Jakob Sichel

   
geboren am 19.02.1875 in Veitshöchheim/Unterfranken
Straße  Hofmeierstraße 9
Stadtteil Frauenland
Deportationsdatum23.09.1942
Todesdatum23.01.1943
TodesortTheresienstadt
   
deportiert am 23.09.1942 nach Theresienstadt und am 23.01.1943 dort ermordet
   
Jakob Sichel kam als Sohn von Simon Sichel, Kaufmann und Landwirt, und dessen Frau Babette (Barbara), geb. Blümlein, am 19. Februar 1875 in Veitshöchheim zur Welt. Er wuchs mit drei Geschwistern auf.

Zusammen mit seinem Bruder Karl gründete er 1899 in Würzburg die Wäschefabrik Gebrüder Sichel; die sich auf Weiss- und Baumwollwaren sowie elegante Stoffe und Futterstoffe spezialisierte. Der Firmensitz war am Haugerring 15/16. Um 1913 zog er sich aus der Firma zurück und betrieb selbständig eine Gärtnerei, später wird er als Privatier bezeichnet.

Im Jahr 1907 erlangte Jakob Sichel die Bürger- und Heimatrechte; und heiratete am 17. November in Würzburg Ella, geb. Sichel. Zusammen mit ihr lebte er in der Hofmeierstraße 9. Dort wohnte von 1912-1914 auch seine Schwester Anna und vermutlich seit Ende der 1930er Jahre seine Schwiegermutter Sofie aus Frankfurt a.M. Anders als im Totenschein aus dem Ghetto Theresienstadt angegeben, hatte das Paar keine Kinder.

Im Zuge des Novemberpogroms 1938 wurde Jakob Sichel verhaftet und am 11. November 1938 von der Staatspolizeistelle Würzburg vernommen. Es folgte eine kurze Haft im KZ Buchenwald vom 12. bis 19. November 1938.

Das Vernehmungsprotokoll zitiert Jakob Sichel mit den Worten, er sei "während des Krieges nicht eingezogen [worden]. Ich verrichtete Sanitätsdienste in Würzburg bei der freiwilligen Sanitätskolonne. Das Anwesen Hofmeierstraße 9 mit angrenzendem Garten in einer Größe von 3.000 m² ist mein Eigentum und haben diese Objekte einen Wert von schätzungsweise RM 50.000. Außerdem besitze ich Wertpapiere in der Höhe von RM 40.000 [...]. Im Jahre 1915 bis zu meinem Ausschluß 1934 war ich in Würzburg Mitglied der freiwilligen Feuerwehr und der Sanitätskolonne."

Nach seiner Entlassung aus dem KZ erstattete Jakob Sichel im Dezember bei der Gestapo Strafanzeige wegen Diebstahls von Sparbüchern und Bargeld im Wert von insgesamt 5.200 RM während des Novemberpogroms. Die Ermittlungen verliefen ergebnislos, doch die Sparbücher bekam er im November 1939 wieder zurück.

Wie bei anderen wohlhabenden Juden führte die Gestapo im Dezember 1940 bei Jakob Sichel eine Hausdurchsuchung durch und stellte dabei einen Betrag von RM 776 sowie 9 Silbermünzen sicher. Ein Teil des Geldes wurde einkassiert, der monatlich erlaubte Betrag, den die Familie zum Leben nutzen durfte, reduziert. Im Winter 1941/42 musste das Ehepaar Sichel sein Haus verlassen und in das Gebäude auf dem Jüdischen Friedhof ziehen. Spätestens jetzt zog die Schwiegermutter in das Jüdische Altersheim an der Dürerstraße 20. "Nicht benötigte Möbel" (Buffet, Holzbett, 4 Matratzen) ließ das Ehepaar wenig später versteigern. Kurz vor der Deportation am 23. September 1942 fand die endgültige Beraubung von Jakob und Ella Sichel statt: Sie wurden genötigt, einen sogenannten Heimeinkaufsvertrag über RM 29.204 in bar und Wertpapieren zu schließen und eine Reichsfluchtsteuer von RM 23.000 zu zahlen.

Wenig später wurde das Ehepaar zusammen mit der Schwiegermutter nach Theresienstadt deportiert, wo alle drei innerhalb der nächsten sechs Monate aufgrund der unmenschlichen Lebensbedingungen starben. Als Todesursache vermeldet der Totenschein für Jakob eine "Lungenentzündung".
   
Quelle Staatsarchiv Würzburg, Gestapoakte 14375 Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 2, S. 552 f.;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/961008 (26.06.2016);
Datenbank der Holocaust Opfer aus den böhmischen Ländern und von Häftlingen im Theresienstädter Ghetto aus Europa, http://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/32393-jakob-sichel/ (26.06.2016);
Deportation der jüdischen Bevölkerung aus der Bezirksstelle Bayern. Nürnberg - Würzburg nach Theresienstadt, Abfahrtsdatum: 23.09. – 24.09.1942, http://www.statistik-des-holocaust.de/II26-20.jpg (22.06.2016).
Autorin / Autor Barbara Gärtner
Paten Freiwillige Feuerwehr der Stadt Würzburg e.V., Herr Brandmeister Klaus-Dieter Schulz
   
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