Leo Elieser Seligsberger

   
geboren am 18.12.1920 in Würzburg
Straße  Johanniterplatz 2
Stadtteil Altstadt
Todesdatum18.10.1941
TodesortSchönbrunn
   
   
Leo Seligsberger wurde am 18.12.1920 als Sohn des Möbel- und Antiquitätenhändlers Sigmund Seligsberger und seiner Frau Sarah in Würzburg geboren. Das Geschäft seiner Eltern war in den 1930er Jahren die drittgrößte Antiquitätenfirma Deutschlands. Das damals hohe Ansehen von Würzburg als Stadt des Kunsthandels wurde durch das Familienunternehmen mitbegründet.

Anders als sein älterer Bruder Ernst war Leo Seligsberger geistig behindert und brauchte eine besondere Betreuung und Pflege. Deshalb gaben ihn seine Eltern im Alter von sechs Jahren in die Obhut des renommierten heilpädagogischen Instituts Wien-Grinzing in Österreich. Der jüdische Begründer und Heilpädagoge der Einrichtung, Theodor Heller, war für seine fortschrittlichen sonderpädagogischen Ansätze bekannt.

Nach dem "Anschluss" Österreichs 1938 und dem kurz darauffolgenden Selbstmord Theodor Hellers wurde das Heilpädagogische Institut Wien-Grinzing gleichgeschaltet und nur noch durch zwei pädagogische Angestellte weitergeführt. 1941 sollte die Einrichtung endgültig geschlossen werden. Die meisten Kinder der Anstalt wurden in der Zwischenzeit deportiert, einige andere schnellstmöglich an die Eltern zurückgegeben.

Leos Eltern Sigmund und Sarah Seligsberger lebten ab Anfang 1939 bereits in Holland. Nachdem ihr Würzburger Möbel- und Antiquitätengeschäft 1937 "arisiert" worden war, emigrierten sie über Berlin zu ihrer holländischen Verwandtschaft. Von dort aus versuchten sie auch, über ihren Freund und Treuhänder Konsul Erwin Respondek eine geeignete Folgeeinrichtung zur Betreuung ihres behinderten Sohnes zu finden. Mit der Pflegeanstalt Schönbrunn bei Dachau dachten sie, die richtige Wahl getroffen zu haben.

Am 5. Juli 1940 brachte man Leo Seligsberger von Wien-Grinzing dorthin. Etwa ein Jahr später fanden in Schönbrunn die ersten Patiententransporte in die Tötungsanstalt Eglfing-Haar im Rahmen des "Euthanasie"-Programms der Nationalsozialisten statt. Leo Seligsberger war nicht darunter. Er starb am 18. Oktober 1941 in Schönbrunn an massiver Vernachlässigung und wurde auf dem jüdischen Friedhof in München beerdigt.

Die ausführliche Obduktion der Leiche Leo Seligsbergers deutet darauf hin, dass sein Tod im engen Zusammenhang mit dem "Euthanasie"-Programm zu sehen ist.

Leos Eltern Sigmund und Sarah Seligsberger wurden 1943 in Sobibor, sein Bruder Ernst 1942 in Auschwitz ermordet.
   
Quelle Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 2, S. 549 f.;
Archiv des Erzbistums München und Freising: Pfleglingsakte, Archiv Schönbrunn 5.6.2.2.44_1941, Leo Seligsberger;
Dieter Lotz, Theodor Heller (1869-1938), in: Lebensbilder bedeutender Heilpädagoginnen und Heilpädagogen des 20. Jahrhunderts, hrsg. v. Maximilian Buchka, Rüdiger Grimm und Ferdinand Klein, München 2002, S. 111-129;
Norbert Jachertz, "Euthanasie". Alte Schuld, in: Deutsches Ärzteblatt, Jg. 108, Heft 13, 1.4.2011, S. A 694-A 696;
Leo Baeck Institute New York, Curt Silberman collection, AR 125124, http://111.lbi.org (23.06.2016).
Autorin / Autor Nina Gaiser
Paten Therapiehaus Ludwigstraße, Höpf
   
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