Ludwig Meyer

     
geboren am 17.04.1905 in Würzburg
Straße  Sanderstraße 2
Stadtteil Altstadt
Todesdatum29.05.1940
TodesortTötungsanstalt Brandenburg a. d. Havel
   
geboren am 17.04.1905 in Würzburg, wohnhaft in Würzburg und Plauen;
1933 Privatklinik "Herzoghöhe" Bayreuth und Landes Heil- und Pflegeanstalt Untergöltzsch bei Rodewisch i.Vogtl;
am 01.03.1937 in die Landesanstalt Hubertusburg bei Wermsdorf in Sachsen überführt;
verlegt am 18.04.1940 in die Heil- und Pflegeanstalt Waldheim;
am 29.05.1940 in die Tötungsanstalt Brandenburg a.d.Havel transportiert und dort noch am selben Tag ermordet
   
Ludwig Meyer wurde am 17. April 1905 in Würzburg geboren. Seine Eltern Siegmund und Jeanette, geb. Dachauer, besaßen eine Schuhwarenhandlung u.a. in der Domstraße 35. Er war das mittlere von fünf Kindern. Der älteste Bruder, Alfred, Zahnarzt in Wuppertal, wurde im Mai 1933 von der SA ermordet, seine Leiche wurde in der Bevertalsperre versenkt. Die beiden Schwestern Erna und Ruth und die Eltern emigrierten 1936 nach Israel, der jüngste Bruder Edgar überlebte in Frankreich, wo er im Widerstand aktiv war. Als Dank für die Rettung von fünf Franzosen vor dem Ertrinken wurde ihm die Französische Staatsbürgerschaft verliehen.

Ludwig Meyer besuchte die Kreis-Oberrealschule (heute Röntgengymnasium) für sechs Jahre bis zum „Einjährigen-Zeugnis“ und dann für vier Semester die angeschlossene Höhere Maschinenbauschule Würzburg. Er war ein guter Schachspieler und bei lokalen und regionalen Turnieren erfolgreich. Nach seiner Schulzeit leistete er mehrmonatige Praktika bei Würzburger Firmen ab, unter anderem bei König und Bauer. Danach schrieb er sich am Technikum Mittweida/Sachsen im Fach Maschinenbau ein und legte dort am 1. August 1926 das Ingenieursexamen mit der Note „recht gut“ ab. Im Januar 1931 zog er nach Nürnberg, und im Oktober 1931 nach Plauen im Vogtland. Dort war er bei einer Telefonfirma beschäftigt. Nachdem bei ihm „Wesensveränderungen, Vergiftungsideen, Erregungszustände, planloses Herumirren“ aufgetreten waren wurde er vom 7.1. – 10.1.1933 im Psychiatrischen Krankenhaus Plauen untersucht und von dort in die renommierte Privatklinik „Herzoghöhe“ von Dr. Simon Würzburger in Bayreuth überwiesen (wo Jahre zuvor schon seine Großmutter Patientin war). Dort blieb er bis zum 7. Oktober 1933. Danach war er in der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Untergöltzsch bei Rodewisch i. Vogtl. untergebracht.

Am 24. November 1934 beantragte die Anstaltsdirektion die Unfruchtbarmachung ihres Patienten Ludwig Meyer, da ihm „eine Neigung zum Entweichen“ unterstellt wurde. Da er „zu keiner geordneten Auskunft fähig“ sei, bestehe „für die Frage der Sterilisierung“ …“keinerlei Verständigungsmöglichkeit“. „Meyer ist nicht geschäftsfähig.“ Trotzdem wurde ärztlicherseits bescheinigt, „dass Ludwig Meyer über das Wesen und die Folgen der Unfruchtbarmachung aufgeklärt und dass ihm gleichzeitig das Merkblatt über die Unfruchtbarmachung ausgehändigt worden ist“. Sein Vater, Siegmund Meyer, wurde 1934 von der Einleitung des Verfahrens „in Kenntnis gesetzt“. Als Pfleger bestellte das Gericht jedoch einen Stadtrat, der auf die Einlegung von Rechtsmitteln gegen den Beschluss des Erbgesundheitsgerichts Plauen verzichtete. Am 16.1. 1935 war der Gerichtsbeschluss ergangen, am 13.2.1935 wurde er in der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Untergöltzsch „umgesetzt“. Zwei Jahre später, am 1.3.1937, wurde Ludwig Meyer in die Landesanstalt Hubertusburg überführt. Diese Anstalt im ehemals größten Landschloss Europas (Frieden von Hubertusburg, 1763) hatte eine Vorgeschichte als Gefängnis und Zuchthaus. Als letzte Inhaftierte verbüßten August Bebel und Wilhelm Liebknecht dort eine zweijährige Festungshaft (1872-74). Danach wurde in Hubertusburg eine „Heil- und Pflegeanstalt“ eingerichtet, die 1939 /40 aufgelöst wurde, um Platz für Bessarabiendeutsche zu schaffen.

Die Patienten wurden in andere Einrichtungen „verlegt“, wo sie der Aktion T4 zum Opfer fielen. So kam auch Ludwig Meyer am 18. April 1940 mit einem Sammeltransport von 434 Menschen in die Heil- und Pflegeanstalt Waldheim, ein ehemaliges Zuchthaus, die als Zwischenanstalt für die Tötungszentren Pirna Sonnenstein und Brandenburg a.d. Havel fungierte. Dort waren besonders viele politische Gefangene untergebracht. Am 29. Mai 1940 transportierte die „Gemeinnützige Krankentransport-GmbH“ 58 Gefangene, unter ihnen Ludwig Meyer, weiter in die Tötungsanstalt Brandenburg, wo alle noch am gleichen Tag in der Gaskammer ermordet wurden. Ludwig Meyer starb wenige Wochen nach seinem 35. Geburtstag, noch vor der im Sommer 1940 anlaufenden Sonderaktion, die alle jüdischen Psychiatriepatienten unabhängig von ihrer Arbeitsfähigkeit oder der Schwere ihrer Erkrankung erfasste. Die Emigration zu seinen Eltern und Schwestern nach Palästina oder zu seinem Bruder nach Frankreich, sollte er sie versucht haben, wäre mit Sicherheit an der Unmöglichkeit gescheitert, als psychisch Kranker ein Visum zu erhalten.

Seine Urne wurde auf dem jüdischen Friedhof Bayreuth im Grab seines Großvaters, des Lehrers und Kantors Simon Dachauer, beigesetzt.
   
Quelle Sächsisches Staatsarchiv Chemnitz (Signatur: 30131 Amtsgericht Plauen, Nr. 4417), (Signatur: 32810 Sächsisches Krankenhaus für Psychiatrie und Neurologie, Rodewisch, Nr. 15005);
Hochschularchiv Mittweida, Studentenakte zu Ludwig Meyer T-2986;
Stadtarchiv Stadt Nürnberg;
Gedenkstätten Brandenburg a.d.Havel;
Dr. Jürgen Nitsche, Chemnitz, E-Mail-Korrespondenz vom 13.2.2014, 18.2.2014 und 3.3.2014;
Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, S. 390;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/928458 (21.06.2016);
Yad Vashem – The Central Database of Shoa Victims’ Names, Gedenkblätter, http://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=5338396&ind=1 und http://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=1709437&ind=2 (21.06.2016).

Fotos: Yad Vashem, Gedenkblatt.
Autorin / Autor kristin höhn
Paten Herr Dr. Otto Grimm
   
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