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Albert Kirschner

 
geboren am 24.12.1886 in Modlin (Böhmen)
Straße  Veitshöchheimer Straße 1a
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum23.10.1940
Todesdatum00.00.1942
TodesortAuschwitz
   
deportiert am 23.10.1940 von Baden-Baden nach Gurs in Südfrankreich, am 17.08.1942 von Drancy bei Paris nach Auschwitz und dort vermutlich sogleich ermordet
   
Am 24.12.1886 wurde Albert Kirschner in Modlin im Westen Böhmens als 2. Kind von Moriz Kirschner und seiner Frau Theres, geb. Hahn geboren. Von seinen sieben Geschwistern kamen drei ebenfalls in Modlin und die anderen vier ab 1890 nach dem Umzug ins benachbarte Kötzting (heute LK Cham, Bayern) zur Welt. Der Vater war Kaufmann und besaß in Kötzting seit 1896 ein Haus.
Mit 22 Jahren trat Albert Kirschner 1909 in die Bayerische Zollverwaltung ein, wo er bis zum Zollfinanzrat aufstieg, bevor er 1935 aus dem Amt ausscheiden musste. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Soldat und wohnte anschließend in Ludwigshafen am Rhein. Im Mai 1921 zog er nach Kitzingen und heiratete nur zwei Monate später, am 5. Juli 1921, Renate Goldschmidt (geb. 23.4.1894 in Meiningen). Die Hochzeit fand in Nürnberg statt. Der Zollamtmann Albert Kirschner und seine Ehefrau wohnten im Zollgebäude am Kitzinger Flugplatz. Wie viele andere jüdische Frauen dieser Zeit brachte Renate Goldschmidt jedoch ihre beiden Töchter Ingeborg und Margot 1922 und 1923 in Würzburg – höchstwahrscheinlich im Jüdischen Krankenhaus - zur Welt, bevor die Familie dann im Januar 1925 auch dorthin zog.
Als Zollamtmann bekam Albert Kirschner für sich und seine Familie eine Dienstwohnung im linken Flügel des Hauptzollamts an der Veitshöchheimer Straße 1a in Würzburg. 1928 wurde der Sohn Manfred geboren.
Karriere im Staatsdienst zu machen, war für einen Juden zu dieser Zeit jedoch immer noch mit vielen Hindernissen verbunden. Vielleicht lässt sich so erklären, dass Albert Kirschner im Mai 1930 mit seinen drei Kindern, aber ohne seine Frau aus der Jüdischen Gemeinde austrat. Dass die Familie nicht aus der Würzburger Gemeinde stammte, dürfte diesen Schritt erleichtert haben. Vermutlich wenig später wurden die drei Kinder evangelisch getauft – und der Vater 1931 zum Zollfinanzrat in der Abt. III des Landesfinanzamts für Zölle und Verbrauchssteuern befördert.
Wie andere jüdische Beamte, die im 1. Weltkrieg als Soldaten gedient hatten, wurde Albert Kirschner infolge der NS-Gesetzgebung nicht gleich 1933, sondern 1935 aus dem Dienst entlassen. Offensichtlich verfügte er jedoch über so hohe Kompetenzen in seinem Tätigkeitsbereich, dass man ihn noch einmal für eine begrenzte Zeit zurückholte, um seinen Nachfolger einzuweisen. Infolge der Entlassung musste die Familie auch aus der Dienstwohnung ausziehen und fand in dem Haus von Paul von Hirsch auf Gereuth in der Ludwigstraße 6 eine neue Bleibe.
Doch nicht für lange. Denn Albert Kirschner entschied sich, mit seiner Familie in Baden-Baden einen Neuanfang zu wagen. Wie einige andere Zuwanderer, meist allerdings Rentner, hoffte er, in dem international renommierten, bis 1938 politisch relativ ruhigen Kurort unter besseren Bedingungen als in Würzburg leben zu können. Er kaufte dort im April 1937 sogar ein Haus (Kronprinzenstr. 4), in das die Familie im Juni einzog.
Spätestens im November 1938 zeigte sich jedoch auch in Baden-Baden das wahre Gesicht der Nationalsozialisten. Wie andere Männer wurde Albert Kirschner am 10. November verhaftet, gedemütigt und in einem erniedrigenden Zug durch die Stadt getrieben. In der Synagoge zwang man die Männer, den Ort und ihre Religion zu schänden, bevor man sie im Bus ins Konzentrationslager Dachau verschleppte.
Nach der Entlassung etwa einen Monat später konzentrierte Albert Kirschner seine Bemühungen darauf, die Auswanderung der Familie in die USA vorzubereiten, wohin mindestens zwei seiner Schwestern emigriert waren. Zur Finanzierung verkaufte er das Haus, während seine Töchter im Sommer 1940 für eine Ausbildung oder einen Vorbereitungskurs nach Berlin zogen. Im Oktober kehrten sie von dort zurück – möglicherweise, weil die Auswanderung unmittelbar bevorzustehen schien. Doch die Familie verlor den Kampf gegen die Zeit.
Denn am 22. und 23. Oktober 1940, ein Jahr vor dem allgemeinen Beginn der Massendeportationen, wurden in einer minutiös geplanten Aktion mehr als 6.500 Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland abgeholt und in mehreren Zügen in das südfranzösische Lager Gurs und in weitere Lager abgeschoben. Sie bekamen nicht mehr als 1-2 Stunden Zeit, das Nötigste zu packen. Nur weil Albert Kirschner bereits KZ-Erfahrung hatte, wusste er, was ins Gepäck gehörte.
Die Lebensbedingungen in dem Internierungslager Gurs am Fuß der Pyrenäen, wohin die Familie Kirschner gelangte, waren unsäglich, weil es an allem fehlte. Die Menschen vegetierten in primitiven Holzhütten, die durch den häufigen Regen in der Region im Schlamm versanken. Einige starben an Krankheiten und Unterernährung, es gab kaum etwas zu tun. Die Grenzen des Lagers waren jedoch, wenn man Hilfe von außen organisieren konnte, durchlässiger als die in den Lagern in Osteuropa. Hilfsorganisationen oder die regionalen jüdischen Gemeinden konnten in gewissem Umfang Unterstützung gewähren. Einigen Menschen gelang die Flucht, andere, die dafür bezahlen konnten, durften in von den Behörden bewachten Hotels wohnen.
Die Familie Kirschner wurde nach einem halben Jahr, wie andere Familien mit Kindern, in das Lager Rivesaltes am südöstlichen Rand der Pyrenäen verlegt. Die Lebensbedingungen waren hier nicht viel besser als in Gurs: Statt unter dem Schlamm litten die Menschen unter dem Wüstenklima. Immerhin wurde hier der Kontakt zwischen den Familienmitgliedern ermöglicht. Spätestens hier nahm Albert Kirschner seine Bemühungen um die Ausreise seiner Familie in die USA wieder auf. Als Zwischenerfolg ist zu verbuchen, dass er im Dezember 1941 die Erlaubnis erhielt, in das Lager Les Milles bei Aix-en-Provence überzusiedeln, während seine Familie in einem überwachten Hotel in Marseille unterkam. Er musste nur noch persönlich zum Generalkonsulat. Doch wieder verlor er den Wettlauf gegen die Zeit, denn ab Februar/März 1942 verbot die Französische Regierung die Ausreise von Flüchtlingen und die Deportationen über Drancy nach Auschwitz begannen.
So wurden alle Kirschners im Juli 1942 wieder interniert, nun im Lager Les Milles. Etwa eine Woche vor dem Transport nach Drancy gelang es hier einem Mitarbeiter der französisch-jüdischen Kinderhilfsorganisation OSE, die Familie davon zu überzeugen, ihm den 14-jährigen Manfred anzuvertrauen. Er versprach, ihn innerhalb weniger Monate in die USA zu retten. Manfred konnte das Lager verlassen, erhielt eine neue Identität und wurde in Waisenhäusern untergebracht. Bis 1948 blieb er noch in Frankreich und reiste dann zusammen mit seiner späteren Frau Ruth, die ebenfalls ihre Familie in Auschwitz verloren hatte, in die USA aus, wo er noch heute lebt.
Albert Kirschner, seine Frau Renate sowie die Töchter Ingeborg und Margot wurden nach Drancy und von dort am 17. August 1942 nach Auschwitz deportiert und vermutlich sofort ermordet.
   
