zurück

Andrzej Rostecki

 
geboren am 18.09.1915 in Tuczempy, Kr. Jaroslaw/ Polen
Straße  Margarete-Höppel-Platz 1
Stadtteil
Todesdatum08.07.1942
TodesortWürzburg
   
Am 08.07.1942 in Würzburg auf dem Transport von der Universitätsnervenklinik zum Amtsarzt ermordet.
   
Andrzej Rostecki kam am 1. Mai 1941 zu dem Bauern Richard Fries in Ingolstadt (Markt Giebelstadt). Er war von seiner Heimatstadt Tuczempy bei Lemberg zwangsweise nach Deutschland gebracht worden. Die Arbeit in der Landwirtschaft war er gewohnt, da er schon in Polen im Betrieb seiner Mutter gearbeitet hatte. Am 3. August 1941 floh er von dem Hof in Ingolstadt.
Die Umstände seiner Flucht schilderte Andrzej Rostecki bei der Gestapo wie folgt: Am 3. August 1941 sei er am Nachmittag zum Fotografen in das benachbarte Dorf Bütthard gegangen, um Fotos für seine Arbeitskarte abzuholen. Die Arbeitskarte versprach dem Zwangsarbeiter mehr Bewegungsfreiheit, wenn er fortan in der Lage war, sich auszuweisen. Da die Fotos noch nicht fertig gewesen seien, habe er gewartet und sei erst gegen 20 Uhr nach Ingolstadt zurückgekehrt. Sein Arbeitgeber sei sehr erzürnt gewesen und mit einem Stock auf ihn losgegangen. Um weiterer körperlicher Gewalt zu entgehen, sei er zunächst weggelaufen und habe in der Nähe des Hofes auf einer Bank sitzend abgewartet. Als er jedoch seinen Arbeitgeber mit dem Fahrrad Richtung Giebelstadt fahren sah, habe er gefürchtet, dass dieser ihn bei der Gendarmerie anzeige. Er habe es mit der Angst zu tun bekommen, da er schon miterlebt habe, wie andere polnische Zwangsarbeiter von den Gendarmen verprügelt wurden. Er habe beschlossen, nicht mehr zum Hof zurückzugehen, habe im Freien übernachtet und sei in den nächsten Tagen ziellos in der Gegend umhergelaufen. Ernährt habe er sich von Äpfeln, die er unterwegs von Bäumen gepflückt habe. Von einem anderen polnischen Zwangsarbeiter habe er Brot und Büchsenfleisch bekommen. Er sei von der Gendarmerie festgenommen worden, habe sich der Verhaftung jedoch zunächst entziehen können.
Einige Tage später wurde Andrzej Rostecki jedoch erneut festgenommen und nach Würzburg in Gefängnishaft gebracht. Ihm wurden Arbeitsverweigerung und Diebstahl vorgeworfen.
Im Gefängnis erlitt er einen psychischen Zusammenbruch, woraufhin er am 20. Oktober 1941 in die Universitätsnervenklinik Würzburg eingewiesen wurde. Rostecki versuchte dort vergeblich, sich das Leben zu nehmen. Am 9. November 1941 gelang ihm die Flucht aus der Universitätsnervenklinik. Bereits am 17. Dezember 1941 wurde er nach seiner erneuten Verhaftung in die Universitätsnervenklinik zurückgebracht, weil er im Gefängnis in den Hungerstreik getreten war.
Außer Andrzej Rostecki wurden in den 1940er Jahren noch 31 weitere Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen aus Polen in die Universitätsnervenklinik aufgenommen. Die Patientenakten geben Einblick in die harten Arbeitsbedingungen, Gewalt und Willkür im Alltag der überwiegend in der Landwirtschaft eingesetzten Polen und Polinnen. Die Würzburger Psychiater griffen die nationalsozialistische „Untermenschen“-Theorie auf, indem sie bei Zwangsarbeitenden häufig „Primitivität“, „Schwachsinn“ oder eine „Primitivreaktion“ diagnostizierten, nachdem sie diese zuvor – ohne Dolmetscher – einem Intelligenztest unterzogen hatten.
Die Universitätsnervenklinik Würzburg wurde seit 1939 von Prof. Dr. Werner Heyde (1902-1964) geleitet, der im gleichen Jahr auch medizinischer Obergutachter der Aktion T4 zur Ermordung von psychisch Kranken und Behinderten geworden war. Als solcher war Heyde für mehr als 100.000 Morde an Kranken und Behinderten verantwortlich. Heyde schrieb am 08.4.1942 an die Gestapo-Dienststelle Würzburg, man möge Rostecki nun endlich schnellstmöglich abholen, da die Universitätsnervenklinik „keine Pflege- und Bewahranstalt für andersstämmige Untermenschen“ sei und man die Betten dringend für „deutsche Volksgenossen“ brauche.
In der Gestapo-Akte Rosteckis findet sich eine Gesprächsnotiz von einem Telefonat mit Heyde: Der Kriminal-Obersekretär Vogel habe Heyde fernmündlich gefragt, ob eine „Exekution evtl. durch Eingabe eines Mittels oder durch eine Einspritzung in der Klinik selbst“ durchgeführt werden könne. Heyde habe jedoch abgelehnt, da dies dem Ansehen der Klinik schaden würde, er sei allerdings „jederzeit bereit, außerhalb der Klinik in jeder Weise hierzu behilflich zu sein. Es könnte dies an irgendeinem anderen Ort oder auf dem Transport geschehen“.
Die Gestapo-Beamten gaben vor, den Zwangsarbeiter zu seiner Exekution nach Nürnberg zu bringen. Am 8.7.1942 wurde Andrzej Rostecki, der inzwischen auf rund 44 kg abgemagert war und weder gehen noch sitzen konnte, liegend zum Amtsarzt transportiert. Dort sollte er zynischerweise auf seine Transportfähigkeit für die Fahrt zu seiner Exekution untersucht werden. Er kam allerdings nie beim Amtsarzt an, da unterwegs, Zeugenaussagen zufolge, ein Arzt – vermutlich Werner Heyde selbst – hinzustieg und seinen Patienten mit einer Spritze tötete. Die offizielle Todesursache lautete „akute Herzlähmung“. Seine Leiche wurde der Würzburger Anatomie übergeben.
1974 strengte die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth eine umfangreiche Ermittlung an, um den Mord an Andrzej Rostecki aufzuklären. Die Ermittlungen wegen Beihilfe zum Mord gegen die beiden Gestapo-Beamten, die den Transport organisiert und begleitet hatten, liefen ins Leere, da die beiden wichtigsten Zeugen, die ehemaligen Assistenzärzte der Universitätsnervenklinik Dr. Helmut Schneider und Dr. Günther Munkwitz, nicht vernommen werden konnten.
   
Quelle Universitätsarchiv Würzburg: Patientenakten der Universitätsnervenklinik Würzburg, Andreas Roctsecki 1941, PA 1941/633; Akten der Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen: PA 1940/28; PA 1940/110; PA 1940/138; PA 1940/266; PA 1940/298; PA 1940/311; PA 1940/516; PA 1940/748; PA 1942/37; PA 1942/114; PA 1942/453; PA 1944/137;
Staatsarchiv Würzburg, Gestapo Würzburg, Nr. 22775, Andre Rostecki;
Staatsarchiv Nürnberg, Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth 2004-01, 469-480 des Ermittlungsverfahrens 11 Js.
Autorin / Autor PD Dr. Karen Nolte
Paten Abteilung für Forensische Psychiatrie, Uni Würzburg, Herr Prof. Dr. med. Martin Krupinski
   
zurück