Renate Kirschner, geb. Goldschmidt

   
geboren am 23.04.1894 in Meiningen
Straße  Veitshöchheimer Straße 1a
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum23.10.1940
Todesdatum00.00.1942
Todesortvermutlich Auschwitz
   
deportiert am 23.10.1940 von Baden-Baden nach Gurs in Südfrankreich, am 17.08.1942 von Drancy bei Paris nach Auschwitz transportiert und dort vermutlich sogleich ermordet
   
Renate Kirschner wurde am 23. April 1894 als einziges Kind des Kaufmanns Moritz Goldschmidt und seiner Frau Frieda, geb. Kurtz in Meiningen/Thüringen geboren.
1921 heiratete sie in Nürnberg den Zollbeamten Albert Kirschner, der in Kötzting bei Cham aufgewachsen war und im 1. Weltkrieg als Soldat gedient hatte. Nach der Hochzeit zog sie zu ihm nach Kitzingen. Das Ehepaar wohnte dort im Zollgebäude am Flugplatz. Ihre beiden Töchter Ingeborg und Margot kamen 1922 und 1923 in Würzburg zur Welt, Renate Kirschner war wie andere Frauen zur Entbindung vermutlich ins dortige Jüdische Krankenhaus gegangen. 1925 wechselte Albert Kirschner den Dienstort und die Familie zog in eine der Dienstwohnungen an der Veitshöchheimer Str. 1a in Würzburg. Im gleichen Gebäude, dem Hauptzollamt, arbeitete Albert als Zollamtmann, während sich Renate wohl um Haushalt und Familie kümmerte. 1928 wurde als drittes Kind der Sohn Manfred geboren.
Bevor Albert Kirschner mit den drei Kindern 1930 aus der Jüdischen Gemeinde austrat, dürfte es in der Familie einige Diskussionen gegeben haben. Denn Renate Kirschner folgte diesem Schritt nicht, sondern blieb Mitglied der Gemeinde. So dürfte sie auch die Taufe ihrer Kinder mit eher gemischten Gefühlen gesehen haben. Dass Albert wenig später zum Zollfinanzrat befördert wurde und im Landesfinanzamt arbeitete, könnte mit diesem Schritt in Zusammenhang gestanden haben.
Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurde die Situation für die Familie bald schwierig. Denn Albert wurde 1935 aus dem Dienst entlassen, kehrte allerdings noch einmal für eine Übergangszeit zurück, um seinen Nachfolger einzuweisen. 1936 musste die Familie aus der Dienstwohnung ausziehen und kam zunächst an der Ludwigstraße 6 unter. Nicht in Würzburg verwurzelt, fiel es der Familie dann nicht schwer, sich dort einen Ort für die Zukunft zu suchen, wo sie sich sicherer fühlte. Die Wahl fiel auf den international renommierten Kurort Baden-Baden, der sich zu dieser Zeit zur Wahrung seines Renommees politisch von anderen Städten positiv unterschied.
Die Familie Kirschner kaufte noch vor ihrem Umzug dorthin ein Haus, in das sie im Juni 1937 einzog. Die Kinder besuchten wohl öffentliche Schulen, die sie jedoch wie andere jüdische Kinder spätestens im November 1938 verlassen mussten. Seitdem erhielt der erst 10-jährige Manfred Privatunterricht durch Freunde der Familie.
Ein Schock für die Familie dürfte jedoch vor allem gewesen sein, dass Albert während des Novemberpogroms wie die anderen jüdischen Männer der Stadt in einem demütigenden Zug durch die Stadt getrieben und dann ins KZ Dachau gebracht wurde. Von dort kehrten die Männer schwer gezeichnet nach spätestens vier Wochen zurück. Die Familien und ihre Wohnungen blieben während des Novemberpogroms jedoch im Unterschied etwa zu Würzburg weitgehend verschont.
Nach seiner Entlassung setzte Albert alle Hebel in Bewegung, um eine Auswanderung der Familie in die USA zu ermöglichen. Er verkaufte das Haus, um die Emigration zu finanzieren. In den USA lebten bereits mindestens zwei seiner Schwestern. Ingeborg und Margot, die beiden Töchter, zogen im Sommer 1940 für eine Ausbildung oder einen Vorbereitungskurs nach Berlin. Im Oktober kehrten sie von dort zurück – möglicherweise, weil die Auswanderung unmittelbar bevorzustehen schien. Doch die Familie verlor den Kampf gegen die Zeit.
Denn am 22. und 23. Oktober 1940, ein Jahr vor dem allgemeinen Beginn der Massendeportationen, wurden in einer minutiös geplanten Aktion etwa 6.540 Juden aus Baden und Saarpfalz abgeholt und in mehreren Zügen in das südfranzösische Lager Gurs abgeschoben. Sie bekamen nicht mehr als 1-2 Stunden Zeit, das Nötigste zu packen. Nur weil Albert Kirschner bereits KZ-Erfahrung hatte, wussten seine Angehörigen, was unbedingt ins Gepäck gehörte.
Die Lebensbedingungen in dem Internierungslager am Fuß der Pyrenäen waren unsäglich, weil es an allem fehlte. Die Menschen vegetierten in primitiven Holzhütten, die durch den häufigen Regen in der Region im Schlamm versanken. Männer und Frauen wurden zu Beginn voneinander getrennt. Einige Menschen starben an Krankheiten und Unterernährung, es gab kaum etwas zu tun. Die Grenzen des Lagers waren jedoch, wenn man Hilfe von außen organisieren konnte, durchlässiger als die in den Lagern in Osteuropa. Hilfsorganisationen oder die regionalen jüdischen Gemeinden konnten in gewissem Umfang Unterstützung gewähren. Einigen Menschen gelang die Flucht, andere, die dafür bezahlen konnten, durften in von den Behörden bewachten Hotels wohnen.
Die Familie Kirschner wurde nach einem halben Jahr, wie andere Familien mit Kindern, in das Lager Rivesaltes am südöstlichen Rand der Pyrenäen verlegt. Die Lebensbedingungen waren hier nicht viel besser als in Gurs: Statt unter dem Schlamm litten die Menschen unter dem Wüstenklima. Immerhin wurde hier der Kontakt zwischen den Familienmitgliedern ermöglicht. Spätestens hier nahm Albert Kirschner seine Bemühungen um die Ausreise seiner Familie in die USA wieder auf. Als Zwischenerfolg ist zu verbuchen, dass er im Dezember 1941 die Erlaubnis erhielt, in das Lager Les Milles bei Aix-en-Provence überzusiedeln. Renate Kirschner und die Kinder kamen währenddessen in einem überwachten Hotel in Marseille unter. Doch wieder verlor die Familie den Wettlauf gegen die Zeit, denn ab Februar/März 1942 verbot die Französische Regierung die Ausreise von Flüchtlingen und die Deportationen über Drancy nach Auschwitz begannen.
Mutter und Kinder wurden im Juli 1942 ebenfalls ins Lager Les Milles gebracht. Etwa eine Woche vor dem Transport nach Drancy gelang es hier einem Mitarbeiter der französisch-jüdischen Kinderhilfsorganisation OSE, die Eltern davon zu überzeugen, ihm den 14-jährigen Manfred mitzugeben, um ihn innerhalb weniger Monate in die USA zu retten. Manfred konnte das Lager verlassen, erhielt eine neue Identität und wurde im Waisenhaus untergebracht. Bis 1948 blieb er noch in Frankreich und reiste dann zusammen mit seiner späteren Frau Ruth, die ebenfalls ihre Familie in Auschwitz verloren hatte, in die USA aus, wo er noch heute lebt.
Renate und Albert Kirschner sowie ihre Töchter Ingeborg und Margot wurden jedoch nach Drancy und von dort am 17. August 1942 nach Auschwitz deportiert und vermutlich sofort ermordet.
   