Quelle
  • StadtA Kötzting 002/1 Familienstandsbogen; schriftliche Auskünfte von Clemens Pongratz vom 26.03. und 02.04.2014;
  • StadtA Baden-Baden A 23 – Polizeidirektion (Spezialsammlung Juden) Nr. 45; Meldekarten; Auskunft v. Dagmar Rumpf vom 19.03.2014;
  • Deutsches Zollmuseum, Auskunft von Jürgen Hegemann vom 26.03.2014;
  • StadtA Kitzingen, Auskunft von Doris Badel vom 06.05.2014;
  • Roland Flade, Personenkartei nach CAHJP WR 580;
  • Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 1, S. 302;
  • Angelika Schindler, Der verbrannte Traum. Jüdische Bürger und Gäste in Baden-Baden, 2. überarb. und erw. Aufl., Baden-Baden 2013, bes. S. 142f., 148, 158ff., 234f., 239ff., 242, 256, 258;
  • Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de898273 (02.06.2016);
  • Yad Vashem – The Central Database of Shoa Victims’ Names, Gedenkblatt http://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&s_lastName=kirschner&s_firstName=albert&s_place=&itemId=589045&ind=2&winId=-5038761646104630514 (02.06.2016);
  • Foto: StadtA Baden-Baden A 23 – Polizeidirektion (Spezialsammlung Juden) Nr. 45.
    Autorin / Autor Rotraud Ries
    Paten Frau Marianne Erben
       
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