Adolf Steinam

   
geboren am 02.08.1871 in Würzburg
Straße  Martinstraße 11
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum23.09.1942
Todesdatum01.03.1943
TodesortTheresienstadt
   
am 23.09.1942 nach Theresienstadt deportiert und dort am 01.03.1943 ermordet
   
Adolf Steinam war das sechste von sieben Kindern des Seligmann Löb Steinam (1834-1912) aus Fuchsstadt und seiner Frau Babette, geb. Behr (1837-1917) aus Urspringen. Seit 1864 lebte die Familie in Würzburg.
Sein Vater, vom Schneidergesellen zum Inhaber eines führenden Herrenmaßgeschäfts in der Martinstraße 11 aufgestiegen, war unter der Woche in ganz Bayern unterwegs, um Beamte und hohe Militärs mit Uniformen und feiner Kleidung auszustatten. Obwohl dieser nach Angaben seines Enkels Curt Ries bereits im Jahr 1907 zum Vermögensmillionär geworden war, soll er bescheiden, liebenswert und ein wenig altmodisch geblieben sein. Am Freitag soll er jedenfalls immer rechtzeitig zurückkehrt sein für den Besuch des Abendgottesdienstes in der Synagoge.
Adolf wurde Kaufmann, trat anschließend in das elterliche Geschäft Steinam & Cie ein und stieg mit Bruder Bernhard zum Teilhaber auf. Sein Bruder Isidor war zunächst ebenfalls im Familienbetrieb tätig, schied jedoch bereits um 1900 aus. Nach dem Tod des Vaters und des Bruders Bernhard 1912 wurde Adolf alleiniger Inhaber, gliederte eine Stoffhandlung an und erlebte die Ernennung zum Hoflieferanten im Jahr 1913, nachdem er im Jahr 1911 das Bürgerrecht erworben hatte. Seine herausgehobene gesellschaftliche Stellung drückte sich in verschiedenen Mitgliedschaften aus: Er gehörte zwei exklusiven jüdischen Vereinen an, dem Club 1912 und der Gesellschaft Casino, sowie dem Würzburger Verschönerungsverein und nahm regen Anteil am gesellschaftlichen Leben.
Adolf Steinam war klein, untersetzt, mit dicken Brillengläsern und Glatze, leicht erregbar und trotzdem gutmütig und hilfsbereit, ein erfolgreicher Geschäftsmann, der auch gerne im Kaffeehaus saß und Karten spielte - so beschreibt ihn sein Neffe Curt Ries im Juli 1943 in einem Nachruf mit dem Titel „Todesanzeige“.
Er wohnte mit seiner Frau Thekla, geb. Stern (Jg. 1883), die er 1904 geheiratet hatte, in der Kaiserstraße 9. Die Ehe blieb kinderlos. Für den minderjährigen Sohn seines verstorbenen Bruders Bernhard, Curt Steinam-Riess (Jg. 1902), der mit der Mutter nach Berlin gezogen und in den Ferien häufig zu Gast bei der Familie in Würzburg war, übte er die Vormundschaft aus und verwaltete dessen Erbe.
Im Jahr 1931 verkaufte Adolf Steinam das Geschäft an einen Angestellten, das einige Zeit danach unter dem Namen ‚Steinam & Cie Nachfolger‘ in der Schönbornstraße 2 wieder öffnete. Er selbst zog mit seiner Frau im Oktober 1932 in die Ludwigstraße 21. Als sein Neffe Curt ihn bereits 1933 zur Emigration überreden wollte, glaubte er nicht an den Ernst der Situation. 1937 erfolgte der Umzug in sein Elternhaus in der Martinsgasse 11 (heute Martinstraße), in dem auch sein Bruder Isidor lebte. Dort nahm er zuletzt seine beiden Schwager Oskar und Ludwig Stern in den Haushalt auf.
Wegen der Festsetzung der „Reichsfluchtsteuer“ – eine der Beraubungsmethoden des NS-Staates - war er gezwungen, 1939 sein Haus in der Eichhornstraße 2a zu verkaufen. Durch Hausdurchsuchungen, Bußgelder und Geldstrafen wegen angeblicher Devisenvergehen wurde die Bedrängnis immer größer, vom Vermögen blieb kaum etwas.
Auch aus dem ehemaligen Elternhaus Martinsgasse11/ Eichhornstraße 2 1/2 wurde das Ehepaar Steinam vertrieben und ab Oktober 1941 zusammen mit einigen anderen Familien im Gebäude auf dem Jüdischen Friedhof einquartiert, von wo der 70-jährige Adolf Steinam mit dem Handkarren nach Würzburg fahren musste, um Lebensmittel aufzutreiben.
Mit seiner Frau und seinem Bruder Isidor wurde er am 23.09.1942 nach Theresienstadt deportiert. Vorher nahm man ihm noch das letzte Geld für einen sogenannten „Heimeinkaufsvertrag“ ab. Dort wurde er am 1.3.1943 Opfer der unmenschlichen Lebensbedingungen, nach offiziellen Angaben war eine Lungenentzündung die Todesursache. Sein Bruder war schon bald nach der Ankunft am 20.11.1942 gestorben. Ehefrau Thekla wurde im Mai 1944 von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Seine Schwestern Henriette Löwenthal und Klara Fürst überlebten in Palästina bzw. den USA, seine Brüder Moses und Ferdinand waren schon in jüngerem Alter gestorben.
   
Quelle Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T.2, S. 580f., 599, 460, 461;
Stadtarchiv Würzburg, Adressbücher 1925-1941, Grundlisten (Kaiserstraße 9, Ludwigstraße 21, Martinsgasse);
Staatsarchiv Würzburg, Gestapoakte 15133; Vermögenskontrollakten des Finanzamts Würzburg Nr. 3281 und 3389; Wiedergutmachungsakten N 393, IV a 1945; Jüdisches Standesregister 159 Würzburg; 145 Urspringen;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de973981 (22.2.2015);
Gedenkblatt Yad Vashem, http://db.yadvashem.org/names/nameDetails.html?itemId=6705846&language=de#!prettyPhoto[gallery2]/0/ (18.3.2015);
Datenbank digitalisierter Dokumente Theresienstadt http://www2.holocaust.cz/de/document/DOCUMENT.ITI.17693 (22.2.2015); http://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/33651-adolf-steinam/(22.2.2015);
Roland Flade, Die Würzburger Juden. Ihre Geschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Mit einem Beitrag von Ursula Gehring-Münzel, 2. erw. Aufl., Würzburg 1996, S. 217-218;
Curt Riess, Todesanzeige. Ein jüdisches Schicksal, in: Aufbau New York, Vol. 9, Heft 29, S. 8, http://archive.org/stream/aufbau91943germ#page/n447/mode/1up (25.1.2015);
Curt Riess, Das waren Zeiten, Wien/Innsbruck/Zürich/München 1977, S. 9-31;
Brief von Fritz Blum, New York, an Gabriele Schiwon vom 9. April 2015;
http://franken-wiki.de/index.php/Hoflieferanten_in_Franken (24.1.2015).
Autorin / Autor Ingrid Sontag
Paten Wirsberg-Gymnasium, Frau Dr. Angela Schwarzer, Angela
   
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