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Alfred Selig

 
geboren am 05.03.1892 in Bischofsheim/Hessen, Krs. Groß-Gerau
Straße  Crevennastraße 11
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum27.11.1941
Todesdatumunbekannt
TodesortRiga-Jungfernhof oder Umgebung
   
Am 27.11.1941 über Nürnberg nach Riga-Jungfernhof deportiert und vermutlich dort oder in der Nähe im Winter 1941/42 ermordet.
   
Alfred wurde 1892 als zweitjüngstes der neun Kinder von Ferdinand Selig und Rosa, geb. Mayer, geboren. Die meisten seiner Geschwister waren also älter als er: Johanna (Jg. 1882), Emma (Jg. 1883), Oskar (Jg. 1884), Berthold (Jg. 1885), Jenny (Jg. 1886) und Friedrich (Jg. 1889). Nur Melanie (Jg. 1893) kam nach Alfred auf die Welt. Die große Familie lebte in Bischofsheim, Krs. Groß-Gerau vom Vieh- und Getreidehandel.

Nach seiner kaufmännischen Lehre und einer ersten Tätigkeit als Kaufmann in Zürich leistete Alfred Selig 1913 seinen Wehrdienst und wurde im 1. Weltkrieg als Unteroffizier eines Hessischen Infanterieregiments 1914 verwundet. Er erhielt 1916 das Eiserne Kreuz II und 1917 eine Auszeichnung für Tapferkeit. Sogar 1935 wurde ihm noch das „Ehrenkreuz für Frontkämpfer“ im „Namen des Führers“ verliehen und 1936 wurde ihm gestattet, das Verwundetenabzeichen zu tragen. Alfred Selig war seit 1924 Mitglied im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und im Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten.

Nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst wandte sich Alfred Selig nach Würzburg, wo er zahlreiche Verwandte hatte, u.a. den Kommerzienrat Karl Selig. Er wohnte auch im Haus von Verwandten, nämlich bei dem Weinhändler Gustav David und seiner Frau Erna (seiner Cousine).

Zunächst arbeitete Alfred als Reisender und dann ab 1929 als selbstständiger Weingroßhändler. 1930 heiratete er Irma Bing aus Fürth; das Paar zog in die Crevennastr. 11. Im gleichen Jahr wurde der erste Sohn Ferdinand und 1933 der zweite Sohn Friedrich in Würzburg geboren.

Schon bald bekam Alfred Selig jedoch in seiner Tätigkeit als Kaufmann Restriktionen der Nazis zu spüren. Anfang 1938 hielt er sich kurzzeitig in Bingen am Rhein auf, um die Bedienung von Abfüllmaschinen für Getränke zu erlernen. Während des Novemberpogroms befand er sich mit seiner Familie in Fürth, denn er hatte wohl eine kurzzeitige Beschäftigung bei der Fa. Stern in Nürnberg. Am 10. November inhaftierte man ihn in Fürth und er wurde ins KZ Dachau verschleppt. Als Frontkämpfer des 1. Weltkriegs kam er nach vier Wochen wieder frei.

Eng von der Gestapo kontrolliert arbeitete er nach der Rückkehr der Familie nach Würzburg bei unterschiedlichen Firmen als Hilfsarbeiter und absolvierte 1940 einen „Umschulungskurs im Elektroinstallationswesen“ in den „Jüdischen Anlernwerkstätten“ in München. Bis zu seiner Entlassung kurz vor der Deportation war er in Würzburger Baufirmen zwangsbeschäftigt.

1938 beantragte Alfred Selig vergeblich einen Pass, um für eine befristete Zeit mit seinem kranken ältesten Sohn nach Zürich zur Behandlung zu fahren. Zugleich bestätigte er, dass die Familie nach erfolgter Behandlung in die USA auswandern wolle. Im Januar 1940 suchte er um die Auswanderung in die USA, nach New Haven nach, wo offensichtlich der Onkel seiner Frau, Lothar Midas, lebte. Die Gestapo stimmte zwar zu, die Emigration gelang jedoch nicht - vermutlich weil die Familie die Aufnahmekriterien nicht erfüllte oder zu weit hinten auf der Warteliste stand.

Seit 1939 war Alfred Selig mit seiner Familie gezwungen, in der Bibrastr. 6, einem der Sammelquartiere für Juden zu wohnen. Die vierköpfige Familie lebte in einem Zimmer. Ein Besuch im Haus und auf der Terrasse bei der Familie Schwabacher, wie er fotografisch dokumentiert ist, muss für Eltern und Kinder eine willkommene Abwechslung gewesen sein.

Mehrfach erkrankte Alfred Selig 1941, bevor die Familie am 23. November 1941 über ihren Abtransport informiert wurde. Drei Tage später mussten sie sich in der Stadthalle Würzburg einfinden, um in der folgenden Nacht vom Güterbahnhof Aumühle nach Nürnberg und von dort zwei Tage später ins Durchgangslager Riga-Jungfernhof transportiert zu werden.

Alfred Selig starb wie seine Söhne im Laufe des Winters 1941/42 an Hunger, Kälte oder Krankheiten auf dem Jungfernhof oder wurde dort oder in der Nähe ein Opfer von Erschießungen. Seine Frau Irma lebte noch bis zum 26. März 1942 und gehört zu den Opfern der letzten Massenerschießungen der „Aktion Dünamünde“.
   
Quelle Staatsarchiv Würzburg, Gestapo 14 170;
Stadtarchiv Würzburg, Adressbücher 1919-1943;
Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 2, S. 545;
Bernd Schiffler, Die Nachkommen von Seligmann Selig aus Bischofsheim, Gemeinde Bischofsheim/Hessen, 2014;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/959623 (23.06.2016);
KZ-Gedenkstätte Dachau, www.kz-gedenkstaette-dachau.de (23.06.2016);
Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Auskunft von Thomas Rey, Deutsches Riga-Komitee, vom 23.8.2014;
Yad Vashem – The Central Database of Shoa Victims’ Names, Gedenkblatt, http://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=430322&ind=1 (23.06.2016);
Deportation der jüdischen Bevölkerung aus der Bezirksstelle Bayern. Nürnberg - Würzburg nach Riga, Abfahrtsdatum: 29.11.1941, http://www.statistik-des-holocaust.de/OT411129-Wuerzburg4.jpg (07.06.2016). Foto: Yad Vashem, Gedenkblatt.
Autorin / Autor Elke Wagner
Paten Herr Axel u. Andreas Hochrein
   
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