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Anne(-lore) Reis, geb. Ehrenbacher

 
geboren am 07.06.1920 in Nürnberg
Straße  Max-Reger-Straße 10
Stadtteil Frauenland
Todesdatum06.11.2005
TodesortPittsburgh
   
1939 nach England emigriert und von dort 1941 weiter in die USA.
   
Anne, eigentlich Annelore, und von ihrer Mutter Lore genannt, wurde am 7. Juni 1920 als ältestes Kind von Ludwig Ehrenbacher (1884-1933) und seiner Frau Else (1892-1943), geb. Selig, in Nürnberg geboren. Mit ihrer Mutter und den zwei Geschwistern Annemarie (1922-1943) und Hans Heinz (1925-1942) zog sie 1933 in die Heimatstadt der Mutter, nach Würzburg.
Denn am 7. Mai 1933 war ihr Vater mit nur 49 Jahren gestorben. Dr. Ludwig Ehrenbacher arbeitete als Anwalt in Nürnberg und stand wie sein Sozius Fritz Moritz Wertheimer der SPD nahe. Ein Zusammenhang zwischen seinem politischen Engagement, der ersten Welle der Verfolgung von politischen Gegnern und Juden durch die NS und seinem frühen Tod wurde bislang vermutet. Die Todesursache war jedoch ein Lymphom.
Annelore besuchte vermutlich zunächst eine allgemeine Volksschule, da die Familie der Jüdischen Gemeinde eher fern stand. Mitte der 1930er Jahre dürfte sie wie andere jüdische Jugendliche von dort verwiesen worden sein. Vielleicht hat sie eine praktische, auf die Emigration vorbereitende Ausbildung oder Arbeit daran angeschlossen.
Nach den erschreckenden Ereignissen der Reichspogromnacht im November 1938 entschloss sich die Großmutter der Ehrenbacher-Geschwister, Karoline Selig (1868-1950), geb. Stern, Deutschland zu verlassen. Zusammen mit ihrem 13-jährigen Enkel Hans-Heinz zog sie noch im Dezember zu ihrer älteren Tochter Paula Sinzheimer (1890-1960) in die Niederlande. Nach der Verhaftung im Zuge einer Razzia auf der Rubenstraße in Amsterdam wurde Hans im August 1942 von Westerbork aus nach Auschwitz deportiert und wenige Wochen später dort ermordet. Die Oma Karoline Selig und die Familie Sinzheimer überlebten im Versteck.
Annelore gelang im April 1939 die Ausreise nach England. Hier arbeitete sie als Au-pair-Mädchen und Haushaltshilfe. Sie pflegte einen regen Briefwechsel mit ihrer Familie in Würzburg, besonders mit ihrer Mutter, mit ihrem Bruder und Verwandten in Holland sowie mit ihrem Freund aus der Gruppe des Jüdischen Jugendbunds in Würzburger Tagen. Walter Joseph Reis (geb. 1918) lebte bereits in den USA und setzte alle Hebel in Bewegung, um auch Annelore die Weiterreise dorthin zu ermöglichen. Schließlich fuhr er nach Washington und wandte sich an das State Department. Eleanor Roosevelt persönlich schaltete sich ein und half: Nachdem Annelore einen Brief und ein Foto an die Präsidentengattin geschickt hatte, bekam sie das ersehnte Visum und konnte in die USA reisen. Wenig später heiratete das junge Paar.
Niemand aus ihrer engeren Familie konnte jedoch an der Hochzeit teilnehmen, es gab kaum noch und bald keinen Kontakt mehr nach Deutschland. Mutter Else und Schwester Annemarie waren faktisch in Würzburg gefangen, von wo sie am 17. Juni 1943 mit dem letzten größeren Transport nach Auschwitz gebracht und dort wohl kurz nach der Ankunft ermordet wurden.
Annelore verdiente in den ersten Jahren ihrer Ehe das Geld, um ihrem Mann das Medizin-Studium zu ermöglichen. Zwischen 1949 und 1958 wurden ihre Kinder Claude Jay, Judy Suzanne und Alan Jan geboren. Seit 1956 wohnte die Familie in Pittsburgh, einer Stadt am Fluß mit vielen Brücken, deren Lage zwischen Hügeln und Wäldern Ähnlichkeit mit Würzburg aufweist.
Annelore Reis kümmerte sich nicht nur liebevoll um die Familie, sondern gestaltete mit großer Kreativität und viel Kunstsinn Haus und Garten; sie war eine exzellente Köchin. Der Verlust ihrer Familie in Deutschland hat sie ihr ganzes Leben lang begleitet. Ihr Mann Walter Reis machte Karriere als Professor für Psychiatrie und Psychoanalyse; auch die drei Kinder wurden alle Ärzte.
Nur drei Monate nach dem Tod ihres Mannes Walter starb Annelore Reis am 6. November 2005 in Pittsburgh.

Foto: Judy Suzanne Reis Tsafrir
   
Quelle Familienüberlieferung (Judy Suzanne Reis Tsafrir, Hugo Postma);
Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900- 1945, Würzburg 1989, T. 1, S. 126, 454f., 547, 564; die Information, dass Hugo Sinzheimer bis zum Ende des Krieges in Theresienstadt gefangen war, ist nicht korrekt;
Reinhard Weber, Das Schicksal der jüdischen Rechtsanwälte in Bayern nach 1933, Oldenburg 2006, S. 115, 273.
Autorin / Autor Judy Suzanne Reis Tsafrir/ Rotraud Ries
Paten
   
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