Anna Sichel, geb. Goldschmidt

   
geboren am 28.08.1859 in Mainbernheim/Unterfranken
Straße  Bismarckstraße 13
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum18.08.1942
Todesdatumunbekannt
TodesortTreblinka
   
am 18.08.1942 von Frankfurt/ Main nach Theresienstadt und am 26.09.1942 weiter nach Treblinka deportiert und dort ermordet
   
Anna Sichel kam am 28. August 1859 als erstes der vier Kinder des Weinhändlers Ludwig (Louis) Goldschmidt (Jg. 1823) und seiner Frau Rosa, geb. Neumark (Jg. 1836) im unterfränkischen Mainbernheim zur Welt. Drei Geschwister folgten: ihre Schwester Theres (Jg. 1860) und die Brüder Ferdinand (Jg. 1862) und Max (Jg. 1865).
Als Anna sechs Jahre alt war, zog die Familie nach Mannheim in die Innenstadt in das Quadrat G 7, 9 (sog. Mannheimer Quadrate). Sie verbrachte dort ihre Schul- und Jugendzeit.
Erst als sie am 30.5.1879 den Gemündener Kaufmann Amson Sichel (Jg. 1850) heiratete, verließ sie Mannheim wieder und wurde in Würzburg ansässig. Dort wurde ein Jahr nach der Hochzeit (1880) der Sohn Hugo geboren. Amson Sichel gründete in Würzburg zusammen mit seinem Schwager Louis Klau das Tuchgeschäft Klau & Sichel mit Filialen u.a. in der Theaterstraße 21, Kaiserstraße 10 und Kaiserstraße 26.
Aufgrund ihrer guten finanziellen Situation konnte sich die Familie Sichel den Neubau einer Villa in der Bismarckstraße 13 leisten. 1891 zog sie dort ein. Doch bereits 10 Jahre später, am 24.03.1901 starb Amson Sichel und hinterließ seine Frau mit 42 Jahren als Witwe.
Zu diesem Zeitpunkt hatte der Sohn Hugo bereits eine kaufmännische Berufsausbildung abgeschlossen und konnte nun die elterliche Tuchgroßhandlung Klau & Sichel übernehmen. Er führte sie, bald mit seinem Teilhaber Hermann Kleemann, sehr erfolgreich weiter. Mehr noch, die Firma konnte expandieren: Es kam eine Damenoberbekleidungsfabrik in Aschaffenburg hinzu, deren Verwaltungssitz und Großhandelsgeschäft in Würzburg in der Bahnhofstrasse lagen.
1904 fand die Hochzeit von Hugo Sichel mit Martha Sußmann (Jg. 1881) aus Tauberbischofsheim statt. Am 02.12.1912 kam Annas Enkeltochter Margot zur Welt.
Warum Anna Sichel von Oktober 1910 bis August 1923 mit einigen Unterbrechungen bei Familie Gabler in der Schönleinstraße 5 in Würzburg gemeldet war, ist unbekannt. Auch warum sie kurzzeitig, von Januar bis März 1916, in Augsburg wohnte, bleibt im Dunkeln. Ab August 1923 zog sie wieder bei der Familie ihres Sohnes in der Bismarckstraße 13 ein. Anna Sichel war Mitglied im jüdischen Kulturbund Würzburg.
Als 1937 die Tuchgroßhandlung „arisiert“ wurde, verließ die Familie ihres Sohnes im September Würzburg und zog nach Frankfurt/Main in die Elsa Brandström-Straße 3. Dort beantragten Hugo und Martha Sichel ein Visum für die USA – jedoch vergeblich. Nur der Tochter Margot gelang die Emigration nach England.
Anna Sichel blieb zunächst in dem Anwesen in der Bismarckstraße 13 allein zurück, bis sie 1939 gezwungen wurde, das Haus zu verlassen. Im Alter von 80 Jahren lebte sie nun in einem Zimmer zur Untermiete bei den Geschwistern Fanny Schmidt und Senta Stern am Haugerring 15.
Im November 1940 fand auch bei ihr, wie bei allen vermögenden Würzburger Juden, eine Hausdurchsuchung nach „Hamsterwaren“ statt. Die vorgefundenen Metallgegenstände wie 3 Zinnteller, ein kleiner Zinnbecher und eine Nickelkanne wurden konfisziert und der Metallsammlung zugeführt. Schon im Mai 1941 musste Anna Sichel erneut umziehen und wurde in der Sammelunterkunft im Jüdischen Altenheim in der Konradstraße 3 einquartiert. Daher musste sie sich von weiteren Einrichtungsgegenständen trennen. Aus der Versteigerung, die u.a. einen Smyrnateppich und einen Läufer umfasste, wurden ihr 615,60 RM auf ihr „beschränkt verfügbares Sicherungskonto“ bei der Bay. Staatsbank Würzburg eingezahlt.
Einen Ausreiseantrag hat sie wohl nie gestellt. Stattdessen bat sie am 20.09.1941 um Verlegung in das jüdische Altenheim nach Frankfurt/Main, Feuerbachstraße 14 – vermutlich, um in der Nähe ihres Sohnes zu sein.
Am 18.8.1942 wurde die 83-jährige Anna Sichel von dort nach Theresienstadt deportiert. Gut einen Monat später, am 26.09.1942, folgte der Weitertransport in das Vernichtungslager Treblinka. Dort wurde sie vermutlich wenig später ermordet.
   
Quelle Staatsarchiv Würzburg, Gestapoakten 14366.
Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 1, S. 305, T. 2, S. 521, 522, 551, 552, 594, 604.
Stadtarchiv Würzburg, Adressbücher, Meldebögen.
Stadtarchiv Mannheim, KZ-Gedenkstätte Sandhofen, Meldekartei.
Stadt Frankfurt, Judendeportationen vom August 1942 bis März 1945, http://www.ffmhist.de/ffm33-45/portal01/portal01.php?ziel=t_jm_deportationen_1942_45 (08.02.2014).
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/directory.html.de (07.01.2014)
Persönliche Mitteilung: Peter Stiefel (Urenkel der Anna Sichel), Konstanz
Autorin / Autor Martina Buller
Paten Hotelgasthof Stadt Mainz, Frau Anneliese Schwarzmann
   
zurück