Ferdinand Boxhorn

   
geboren am 22.11.1892 in Würzburg
Straße  Alte Kasernstraße 1
Stadtteil Zellerau
Deportationsdatum15.11.1940
Todesdatum15.07.1941
TodesortPirna-Sonnenstein
   
Am 15.11.1940 in das Konzentrationslager Dachau, von dort am 11.12.1940 in das Konzentrationslager Buchenwald und am 15.07.1941 in die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein eingeliefert und dort am 15.07.1941 ermordet
   
Ferdinand Boxhorn wurde am 22.11.1892 als Sohn von Christian und Margaretha Boxhorn, geb. Lorenz, in Würzburg geboren. Als Jugendlicher machte er eine Ausbildung zum Kellner. Ab 1915 war er Teilnehmer des Ersten Weltkrieges und wurde 1917 mit dem Ehrenkreuz 2. Klasse ausgezeichnet. Nach seiner Rückkehr war er bis 1929 bei der Mitropa Würzburg angestellt, einer Bewirtungs- und Beherbergungsgesellschaft, die Reisende an Bahnhöfen versorgte. Ab 1929 arbeitete er als Kellner im Central-Café in der Eichhornstraße, das dem Geschäftsmann Jakob Strauß gehörte und als Variété und Kabarettbühne von überregionaler Bedeutung war.
Am 11.05.1935 wurde Ferdinand Boxhorn im Zuge einer spektakulären Großrazzia gegen einen homosexuellen Freundeskreis festgenommen. Bei seiner Vernehmung brachte Ferdinand Boxhorn seine Homosexualität offen zur Sprache. Trotzdem konnte ihm kein Vergehen gegen den § 175 RStGB, der männliche Homosexualität kriminalisierte, nachgewiesen werden und er wurde nach seiner Vernehmung wieder entlassen.
Im Zuge der weiteren Ermittlungen gegen den Freundeskreis wurde er aber durch die Aussagen anderer weiter belastet und schließlich erneut festgenommen. In der dreitägigen öffentlichen Verhandlung der großen Strafkammer des Landgerichts Würzburg vom 08. bis zum 11. Januar 1936 gegen die zwanzig Männer des homosexuellen Freundeskreises wurden intime Details aus der Privatsphäre von Ferdinand Boxhorn öffentlich gemacht, seine sexuelle Orientierung in aller Öffentlichkeit in den Schmutz gezogen und zu einer Straftat herabgewürdigt. Das Landgericht Würzburg verurteilte Ferdinand Boxhorn wegen „zwanzig Vergehen nach § 175 RStGB“ zu einer Gefängnisstrafe von neun Monaten. Das Gerichtsverfahren wurde in der örtlichen Presse, unter Nennung der vollen Namen der Angeklagten, breitgetreten.
Am 20.04.1936 musste Ferdinand Boxhorn seine Haft im Gefängnis Nürnberg antreten. Während seiner Freiheitsstrafe erkrankte er aufgrund der katastrophalen Bedingungen im Gefängnis so schwer an Tuberkulose, dass er am 12.09.1936 wegen Haftunfähigkeit vorzeitig entlassen werden musste. Wegen seiner Tuberkuloseerkrankung konnte er ab 1937 nicht mehr arbeiten und musste fortan von einer Invalidenrente in Höhe von 33,90 RM leben.
Am 30.11.1937 wurde Ferdinand Boxhorn durch das Schöffengericht Würzburg erneut wegen eines Vergehens nach § 175 RStGB zu einer Gefängnisstrafe von sechs Monaten verurteilt. Die Verbüßung der Gefängnisstrafe musste aber wegen seines angegriffenen Gesundheitszustandes ausgesetzt werden.
Von April bis Juli 1939 war Ferdinand Boxhorn in der Heilstätte Ramberg in der Pfalz, wo die Tuberkulose stationär behandelt wurde. Sein behandelnder Arzt erklärte gegenüber der Staatsanwaltschaft Würzburg, es spräche nichts dagegen, dass Ferdinand Boxhorn die erneute Haftstrafe auf der Tuberkuloseabteilung eines Gefängnisses verbüße. Am 18.07.1939 trat Ferdinand Boxhorn die Haftstrafe im Gefängnis Hohenasperg an. Der Freiheitsentzug von sechs Monaten wurde um die vier Monate aus der ersten Haftstrafe verlängert, die Ferdinand Boxhorn ursprünglich wegen seiner Tuberkuloseerkrankung erlassen worden waren.
