Julius Tannenwald

   
geboren am 04.12.1890 in Estenfeld
Straße  Augustinerstr. 3
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum16.09.1940
Todesdatum20.09.1940
TodesortHartheim
   
am 16.09.1940 nach Eglfing-Haar "überführt" und von dort nach Hartheim deportiert, am 20.09.1940 in der Gaskammer ermordet
   
Julius Tannenwald kommt am 04. Dezember 1890 in Estenfeld zur Welt. Seine Eltern sind Jakob Tannenwald und Hannchen, geb. Ernstthal, beide aus Estenfeld, seit 1886 verheiratet. Am 1. August 1887 wird sein älterer Bruder Louis geboren, am 2. Dezember 1895 der jüngere, Karl.

Nach der Volksschule in Estenfeld arbeitet Julius bei der Fa. Steuermann & Wimmelbacher in Würzburg, und bezieht 1907 eine Wohnung in der Augustinerstraße, in der zeitweise auch sein Bruder Karl lebt. Alle drei Brüder nehmen am 1. Weltkrieg teil, Karl fällt 1916. Die Mutter stirbt im März 1917, der Bruder Louis fällt wenig später.

Nach dem Krieg ist Julius Tannenwald als Reisender mit unbekanntem, ständig wechselndem Wohnsitz unterwegs. Irgendwann in dieser Zeit bricht die Krankheit aus. Er wird in Nürnberg bei Bagatelldelikten (Zechprellerei und ähnliches) erwischt und vor Gericht gestellt. Zu dem Zeitpunkt ist wohl schon offenkundig, dass es um seine Gesundheit nicht zum Besten bestellt ist, denn das Gericht fordert am 24. November 1926 ein Gutachten über seinen Geisteszustand an. Da er sich freiwillig zur Untersuchung in Werneck nicht einfindet, erfolgt von Amts wegen die Einweisung in die psychiatrische Abteilung bei den Gerichtsgefängnissen in Nürnberg. Dort wird er für strafrechtlich nicht verantwortlich und gemeingefährlich befunden. Seine „Einschaffung“ in die Heil- und Pflegeanstalt Lohr wird angeordnet. Gegen die Art der Durchführung dieses Verfahrens und gegen seine Verbringung in die Psychiatrie legt er beim Oberlandesgericht Beschwerde ein. Diese wird vom Oberstaatsanwalt in Bamberg als grundlos abgelehnt.

Dem Gerichtsgutachten schließt sich auch der Bezirksarzt in Würzburg an. Da Julius Tannenwald sich nicht regelmäßig in Estenfeld aufhält (im Jahr nur fünf bis sechs Tage), lehnt der Ortsfürsorgeverband Estenfeld die Kostenübernahme für die stationäre Unterbringung ab. Schließlich übernimmt der Landesfürsorgeverband Unterfranken in Würzburg endgültig die Fürsorge, da ein gewöhnlicher Aufenthalt nicht ermittelt werden kann. Für die Kosten seiner rituellen Verpflegung kommt der Fürsorge-Verein für israelitische Nerven- und Gemütskranke e.V. in Aschaffenburg auf.

Dem Vater, der inzwischen nach Schmalnau bei Fulda zu seiner Schwester gezogen ist, teilt die Heil- und Pflegeanstalt Lohr auf seine Anfrage hin mit, dass die Krankheit seines Sohnes eine ungünstige Prognose hat und auf nicht absehbare Zeit Anstaltspflege nötig machen wird. Daraufhin beschließt der Vater, die bestehende Gütergemeinschaft mit seinem Sohn Julius aufzulösen. Dazu muss vom Amtsgericht Würzburg ein Pfleger bestellt werden, womit Julius Tannenwald auch einverstanden ist. Obwohl er lieber den Würzburger Rechtsanwalt Meisner gehabt hätte, wird am 9. Dezember 1927 Ludwig Frankenberger, Landwirt aus Estenfeld, zum Pfleger bestellt. Die Gütergemeinschaft wird gerichtlich aufgehoben. Jakob Tannenwald kann nun ein Testament machen, in dem er seinen Sohn auf den Pflichtteil setzt und seiner verwitweten Schwester Nanni Lump in Schmalnau, bei der er lebt und die ihn seit Jahren versorgt, seinen Besitz vermacht. Am 7. Juli 1937 verstirbt Jakob Tannenwald in Koblenz.

Während seines langen Klinikaufenthaltes schreibt Julius Tannenwald zahlreiche Briefe in gestochener Handschrift und fehlerlosem Deutsch, die alle um dasselbe Thema kreisen: ein „Meuchelmord auf okkultem Wege“ soll an ihm von einer Schauspielerin und deren Freund verübt werden. Er wendet sich an verschiedene Ämter und Behörden, so den Bürgermeister von Estenfeld, den Landesfürsorgeverband, die Bayerische Staatsregierung, meint, dass bei Hindenburg aus Anlass von dessen 80. Geburtstag ein Gesuch für ihn eingereicht werden könnte. Er behauptet, nicht an krankhaften Störungen oder Sinnestäuschungen zu leiden. Aus menschlichen Gründen sei es eine Ungerechtigkeit, seine „goldene Freiheit zu verwirken“ und ihn bei „notorischen Narren“ festzuhalten. Während dieser Zeit erhält er mehrfach Pakete und Briefe von seinen Verwandten in Darmstadt und Koblenz, aber anscheinend keinen Besuch.

Als 1934 noch von Hindenburg das Ehrenkreuz als Auszeichnung für Frontkämpfer des 1. Weltkriegs geschaffen wird, bewirbt sich Ludwig Frankenberger im Namen seines Schützlings und legt die notwendigen Dokumente vor. Das Ehrenkreuz wird am 26. Oktober 1935 vom Bürgermeisteramt Estenfeld „nebst Beilagen“ übersandt. Im Jahre 1938 muss der Pfleger erneut tätig werden, um bei der Ortspolizeibehörde die nun vorgeschriebene Kennkarte für Juden, und beim Standesamt die Änderung der Vornamen („Israel“) zu beantragen. Die hierfür benötigten fünf Lichtbilder werden in Lohr angefertigt und dem Pfleger Frankenberger übersandt.

Am 17. September 1940 teilt die Klinik Lohr dem Landrat in Würzburg mit, dass aufgrund der Anordnung des Staatsministeriums des Innern vom 4. September 1940 (alle jüdischen Insassen der Heil- und Pflegeanstalten Bayerns sind in eine einzige Anstalt zu verlegen), „Tannenwald Julius Israel am 16. September 1940 in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar bei München überführt“ wurde. Von dort geht am 20. September 1940 ein Transport mit ausschließlich jüdischen Patienten aus Bayern in die Tötungsanstalt Schloss Hartheim bei Linz, wo alle noch am Ankunftstag in der Gaskammer sterben. Julius Tannenwald wurde 49 Jahre alt.
   
Quelle Archiv des Bezirkskrankenhauses Lohr;
Standesamt Estenfeld, telefonische Mitteilung H. Pfister, zuletzt 25.4.16;
Rainer Strätz: Biographisches Handbuch Würzburger Juden, S. 632;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/102593 (26.06.2016).
Autorin / Autor Kristin Höhn
Paten Herr Rüdiger Roger
   
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