zurück

Anna Lachmann

   
geboren am 17.12.1876 in Kulm/Westpreußen
Straße  Röntgenring 6
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum15.09.1942
Todesdatum31.03.1943
TodesortTheresienstadt
   
Am 15.09.1942 von Frankfurt a.M. nach Theresienstadt deportiert und dort am 31.03.1943 ermordet
   
Anna Lachmann wurde am 17. Dezember 1876 in Kulm/Westpreußen als Tochter des Textilkaufmanns Wolff Lachmann und seiner Frau Emma Lachmann, geb. Meyer, aus Berlin, geboren. Anna hatte mehrere Geschwister, von denen Benedict, Rosa und Martha namentlich bekannt sind. Zwei weiteren Schwestern gelang die Flucht ins Ausland. Benedict war Anarchist und Inhaber einer linken Buchhandlung mit Leihbücherei in Berlin, zu deren Kunden neben vielen anderen Intellektuellen Albert Einstein und Gottfried Benn gehörten. Er trat 1906 aus der jüdischen Gemeinde aus. Möglicherweise ist das der Grund dafür, dass seine Schwestern Anna und Rosa anscheinend wenig Kontakt zu ihm hatten. Benedict Lachmann wurde 1941 ins Ghetto Lódz deportiert und dort noch im gleichen Jahr ermordet.
Anna Lachmann besuchte eine Höhere Töchterschule in Breslau oder Berlin, anschließend eine Handarbeits- und Kunstschule bis zur Meisterprüfung in den Disziplinen Stickerei, Teppich- und Kissenarbeiten. 1910 eröffnete sie mit ihrer Schwester Rosa ein Handarbeitsgeschäft in Posen. Als die Stadt 1920 aufgrund des Versailler Vertrages polnisch wurde, verließen die Schwestern wie die meisten Deutschen Posen, und kamen 1921 als Flüchtlinge nach Würzburg. Dort kaufte Anna das Stickereigeschäft „Geschwister Seelig“ von Babette und Sophie Seelig, in der Theaterstraße 2. In dieses Geschäft trat später auch ihre Schwester Rosa ein, die inzwischen den Würzburger Kaufmann Albert Schulhöfer geheiratet hatte. Die Schwestern führten das Geschäft, das stets 12 bis 15 Angestellte beschäftigte, erfolgreich bis 1933, als die einsetzenden Boykotte zu einem empfindlichen Umsatzrückgang führten. Am 25. April 1938 mussten sie es schließlich an eine „Arierin“ verkaufen. Während Rosa Schulhöfer mit ihrem Mann in Würzburg blieb (von wo sie 1942 nach Theresienstadt und 1944 nach Auschwitz deportiert wurde), zog die unverheiratete Anna verfolgungsbedingt am 7. Juli 1938 nach Frankfurt um. Dort fand sie im Jüdischen Krankenhaus eine Beschäftigung als Näherin. Laut Entschädigungsakten hatte sie zuvor ihre sehr wertvolle Wohnungseinrichtung inklusive ihres Klaviers zu einem Schleuderpreis von 500 RM abgeben müssen.
Am 15. September 1942 wurde Anna Lachmann mit dem Transport XII/3 (Da 515) vom Jüdischen Krankenhaus in der Gagernstraße aus nach Theresienstadt verschleppt. Dieser Transport war der insgesamt neunte aus Frankfurt, der dritte nach Theresienstadt. Er umfasste 1.366 Personen, unter ihnen viele Waisenkinder und alte Menschen sowie Kriegsausgezeichnete des 1. Weltkrieges, die vorher verschont worden waren. Als Sammellager dienten verschiedene Altersheime, von wo aus die zum Teil hinfälligen Menschen nach Bezahlung von 50 RM Reisekosten teils auf Lastwagen, teils auf Leiterwagen verladen und zur Großmarkthalle gefahren wurden. Sie waren, so eine Augenzeugin*, „dreifach angezogen, ein Koffer, ein Brotbeutel… aus der Siechenabteilung sind schwer Leidende mitgekommen“.
Während in der Markthalle der Verkauf von Obst und Gemüse weiterging, wurden im Keller von der Gestapo die Personalien kontrolliert, das Gepäck durchsucht und das Vermögensverzeichnis sowie die mit Adressschild versehenen Wohnungsschlüssel eingesammelt; brutale und entwürdigende Leibesvisitationen fanden statt. Nach zwei Tagen und Nächten mussten die Menschen direkt vor dem Gebäude den Transportzug besteigen. Sie erreichten Theresienstadt am 16. September. Sechs Monate später erlag Anna Lachmann dort am 31. März 1943 den katastrophalen Lebensbedingungen. Sie wurde 65 Jahre alt.
Auf dem Gelände der Großmarkthalle entsteht gegenwärtig der Neubau der Europäischen Zentralbank. Eine Gedenkstätte, bestehend aus einer Rampe und einem Keller, soll zukünftig an die 10.000 jüdischen Menschen erinnern, die von dort deportiert wurden.
In Australien füllte 1956 Martha Leighton, geborene Lachmann, Gedenkblätter für ihre drei ermordeten Geschwister Anna, Benedict und Rosa aus.

* Tilly Cahn, zitiert auf der Internetplattform „Frankfurt am Main 1933-1945“
   
Quelle Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 1, S. 324;
Memorial Book Victims of the Persecution of Jews under the National Socialist Tyranny in Germany 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/907496 (02.06.2016);
Personal information by Michael Lenarz, Jüdisches Museum Unter-mainkai 14/15, Frankfurt/Main (Frankfurt 1996-2014, Texts: Heike Drummer/ Jutta Zwilling) (23.10.2014), http://www.eka01.de/museum/deportierte/redaktion/druck.html; personal information by Volker Harms-Ziegler, Stadt Frankfurt/Main, Institut für Stadtgeschichte, Personennachweis (23.10.2014);
Deportation der jüdischen Bevölkerung aus dem Deutschen Reich. Frankfurt a.M. - Theresienstadt, Abfahrtsdatum: 15.09.1942, http://www.statistik-des-holocaust.de/TT420915-38.jpg (02.06.2016).
Autorin / Autor Kristin Höhn
Paten Frau Kristin Höhn
   
zurück