Frieda (Frida) Blumenthal

   
geboren am 21.10.1897 in Würzburg
Straße  Sophienstr. 11
Stadtteil Sanderau
Deportationsdatum16.09.1940
Todesdatum20.09.1940
TodesortHartheim
   
Kaufmännische Angestellte. Eltern: Hermann Blumenthal, Kaufmann aus Holzhausen bei Wiesbaden, 1853-1915 und Ida, geb. Schwabacher aus Heidingsfeld 1859-1928. Hatte angeblich "schon immer einen leichten Verfolgungswahn". Erkrankte erstmals um 1916. In Psychiatrischer Klinik vom 20.11.- 16.12.1916; 31.10.-05.11.1920; 05.09.-13.09.1928. Dazwischen gesund und arbeitsfähig. Beide Geschwister starben an Tuberkulose: Selma 1884-1908; Siegfried 1890-1911. Nach dem Tod des Vaters gezwungen, sich und die Mutter zu ernähren. Lernte Stenographie und Schreibmaschine. Verlust ihrer Stelle, danach 2. Krankheitsepisode. Anstellung beim Kaufhaus Zapff. 1928 zum 3.Mal in Psychiatrischer Klinik, von dort nach Lohr. 1935 angeordnete Unfruchtbarmachung ausgesetzt, solange sie sich in geschlossener Anstalt befindet. Am 16.09.1940 in Sammelanstalt Eglfing-Haar verlegt, am 20.09.1940 nach Hartheim deportiert und ermordet.
   
