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Ingeborg Theodora Kirschner

 
geboren am 20.09.1922 in Würzburg
Straße  Veitshöchheimer Straße 1a
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum23.10.1940
Todesdatum00.00.1942
TodesortAuschwitz
   
deportiert am 23.10.1940 von Baden-Baden nach Gurs in Südfrankreich, am 17.08.1942 von Drancy bei Paris nach Auschwitz und dort vermutlich sogleich ermordet
   
Ingeborg Kirschner wurde im September 1922 als ältestes Kind von Albert und Renate Kirschner, geb. Goldschmidt in Würzburg geboren. Ihre Eltern wohnten zu dieser Zeit in Kitzingen. Dort arbeitete Ingeborgs Vater als Zollbeamter. 1925 wechselte er den Dienstort und die Familie zog nach Würzburg und bekam eine Dienstwohnung an der Veitshöchheimer Straße, in einem Seitentrakt des Hauptzollamts.
Ingeborg hatte zwei Geschwister. Ihre Schwester Margot wurde ein Jahr nach ihr geboren, der Bruder Manfred 1928.
1930 trat der Vater Albert mit seinen Kindern aus der Jüdischen Gemeinde aus, die Kinder wurden evangelisch getauft. Die Mutter hingegen blieb Mitglied der Jüdischen Gemeinde. Möglicherweise sollte dieser Schritt die Karriere des Vaters erleichtern, der wenig später, 1931 zum Zollfinanzrat aufstieg. Es ist anzunehmen, dass Ingeborg und ihre Geschwister allgemeine und nicht die jüdischen Schulen in Würzburg besuchten.
Als der Vater 1935 als Jude aus dem Dienst entlassen wurde, änderte sich für die Familie vieles. Sie musste 1936 aus der Dienstwohnung ausziehen und fand eine neue Bleibe in der Ludwigstr. 6. Vermutlich aus dieser Zeit sind zwei Fotos erhalten, auf denen die Schwestern einzeln vor dem gleichen Hintergrund in gleicher schwarzer Kleidung und mit einem deutlich sichtbaren Kreuz um den Hals abgelichtet sind. Es könnten die Konfirmationsfotos der Schwestern sein und aus dem Frühjahr 1937 stammen, dem Jahr als Ingeborg 14 Jahre alt wurde. Wenig später verließ die Familie Würzburg und zog im Juni 1937 nach Baden-Baden, wo die Kinder zunächst weiter die Schule besucht haben dürften.
In der Hoffnung, in dem ruhigen, international angesehen Kurort besser vor Verfolgungen geschützt zu sein, hatte der Vater hier im April ein Haus gekauft. Doch die Ereignisse des Novemberpogroms vom 10.11.1938, in deren Verlauf auch der Vater verhaftet, in einem erniedrigenden Zug durch die Stadt getrieben und schließlich nach Dachau transportiert wurde, zeigten der Familie sehr deutlich, dass es für sie in Deutschland keine Zukunft mehr gab.
Nach seiner Rückkehr aus Dachau kümmerte sich der Vater mit Hochdruck um die Auswanderung der Familie in die USA, wo bereits mindestens zwei Schwestern von ihm lebten. Zur Finanzierung verkaufte er das Haus wieder. Ingeborg und Margot zogen im Sommer 1940 für eine Ausbildung oder einen Vorbereitungskurs nach Berlin. Im Oktober kehrten sie von dort zurück – möglicherweise, weil die Auswanderung unmittelbar bevorzustehen schien. Doch die Familie verlor den Kampf gegen die Zeit.
Denn am 22. Oktober 1940, ein Jahr vor dem allgemeinen Beginn der Massendeportationen, wurden in einer minutiös geplanten Aktion mehr als 6.500 Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland abgeholt und in mehreren Transporten in das südfranzösische Lager Gurs abgeschoben. Sie bekamen nicht mehr als 1-2 Stunden Zeit, das Nötigste zu packen. Nur weil Albert Kirschner bereits KZ-Erfahrung hatte, wussten seine Angehörigen, was unbedingt ins Gepäck gehörte.
Die Lebensbedingungen in dem Internierungslager am Fuß der Pyrenäen waren unsäglich, weil es an allem fehlte. Die Menschen vegetierten in primitiven Holzhütten, die durch den häufigen Regen in der Region im Schlamm versanken. Männer und Frauen wurden zu Beginn voneinander getrennt. Einige Menschen starben an Krankheiten und Unterernährung, es gab kaum etwas zu tun. Die Grenzen des Lagers waren jedoch, wenn man Hilfe von außen organisieren konnte, durchlässiger als die in den Lagern in Osteuropa. Hilfsorganisationen oder die regionalen jüdischen Gemeinden konnten in gewissem Umfang Unterstützung gewähren. Einigen Menschen gelang die Flucht, andere, die dafür bezahlen konnten, durften in von den Behörden bewachten Hotels wohnen.
Die Familie Kirschner wurde nach einem halben Jahr, wie andere Familien mit Kindern, in das Lager Rivesaltes am südöstlichen Rand der Pyrenäen verlegt. Die Lebensbedingungen waren hier nicht viel besser als in Gurs: Statt unter dem Schlamm litten die Menschen unter dem Wüstenklima. Immerhin wurde hier der Kontakt zwischen den Familienmitgliedern ermöglicht. Spätestens hier nahm Ingeborgs Vater seine Bemühungen um die Ausreise seiner Familie in die USA wieder auf. Als Zwischenerfolg ist zu verbuchen, dass er im Dezember 1941 die Erlaubnis erhielt, in das Lager Les Milles bei Aix-en-Provence überzusiedeln. Es fehlte nur noch die persönliche Vorstellung beim Generalkonsulat. Ingeborg Kirschner, ihre Geschwister und ihre Mutter kamen währenddessen in einem überwachten Hotel in Marseille unter. Doch wieder verlor die Familie den Wettlauf gegen die Zeit, denn ab Februar/März 1942 verbot die Französische Regierung die Ausreise von Flüchtlingen und die Deportationen über Drancy nach Auschwitz begannen.
Mutter und Kinder wurden im Juli ebenfalls ins Lager Les Milles gebracht. Etwa eine Woche vor dem Transport nach Drancy gelang es hier einem Mitarbeiter der französisch-jüdischen Kinderhilfsorganisation OSE, die Eltern davon zu überzeugen, ihm den 14-jährigen Manfred anzuvertrauen, um ihn innerhalb weniger Monate in die USA zu retten. Manfred konnte das Lager verlassen, erhielt eine neue Identität und wurde im Waisenhaus untergebracht. Bis 1948 blieb er noch in Frankreich und reiste dann zusammen mit seiner späteren Frau Ruth, die ebenfalls ihre Familie in Auschwitz verloren hatte, in die USA aus, wo er noch heute lebt.
Ingeborg wurde jedoch mit ihren Eltern und ihrer Schwester Margot nach Drancy und von dort am 17. August 1942 nach Auschwitz deportiert und vermutlich sofort ermordet.
   
