Ernestine Holzinger, geb. Schuster

   
geboren am 25.08.1867 in Sterbfritz/Hessen
Straße  Bergmeistergasse  11
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum23.09.1942
Todesdatum31.03.1943
TodesortTheresienstadt
   
deportiert am 23.09.1942 nach Theresienstadt und dort am 31.03.1943 ermordet
   
Ernestine Holzinger kam am 25. August 1867 als Tochter des Pferdehändlers Michael Schuster (Jg. 1832) und seiner Frau Deichel, geb. Goldschmidt (Jg. 1833) in Sterbfritz/Hessen zur Welt. Sie hatte fünf Geschwister, doch drei von ihnen überlebten das Säuglingsalter nicht. Über die Kindheit und Jugend Ernestines ist bislang nichts bekannt.
Mit 25 Jahren heiratete sie am 6. Juni 1893 Max Holzinger (1864-1932), einen Kaufmann in Feuchtwangen. Er führte dort zusammen mit Adolf Eppstein ein Geschäft für Textilien und landwirtschaftliche Geräte. So wurde auch das einzige Kind des Paares, der Sohn Heinrich, am 19. Dezember 1902 in Feuchtwangen geboren. 1912 verkaufte Max Holzinger seine Firmenanteile und zog mit der Familie nach Würzburg in die Franz-Ludwig-Straße 11, wo er als Privatier von seinem Vermögen lebte.
Es ist anzunehmen, dass Ernestine Holzinger Hausfrau war und sich um die Erziehung des Sohnes und die familiären Belange kümmerte. Keine leichte Aufgabe in Anbetracht der Tatsache, dass ihr Ehemann Max Holzinger psychisch erkrankte und sich von Februar 1916 bis März 1920 zunächst in der Heil- und Pflegeanstalt Werneck und ab 1927 in der Klinik in Lohr befand. Aufgrund seiner Erkrankung wurde er entmündigt, sodass Ernestine Holzinger allein die Verantwortung für die Familie tragen musste. 1932 starb ihr Mann.
Es könnten finanzielle Gründe gewesen sein, die Ernestine Holzinger bereits im November 1928 veranlassten, in die Bergmeistergasse 11 in eine Wohnung im zweiten Stock umzuziehen. Hier blieb sie bis zum August 1937, als sie – fünf Jahre nach den Tod ihres Mannes – ihren Wohnsitz nach Frankfurt verlegte. Sie lebte bei ihrem Sohn Heinrich in der Bergerstraße 111.
Dieser hatte in Würzburg die Realschule Adam besucht und war 1921 als Kaufmann nach Frankfurt gezogen. Er gründete dort eine Familie, 1938 wurde sein Sohn Martin geboren. Nach dessen Aussage führte Heinrich Holzinger in Frankfurt einen Textil-Exporthandel in die baltischen Länder. Bereits zu Beginn der NS-Zeit hätten die Geschäfte aufgrund der Restriktionen deutlich nachgelassen. Aus Rücksicht auf seine Mutter habe Heinrich Holzinger jedoch eine Auswanderung nicht in Betracht gezogen. Nach der Geburt des Enkelsohnes hätte seine Mutter jedoch auf der Auswanderung von Sohn und Enkelsohn bestanden. Beabsichtigt sei gewesen, die alte Dame in die Vereinigten Staaten nachkommen zu lassen. Wie in so vielen anderen Fällen scheiterte dieser Plan.
Nachdem im Juni 1938 das Visum für die USA bewilligt worden war und die Ausreise in die USA kurz bevor stand, kehrte Ernestine Holzinger am 31. August 1938 nach Würzburg zurück. Ihr Sohn Heinrich verließ Deutschland mit seiner Familie am 15. September 1938.
Allein zurück in Würzburg, lebte die 71-jährige Ernestine Holzinger zuerst im Jüdischen Altersheim in der Dürerstraße 20, ab Anfang Juli 1941 dann im Heim in der Konradstraße 3, das wie die anderen Gebäude der Jüdischen Gemeinde in drangvoller Enge als Sammelquartier genutzt wurde.
Von hier wurde Ernestine Holzinger am 23. September 1942 über den Güterbahnhof Aumühle nach Theresienstadt deportiert. Sie starb ein halbes Jahr später mit 75 Jahren aufgrund der unsäglichen Lebensbedingungen dieses Lagers.
   
Quelle Staatsarchiv Würzburg, Gestapoakte 2177;
Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main;
Stadtarchiv Würzburg, Einwohnermeldebogen Max Holzinger, 1912; Grundliste Bergmeistergasse 11; Jahrbuch der Realschule Adam, Würzburg, 1915/1916;
Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 1 , S. 274;
Dietrich Weiß, Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde von Feuchtwangen 1274 – 1938, Feuchtwangen 1991 (Feuchtwanger Heimatgeschichte, Bd. 3);
persönliche Auskunft von Martin Holzinger, Enkelsohn Ernestine Holzingers, Ohio, USA;
Auskunft von Dr. Marie-Luise Conen, Berlin;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/939800, (02.06.2016);
Datenbank der Holocaust Opfer aus den böhmischen Ländern und von Häftlingen im Theresienstädter Ghetto aus Europa, http://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/16248-ernestine-holzinger/ (02.06.2016);
United States Holocaust Memorial Museum, Holocaust Survivors and Victims Database, https://www.ushmm.org/online/hsv/person_view.php?PersonId=3776632 (02.06.2016).
Autorin / Autor Petra Blasius
Paten Pfarrgemeinde St.Peter und Paul, Suhr
   
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