Frieda Blumenthal wird am 21. Oktober 1897 in Würzburg in der damaligen Wohnung ihrer Eltern in der Schustergasse 2 geboren. Sie ist das jüngste von drei Kindern. Über ihre Eltern wird von Verwandten berichtet, dass die Mutter "sehr unintelligent aber sonst normal", der Vater "ein guter Charakter und intelligenter Mensch gewesen sei". Von Nervenkrankheiten sei weder von der Vater- noch von der Mutterseite etwas bekannt. Die beiden älteren Geschwister seien "sehr kluge, völlig normale Menschen gewesen", sie starben mit 24 bzw 21 Jahren an Tuberkulose. Frieda selbst sei ein verwöhntes aber sonst unauffälliges Kind, sie sei sehr wahrheitsliebend und gutmütig gewesen, in der Schule habe sie gut gelernt. Sie absolvierte die Sophienschule. Mit dem Tod des Vaters 1915 verschlechtert sich die finanzielle Lage der Familie plötzlich sehr. Frieda Blumenthal muss einen Beruf ergreifen um sich und die Mutter zu ernähren, was ihr gar nicht gefällt. Sie ist der Meinung, anders zu sein als andere Mädchen ihres Alters und will nicht arbeiten gehen. Nach einigen Monaten Ausbildung in Stenographie und Schreibmaschine findet sie schließlich eine Anstellung beim Würzburger Magistrat. Sie streitet sich viel und heftig mit der Mutter, wird auch gegen sie handgreiflich. Nach einem solchen stürmisch verlaufenen Streit im November 1916 droht der Hausherr mit der Polizei,und schließlich bringen Verwandte und der Hausarzt sie in die Psychiatrische Klinik. Zuvor hat sie sich aus Protest die Haare komplett abgeschnitten. Nach drei Wochen Aufenthalt in der Klinik kehrt sie nach Hause und dann an ihren Arbeitsplatz zurück, bis 1920 ihre Stelle abgebaut wird. In diese Zeit fällt ihre zweite Krankheitsepisode. Sie wird von einem Sanitäter in die Klinik gebracht, weil sie sich ihre Haare diesmal komplett abgebrannt hat. Sie ist trauriger, deprimierter Stimmung, sagt dass sie krank sei, sich unglücklich fühle und nicht mehr arbeiten könne. Warum sie sich die Haare verbrannt hat wisse sie selbst nicht recht, es müsse aber mithilfe einer Wachskerze geschehen sein. Sie hat ausgedehnte Verbrennungen am ganzen Kopf davon getragen, welche in Eiterung übergehen, und fiebert. Deshalb wird sie am 5. November 1920 in die chirurgische Klinik zur Behandlung ihrer Brandverletzungen überführt. Sie ist ganz ruhig und "bedarf nicht des Aufenthaltes in einer psychiatrischen Klinik". Nach ihrer Entlassung aus der Klinik findet sie eine Anstellung beim Kaufhaus Zapff, wo sie Waren auszeichnet und ein unverhältnismäßig gutes Gehalt bekommt. Sie ist wohl vorwiegend aus Wohltätigkeit angestellt worden. Der immer schon bestehende Verfolgungswahn verschlimmert sich jetzt. Sie bildet sich ein, man verdächtige sie der Untreue und läßt sich nicht davon abbringen. „Der Chef hat ja gesagt, es sei nichts, aber ich weiß es doch“. Weil sie und ihre Mutter sich darüber so gegrämt hätten, hätten sie seit Wochen nichts gegessen. Die Mutter soll ganz verhungert gewesen sein. Schließlich wird Frieda Blumenthal wieder in die Psychiatrische Klinik gebracht. Dort geht am 5.9.1928 die Nachricht ein, dass die Mutter schwer krank sei. Als die Schwestern hinkommen, ist sie tot. Niemand kann sagen woran sie gestorben ist. Die Tochter gibt sich die Schuld am Tod der Mutter, sie „tobte, schrie und jammerte, dass man sie nicht zuhause lassen konnte“. Deshalb wird sie auf Wunsch der Verwandten nach Lohr verlegt. Dort gibt es eine rituelle Verpflegung für Juden, deren Kosten der Fürsorge-Verein für israelitische Nerven- und Geisteskranke e.V. in Aschaffenburg übernimmt. Am 19.9.1934 beantragt die Heil- und Pflegeanstalt Lohr beim Erbgesundheitsgericht Würzburg die Unfruchtbarmachung ihrer Patientin Frieda Blumenthal, da diese als geheilt entlassen werden soll. Die Durchführung der Maßnahme in der Universitätsfrauenklinik wird durch Beschluss des Gerichtes mit dem Beisitzer Dr. Heyde am 12.2.1935 angeordnet, wogegen Justizrat Oppenheimer Einspruch einlegt. Dieser wird zwar abgelehnt, der Eingriff aber ausgesetzt, solange Frieda Blumenthal sich in einer geschlossenen Anstalt befindet. Sie beschließt, lieber freiwillig in Lohr zu bleiben, als sich sterilisieren zu lassen. Das führt zu Schwierigkeiten bezüglich der Kosten ihrer Unterbringung. Da sie als geheilt und arbeitsfähig gilt werden ihr Rente und Angestellten Versicherung gestrichen. Sie darf in Lohr bleiben, aber nur solange sie keine öffentlichen Mittel in Anspruch nimmt. Deshalb verpflichten sich zwei Verwandte in München, Rabbiner Dr. Leo Baerwald und der Kaufmann Josef Mayer die Kosten zu übernehmen. Sie bleibt also in der Klinik, fühlt sich dort aber trotz gelegentlicher Besuche von ihrer Cousine Else Blumenthal aus Nürnberg und ihrem Arbeitgeber einsam und verlassen.
Am 16. September 1940 wird Frieda Blumenthal, zusammen mit den anderen jüdischen Pfleglingen aus Lohr, in die Sammelanstalt Eglfing-Haar verlegt. Von dort geht am 20. September ein Transport mit jüdischen Anstaltsinsassen aus ganz Bayern in die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz, wo alle wahrscheinlich sofort nach der Ankunft in der Gaskammer ermordet werden. 19 Tage nach ihrem Tod, am 9. Oktober 1940, geht in Lohr ein Schreiben des Amtsgerichts Würzburg ein mit dem Betreff: Blumenthal, Frieda, Unfruchtbarm. Es enthält eine Bitte um Stellungnahme zu dem Wiederaufnahmeantrag, den sie mit Hinweis auf ihr mittlerweile fortgeschrittenes Alter von 43 Jahren noch von Lohr aus gestellt hatte.
   
Quelle Archiv des Bezirkskrankenhauses Lohr, Akte Frieda Blumenthal;
Universitätsarchiv Würzburg, Akte Frieda Blumenthal.
Autorin / Autor Kristin Höhn
Paten Frau Annedore Stassek-Bonnett
   
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