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Hedwig Hanauer

   
geboren am 11.06.1863 in Gochsheim
Straße  Friedrich-Ebert-Ring 21
Stadtteil Frauenland
Deportationsdatum23.09.1942
Todesdatum06.06.1943
TodesortTheresienstadt
   
deportiert am 23.09.1942 nach Theresienstadt und dort am 06.06.1943 ermordet
   
Hedwig Hanauer wurde am 11. Juni 1863 in Gochsheim als achtes Kind des Arztes Nathan Hanauer (1815-1871) und seiner Frau Therese, geb. Ep(p)stein (1829-1905) aus Fulda geboren. Fünf ihrer neun Geschwister starben bereits im Kindesalter, über die anderen ist bislang nicht viel bekannt.
Ihr Vater Nathan Hanauer stammte aus Heidingsfeld und hatte an der Universität Würzburg Medizin studiert. Als praktischer Arzt arbeitete er unter anderem in Ermershausen und Gochsheim, wo auch seine Kinder geboren wurden. Nach seinem Tod verließ die Familie das Haus Nr. 61 in Gochsheim. Therese Hanauer zog mit ihren fünf Kindern nach Würzburg, wo sie von 1891 bis 1894 eine Weinhandlung betrieb und ansonsten als Privatiere lebte. Ihr jüngstes Kind Pauline gab sie zeitweise in Pflege. Ihr Sohn Max (Jg. 1858) war Reisender und arbeitete als Prokurist in der Weinhandlung der Mutter. Er beging 1911 Selbstmord.
Nach dem Tod der Mutter 1905 wohnte Hedwig, die zu einem unbekannten Zeitpunkt wegen „Geistesschwäche“ für unmündig erklärt wurde, in immer wieder neuen Wohnsituationen zur Untermiete oder im Heim. Sie betätigte sich als Stickerin und könnte damit einen Teil ihres Lebensunterhalts verdient haben. Viel dürfte es nicht gewesen sein, sie wurde auch von Verwandten unterstützt und bezog Sozialrente. Seit dem Tod ihres Bruders Max 1911 lebte niemand mehr von ihrer Familie in der Stadt. Ein halbes Jahr lang war sie 1922 im Fürsorgeheim in der Frankfurter Straße 24 untergebracht, lebte danach für einige Monate zur Untermiete bei Noe und Rosalie Fechenbach in der Semmelstraße 21. Mit dem Einzug in der Hindenburgstraße 21 am 1. Januar 1923, also im Alter von beinahe 60 Jahren, gewann sie endlich wieder Stabilität zurück. Hier blieb sie fast 20 Jahre lang.
Sie wohnte als Untermieterin im ersten Stockwerk in der Wohnung der Hausbesitzerin Ernestine Seligsberger (1864-1939). Die ledige Geschäftsfrau hatte sich soeben aus dem aktiven Geschäftsleben zurückgezogen. Beide Frauen waren etwa im gleichen Alter und konnten vielleicht Freundschaft schließen. Nach vielen Jahren des Zusammenlebens und steigenden Drucks in der NS-Zeit – die Firma Seligsberger wurde 1937 aufgeteilt und verkauft – erkrankte Ernestine Seligsberger und zog im Oktober 1939 in das jüdische Altersheim in der Konradstraße 3. Hier starb sie nur wenige Tage später. Das Haus an der Hindenburgstraße musste an eine NS-Organisation verkauft werden.
Trotz der neuen Hausbesitzer lebte Hedwig Hanauer noch mehr als eineinhalb Jahre an dieser Adresse. Nachdem sie am 3. Juli 1941 im Alter von 78 Jahren von der Gestapo ebenfalls in das Heim in der Konradstraße, eines der Würzburger Sammelquartiere, verbracht worden war, stellte sie 1941 einen Antrag, Möbel verkaufen zu dürfen, für die sie keinen Platz mehr hatte.
Von den bei der Versteigerung erzielten 50 Reichsmark bekam sie nur noch 36 Reichsmark, die an ihren Vormund Salomon Saalheimer (1876-1942) ausgezahlt wurden, da die Entmündigte kein eigenes Konto besaß. Nach der Deportation wurde das Geld wie bei allen anderen Juden eingezogen.
Von der Konradstraße aus wurde Hedwig Hanauer am 23. September 1942 zum Güterbahnhof Aumühle transportiert, von wo sie gemeinsam mit 563 anderen Menschen aus Würzburg in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurde. Allen Widrigkeiten zum Trotz erlebte Hedwig in der Gefangenschaft fast noch ihren 80. Geburtstag. Sie starb am 6. Juni 1943.
   
Quelle Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 1, S. 236;
Staatsarchiv Würzburg, Gestapoakten 352;
Staatsarchiv Würzburg, Jüdisches Standesregister 21 (Ermershausen);
Staatsarchiv Würzburg, Jüdisches Standesregister 31 (Gochsheim);
Stadtarchiv Würzburg, Einwohnermeldebogen Therese Hanauer, Hedwig Hanauer;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de831357, (27.05.2016);
Holocaust Survivors and Victims Database: https://www.ushmm.org/online/hsv/person_view.php?PersonId=1465546 (27.05.2016);
Yad Vashem – The Central Database of Shoa Victims’ Names, Häftlingsliste des Lagers Theresienstadt, http://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=de&s_lastName=hanauer&s_firstName=hedwig&s_place=&itemId=4829937&ind=3&winId=8635788469281016907 (27.05.2016).
Autorin / Autor Franziska Mack / Riccardo Altieri
Paten Herr Josef Ludwig
   
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