Am 27.05.1940 wurde Ferdinand Boxhorn aus dem Gefängnis entlassen und kehrte nach Würzburg zurück, wo er durch die erneute Haftstrafe seine langjährige Wohnung in der Alten Kasernstraße 3, der heutigen Alten Kasernstraße 1, verloren hatte.
Am 14.09.1940 verhaftete die Kriminalpolizei Würzburg Ferdinand Boxhorn erneut wegen eines Vergehens nach § 175 RStGB. Die Kriminalpolizei ordnete noch am selben Tag die sogenannte „Schutzhaft“ mit dem Grund der „Vorbeugungshaft“ gegen ihn an.
Am 15.11.1940 wurde Ferdinand Boxhorn mit einem Sammeltransport in das Konzentrationslager Dachau gebracht, wo er ab dem 30.11.1940 unter verschärften Bedingungen interniert wurde. Am 11.12.1940 wurde er von dort in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht. In Buchenwald sperrte man ihn in eine Strafkompanie, in der ab 1938 alle homosexuellen Häftlinge interniert waren. Die Strafkompanie war vom Rest des Lagers räumlich getrennt und bestand aus einer umzäunten Baracke. Die Haftbedingungen dort waren gekennzeichnet durch schwerste Zwangsarbeit, eine Sieben-Tage-Woche, verschärften Psychoterror, herabgesetzte Essensrationen und Korrespondenzverbot. An Heiligabend, dem 24.12.1940, wurde Ferdinand Boxhorn dem Arbeitskommando Bahnbau zugeteilt, in dem er, trotz seines schlechten Gesundheitszustandes, schwerste körperliche Zwangsarbeit leisten musste. Im Sommer 1941 war die bereits angeschlagene Gesundheit von Ferdinand Boxhorn durch die unmenschlichen Haftbedingungen vollkommen zerstört.
Im Juni 1941 entschied eine Gruppe von ärztlichen Gutachtern im Konzentrationslager Buchenwald, wer leben und wer sterben sollte. Ferdinand Boxhorn wurde am 15.07.1941 gemeinsam mit 92 anderen Menschen in einem Lastwagenkonvoi vom Konzentrationslager Buchenwald in die als „Heil- und Pflegeanstalt“ getarnte Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein gebracht. Dort wurde Ferdinand Boxhorn noch am selben Tag, unmittelbar nach seiner Ankunft, im Alter von 48 Jahren in einer als Gemeinschaftsdusche getarnten Gaskammer ermordet.
   
Quelle Staatsarchiv Würzburg, Gestapo 7081;
Landesarchiv Baden-Württemberg, Dept. State Archives Ludwigsburg,Gefangenenpersonalakten Strafanstalt Ludwigsburg mit Zweiganstalt Hohenasperg, Gefangenenakte Ferdinand Boxhorn, E 356 d V Bü 2951;
E-mail-information from Sabine Stein, Leiterin des Archivs der Gedenkstätte Buchenwald, 12 and 15 September 2014;
E-mail-information from Axel Braisz, Referat Nutzerservice des Internationalen Suchdienstes Bad Arolsen, 19 August 2014;
E-mail-information from Albert Knoll, Leiter des Archivs der Gedenkstätte Dachau, 29 July 2014;
E-mail-information from Dr. Boris Böhm, Leiter der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein, 04 December 2013;
Harry Stein, Die Vernichtungstransporte aus Buchenwald in die T4-Anstalt Sonnenstein 1941, in: Von den Krankenmorden auf dem Sonnenstein zur „Endlösung der Judenfrage“ im Osten (Sonnenstein. Beiträge zur Geschichte des Sonnensteins und der Sächsischen Schweiz).
Autorin / Autor Stephan Probst
Paten Herr Stephan Probst
   
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