Isay (Schaja) Ostrach

   
geboren am 09.04.1873 in Balta/Ukraine
Straße  Mergentheimer Straße 6
Stadtteil Steinbachtal
Deportationsdatum09.11.1942
Todesdatum14.11.1942
TodesortAuschwitz
   
deportiert am 09.11.1942 von Drancy nach Auschwitz und dort kurz nach der Ankunft am 14.11.1942 ermordet
   
Der Kaufmann Isay (Schaja) Ostrach lebte in Würzburg von 1914 bis 1938. Er stammte aus der Provinz Odessa, Ukraine, deren gleichnamige Hauptstadt um 1900 ein kosmopolitisches Zentrum jüdischen Lebens war.
Am 9. April 1873 in Balta geboren, lebte Ostrach als junger Mann in Odessa und engagierte sich in der zionistischen Bewegung. Von 1894 bis 1897 leistete er seinen Militärdienst ab und heiratete im Jahr 1900 Rosa Gita, geb. Kovler aus Nikolajev. Fünf Jahre später war er Zeuge des schweren Pogroms in Odessa und fasste wohl auch unter diesem Eindruck den Entschluss, mit seiner Familie zu emigrieren. Sein Wunsch, "meinen Kindern eine deutsche Erziehung angedeihen zu lassen", brachte ihn 1909 mit seiner Frau und den Kindern Leo Isay (geb.1901) und Paula (geb.1906) zunächst nach Plauen im Vogtland (zu Verwandten) und von dort 1911 aus geschäftlichen Gründen nach Frankfurt am Main.
Im ersten Weltkrieg wurden Ostrach und seine Familie als "feindliche Ausländer" aus Frankfurt ausgewiesen und zogen nach Würzburg. Sie lebten in der Mergentheimerstraße 6, wo Ostrach eine Fasshandlung betrieb. Er galt als Zivilgefangener mit täglicher Meldepflicht und hatte über mehrere Jahre nur eine befristete Aufenthaltserlaubnis. De facto war er staatenlos, weil er im russischen Bürgerkrieg aufgrund seiner Parteinahme für die weißrussische Seite seine Staatsangehörigkeit verloren hatte. Neben dem Fasshandel war er auch als Weinkommissionär für die Weingroßhandlung Henninger & Roth der Familie Stern in der Textorstraße und für die (ost-)jüdische Darlehenskasse, den Wohltätigkeitsverein Gemilut Chesed, tätig. Bereits 1933 wurde er (letztlich folgenlos) auf einer Geschäftsreise von einem Bahnhofswirt wegen angeblicher Spionage denunziert.
Auch ein in seinem Haus wohnender Nazi schwärzte ihn an: "Frech liest O. den Stürmer im Kasten an der Polizeistation Burkard und hält dadurch Volksgenossen vom Lesen ab". "Er legt seinen ganzen glühenden Hass gegen sie (sc. die nationalsozialistischen Familien im Haus) in seine Blicke und seine Gesten, murmelt nicht nur gegen die Erwachsenen, sondern sogar gegen ihre Kinder Verwünschungen und beleidigt und verhöhnt sie durch seine Gesten." "Mit den noch nicht nationalsozialistisch eingestellten Familien im Haus (...) verkehrt er in freundschaftlichster Weise bis zum heutigen Tag." "Der Jude O. scheint sich auch als Rassenschänder zu betätigen." Der Vorwurf lautete, dass er Arm in Arm mit seiner Haushälterin spazieren gehe. Die Denunziation richtete der Nachbar an die Kreisleitung der NSDAP, die die Anschuldigungen an die Gestapo weiter leitete. Mehrere Hausbewohner wurden als Zeugen gehört, bestätigten aber die Vorwürfe nicht, sondern nahmen zum Teil für ihn Stellung.
Die Familie von Isay Ostrach war unter dem Eindruck der einsetzenden Verfolgung bereits 1933 nach Frankreich geflüchtet. Eine Bekannte führte seitdem den Haushalt, bis Rosa Ostrach nach fünf Monaten wieder nach Würzburg zurückkehrte. Diese Haushälterin wurde ebenfalls in dem genannten Verfahren von der Gestapo verhört und sagte aus: "...habe ich nie wahrgenommen, dass Ostrach und seine Frau deutschfeindlich eingestellt sind oder irgendwie hetzen. Ich kann nur sagen, dass sie stolz darauf sind, auf ihren jüdischen Glauben." Ostrach selbst wies den Vorwurf der "Rassenschande" mit dem Argument zurück, dass es für einen russisch erzogenen Mann undenkbar sei, eine Dame nicht über die Straße zu geleiten. Obwohl sich die Vorwürfe nicht bestätigten, wurde seinem Vermieter auferlegt, sich in Zukunft so weit wie möglich von ihm fernzuhalten und ihm zum 1. Mai 1936 die Wohnung zu kündigen. Ostrach und seine Frau zogen daraufhin in die Sartoriusstraße 4, in ein Haus des Weinhändlers Max Stern. Im Frühjahr 1938 emigrierte das Ehepaar zu den Kindern nach Frankreich.
Dort lebte der Sohn Leo als Musiker und die Tochter Paula betrieb eine Handweberei. Sie hatte in Würzburg und Stuttgart Kunstgewerbe und Kunst studiert. Nach der deutschen Invasion in Paris 1940 wurde Ostrach interniert, dann aber wieder freigelassen und unter polizeiliche Aufsicht gestellt. Vermutlich deswegen gelang es ihm nicht unterzutauchen, so dass er im November 1942 erneut fest genommen und schließlich deportiert werden konnte. Seine Frau Rosa, die Tochter Paula Ostrach Ringart und die fünfjährige Enkelin Anna wurden von Franzosen versteckt. Der Sohn Leo Ostrach und Paulas Mann Noah Ringart, ein erfolgreicher Fotograf, überlebten unabhängig von ihnen. Für die Rettung der drei Ostrachs wurden auf Betreiben von Isays Enkelin Anna Ringart Dittmann 2010 sieben Franzosen und Französinnen von Yad Vashem als "Gerechte unter den Völkern" ausgezeichnet.
Isay Ostrach wurde am 9. November 1942 mit dem Transport 44 von Drancy nach Auschwitz deportiert, in einem Viehwagen der SNCF, der außen mit "Da" (für David) markiert war. Von den 1000 Deportierten des Transports überlebten nur fünfzehn. Isay Ostrach war nicht unter ihnen.
   
Quelle Staatsarchiv Würzburg, Gestapoakte 9100;
Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 2, S. 434;
Roland Flade, Die Würzburger Juden. Ihre Geschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/941965 (21.06.2016);
Yad Vashem – The Central Database of Shoa Victims’ Names, Gedenkblatt, http://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=1123150&ind=0 (21.06.2016);
Mémorial de la Shoah, Datenbank der zentralen Gedenkstätte für die Shoah in Frankreich, http://bdi.memorialdelashoah.org/internet/jsp/core/MmsRedirector.jsp?id=44172&type=VICTIM (21.06.2016).
Autorin / Autor Kristin Höhn
Paten Herrn Prof. Dr. Holger Höhn
   
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