Quelle StadtA Kötzting 002/1 Familienstandsbogen; schriftliche Auskünfte von Clemens Pongratz vom 26.03. und 02.04.2014;
StadtA Baden-Baden A 23 – Polizeidirektion (Spezialsammlung Juden) Nr. 45; Meldekarten; Auskunft v. Dagmar Rumpf vom 19.03.2014;
Deutsches Zollmuseum, Auskunft von Jürgen Hegemann vom 26.03.2014;
StadtA Kitzingen, Auskunft von Doris Badel vom 06.05.2014;
Roland Flade, Personenkartei nach CAHJP WR 580;
Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 1, S. 302;
Angelika Schindler, Der verbrannte Traum. Jüdische Bürger und Gäste in Baden-Baden, 2. überarb. und erw. Aufl., Baden-Baden 2013, bes. S. 142f., 148, 158ff., 234f., 239ff., 242, 256, 258;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de898279 (02.06.2016);
Yad Vashem – The Central Database of Shoa victims’ Names, Page of Testimony http://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&s_lastName=kirschner&s_firstName=renate&s_place=&itemId=611365&ind=2&winId=8306802687754800313 (02.06.2016; mit Abweichungen zu den Angaben beim Bundesarchiv).
Autorin / Autor Rotraud Ries
Paten Entwässerungsbetrieb, Herr Jörg Roth
   
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