird in Polizeihaft genommen und ins Gefängnis eingeliefert. Antrag auf „Inschutzhaftnahme“ wird gestellt. Es wird vom Gericht in Würzburg „mit Bestimmtheit“ angenommen, dass, „da die Jüdin Kahn nach ihrer ersten Vernehmung in Meiningen nicht in Polizeihaft genommen wurde, …jemand an die [sic] herangetreten ist und sie zum Widerruf ihres Geständnisses veranlasste“. Sie wird wegen Begünstigung zu einer Gefängnisstrafe von acht Monaten verurteilt. Außerdem wird mit Erlass des RSHA vom 24.3.1939 Schutzhaft angeordnet, gemäß dem Geheimerlass von Reinhard Heydrich vom 12. Juni 1937, und die Einweisung in das SS- Frauenkonzentrationslager Ravensbrück verfügt. Vermutlich kommt sie aber zunächst in das Frauen Konzentrations-Lager Lichtenburg, da Ravensbrück zu dem Zeitpunkt noch nicht fertig ist und wird dann am 18. Mai 1939 zusammen mit den anderen Frauen (insgesamt 867) nach Ravensbrück überführt.
In diesem Lager war die Zusammensetzung der Häftlingsbevölkerung sehr heterogen. Die jüdischen Frauen standen auf der untersten Stufe der Lagerhierarchie und wurden besonders gequält. Von mehreren Überlebenden ist die Aussage überliefert: „Ravensbrück war das schlimmste Lager von allen – es war sogar schlimmer als Auschwitz.“ * Dort erreicht sie mit Datum vom 22. Juli 1939 ein Schreiben des Central Office for Refugees, London, mit einer Arbeitserlaubnis für Großbritannien. Auch das nötige Reisegeld wird auf ihr Konto eingezahlt. Obwohl bis 1941 gelegentlich Jüdinnen aus Konzentrationslagern entlassen wurden, wenn sie nachweisen konnten, dass ihrer Auswanderung nichts im Weg stand, trifft dies auf Flora Kahn nicht zu. Man zeigte ihr noch das Schreiben aus London, ließ sie aber nicht frei. Vermutlich hat die Gestapo in Würzburg die dafür erforderliche Anweisung verweigert.
Dem Vater Josef Kahn, der seit 1940 in Frankfurt lebte, wird am 16. Juni der Tod seiner Tochter am 21.5.1942 im KZ Ravensbrück mitgeteilt. Als Todesursache wird „Herz- und Kreislaufschwäche bei eitriger Rippenfellentzündung“ angegeben. Er stirbt wenige Wochen nach dem Erhalt dieser in allen Teilen fiktiven Nachricht. In Wirklichkeit wurde Flora Kahn unter dem Aktenzeichen „14f13“ irgendwann in der ersten Hälfte des Jahres 1942 mit einem Transport in die „Euthanasie“-Tötungsanstalt Bernburg/Saale deportiert und dort in der Gaskammer ermordet. Sie wurde 41 Jahre alt.
* Judith Buber Agassi, S.21

Biographie erstellt September 2006, überarbeitet November 2016
   
Quelle Staatarchiv Würzburg, Gestapo Akte 2930;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http:www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de892089 (21.11.2016);
Persönliche Mitteilung (e-mail) Melanie Engler, Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin, 2.3.2015;
Telefonische Auskunft Monika Schnell, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, 21.11.2016;
Buber Agassi, Judith: Die jüdischen Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück. Wer waren sie? LIT VERLAG Dr. W. Hopf Berlin 2010, SS. 48-68;
Bock, Gisela: Genozid und Geschlecht: jüdische Frauen im nationalsozialistischen Lagersystem, Campus Verlag 2005, S. 50.
Autorin / Autor NN, Kristin Höhn
Paten Frau Barbara Neuhauser
   
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