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Dr. Joseph Goldschmidt

   
geboren am 29.11.1865 in Westheim bei Hammelburg
Straße  Theresienstraße 6
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum23.09.1942
Todesdatum19.12.1942
TodesortTheresienstadt
   
am 23.9.1942 von Würzburg nach Theresienstadt deportiert und dort am 19.12.1942 ermordet.
   
Joseph Goldschmidt wurde am 29.11.1865 in Westheim bei Hammelburg als drittes Kind des Spezereienhändlers Simon Goldschmidt aus Geroda und dessen Ehefrau Karolina, geb. Goldschmidt, geboren. Er hatte fünf Geschwister: Rosa (Jg. 1864), Fanni (Jg. 1867), Moritz (1869-1943), Emmanuel (Jg. 1870) und Ernestine (Jg. 1874). Das erste Kind der Goldschmidts war tot zur Welt gekommen.
Nach seinem Abitur begann Joseph Goldschmidt das Studium der Medizin an der Universität Würzburg, das er 1889/90 mit seiner Promotion abschloss. Er heiratete Ricka Frank (1868-1943) aus Heidingsfeld und zog mit ihr nach Mönchsroth/Mittelfranken. Im Februar 1891 ließ er sich dort als Arzt nieder, später mit dem Titel eines Sanitätsrats, und erwarb sich rasch großes Ansehen. Er wurde aktives oder passives Mitglied in vielen Vereinen, z. B. dem Veteranenverein oder dem Gesangsverein und war später auch in dessen Vereinsausschuss.
Als 1892 ein Kriegerdenkmal in Erinnerung an 1870/71 eingeweiht wurde, war es Dr. Joseph Goldschmidt, der die „Rede auf Kaiser und Vaterland“ hielt. Noch 1927 wurde er Mitglied im Diakonieverein des Ortes, obwohl sich zu dieser Zeit schon eine judenfeindliche Stimmung verbreitete, befeuert von dem damaligen Ortspfarrer. Mönchsroth war ein Beispiel dafür, wie sich durch den aufkommenden Nationalsozialismus die Stimmung gegenüber den am Ort ansässigen und bislang in die Gesellschaft integrierten jüdischen Bürgern änderte. Dies bekam wohl auch die Familie Goldschmidt zu spüren. Die Tochter Elsa (1900-1944/45?), die in der Praxis des Vaters als Arzthelferin arbeitete, war in Mönchsroth bei den Eltern geblieben. Ihre ältere Schwester Frieda/Friedel (1898-1944) war zu der Zeit in Bad Nauheim als Krankenschwester tätig, der Bruder Max (1906-1941/42) lebte in Memmingen bzw. Neu-Ulm.
Als zu Beginn der 30er Jahre die Stimmung immer feindseliger wurde, entschied der nun 68-jährige Dr. Goldschmidt, seine Praxis aufzugeben und mit seiner Familie nach Würzburg zu ziehen, wo ein großer Teil der Verwandtschaft seiner Frau lebte. Das Ehepaar zog zusammen mit der Tochter Elsa am 19.8.1933 in die Theresienstraße 6. Tochter Frieda arbeitete und wohnte ab Oktober 1933 im Israelitschen Kranken- und Pfründnerhaus in der Dürerstraße 20.
Ende August 1939 mussten Joseph Goldschmidt und seine Frau in die Hindenburgstr. 14 und am 14.3.1941 in die Hindenburgstr. 36 ziehen, in sog. Judenhäuser, in denen die Menschen auf Druck der Nazis konzentriert wurden. Am 26.8.1941 schließlich wurde das Ehepaar in das überfüllte Israelitische Altersheim in der Dürerstr. 20 eingewiesen.
Zusammen mit seiner Frau Ricka und seiner Tochter Frieda wurde Dr. Joseph Goldschmidt am 23.9.1942 nach Theresienstadt deportiert. Bereits drei Monate später fiel er wie Hunderte weitere Unterfranken den unsäglichen Lebensbedingungen dort zum Opfer. Hunger, Krankheiten und Erniedrigung forderten das Leben v. a. der älteren Menschen.
Joseph Goldschmidt starb am 19.12.1942. Ein Mann, der stolz auf sein Vaterland gewesen war, wurde durch das unmenschliche und verbrecherische System, das dieses Vaterland nun beherrschte, vernichtet. Mit ihm wurden seine Frau, seine drei Kinder und sein Bruder Moritz (1869-1943) mit Ehefrau Rika (1878-1942) ermordet.
Josephs Frau Ricka starb im November 1943 ebenfalls in Theresienstadt, seine Tochter Frieda vermutlich im Oktober 1944 in Auschwitz. Tochter Elsa und der Sohn Max waren im November 1941 nach Riga-Jungfernhof deportiert worden, wo Max ums Leben kam. Elsa starb 1944/45 im KZ Stutthof oder auf einem der Todesmärsche.
   
Quelle Stadtarchiv Würzburg, Adressbücher 1934-1942; Grundlisten 1934-1942, Auskunft A. Ullrich vom 21.02.2017;
Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 1, S. 197f.;
Staatsarchiv Würzburg, Jüdische Standesregister 151 Westheim/Hammelburg;
Universitätsarchiv Würzburg, Studienzeiten, Matrikel und Doktorarbeit Dr. J. Goldschmidt, Auskunft per E-Mail von M. Ruda vom 16.02.2017;
Verwaltungsgemeinschaft Wilburgstetten, Standesamt, Geburtenregister Mönchsroth, Auskunft H. Frank vom 16.03.2017;
Evang.-Luth. Pfarrarchiv Mönchsroth, Informationen zur Familie Goldschmidt, Auskunft Pfr. G. Reese vom 22.02.2017;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de876344 (17.01.2017); dort auch die Angaben zu weiteren Angehörigen;
Deportation der jüdischen Bevölkerung aus dem Deutschen Reich. Würzburg - Theresienstadt, Abfahrtsdatum: 23.09.1942 (Transportliste), http://www.statistik-des-holocaust.de/II26-8.jpg (17.01.17);
Alemannia Judaica Mönchsroth, http://alemannia-judaica.de/moenchsroth_synagoge.htm (17.01.2017);
Tracing the Past – 1939 German Minority Census, https://www.tracingthepast.org/index.php/en/minority-census/census-database (17.01.2017);
List of Nuremberg’s Victims of Shoah, http://www.jewishgen.org/yizkor/nuremberg (10.03.2017).
Autorin / Autor Elke Wagner
Paten Herr Hans-Gerd Böhmer, Frau Barbara Böhmer-Jung
   
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