Quelle
  • StadtA Kötzting 002/1 Familienstandsbogen; written information by Clemens Pongratz from 26/03 and 02/04/2014;
  • StadtA Baden-Baden A 23 – Polizeidirektion (Spezialsammlung Juden) N. 45; Meldekarten; information by Dagmar Rumpf, 19/03/2014;
  • The sisters‘ confirmation is not mentioned in the registers of Baden-Baden; thus it must have taken place in Würzburg before they left town;
  • Deutsches Zollmuseum, information by Jürgen Hegemann, 26/03/2014;
  • StadtA Kitzingen, information by Doris Badel, 06/05/2014;
  • Roland Flade, Personenkartei nach CAHJP WR 580;
  • Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T.1, S. 302;
  • Angelika Schindler, Der verbrannte Traum. Jüdische Bürger und Gäste in Baden-Baden, 2.überarb. und erw. Aufl., Baden-Baden 2013, esp. p. 142f., 148, 158ff., 234f., 239ff., 242, 256, 258;
  • Memorial Book Victims of the Persecution of Jews Under the National Socialist Tyranny in Germany 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de898287 (02.06.2016);
  • Yad Vashem – The Central Database of Shoa Victims‘ Names, Page of Testimony http://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&s_lastName=kirschner&s_firstName=ingeborg&s_place=&itemId=602629&ind=2&winId=8306802687754800313 (02.06.2016; some information differs from that of the Bundesarchiv/Federal Archives);
Photo: StadtA Baden-Baden A 23 – Polizeidirektion (Spezialsammlung Juden) No. 45.
Autorin / Autor Rotraud Ries
Paten Adolf-Kolping-Schule, Frau Elfi Gräbner
   
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