Jette Kurzmann

   
geboren am 31.05.1883 in Obereuerheim
Straße  Dürerstr. 20 
Stadtteil Frauenland
Deportationsdatum24.03.1942
Todesdatum00.00.1942
TodesortRaum Lublin
   
am 24. März 1942 nach Izbica deportiert und vermutlich wenig später im Raum Lublin ermordet
   
Jette Kurzmann, auch mit den Namensformen Henriette oder Henrietta bezeichnet, kam am 31.03.1883 als drittes von fünf Geschwistern in Obereuerheim zur Welt. Ihr Vater war der Religionslehrer Samuel Kurzmann (1845-1909), dessen Vater Abraham (ca. 1793-1862) Toraschreiber gewesen war. Samuel hatte Betty Mayer (1845-1922) aus Wohnbach, etwa 25 Kilometer südöstlich von Gießen, geheiratet. Die Familie lebte in Obereuerheim in Haus Nr. 10, der heutigen Hirtengasse 8. Darin befanden sich auch die Synagoge und die jüdische Schule. Für einen Religionslehrer war es im 19. Jahrhundert normal, dass er häufiger die Stelle und den Ort wechselte. Die Familie wohnte vor Jettes Geburt in Wohnbach und Rödelmaier, danach in Obereuerheim, Heidingsfeld, Kitzingen und Würzburg. Die verbreitete Armut nötigte Lehrer, sich durch ein Nebengewerbe weitere Einkünfte zu verschaffen. Jettes Vater war in den Jahren 1904 und 1905 zum Beispiel als Seifenverkäufer tätig.
Jette erlernte nach der Schulzeit den Beruf der Krankenschwester. Bis 1922 lebte sie in Würzburg in der Neubaustraße 26 bei ihrer Mutter, die seit 1909 verwitwet war. Nach deren Tod verließ sie Würzburg wohl für einige Zeit und arbeitete an anderen Orten. Ab August 1937 war sie als Krankenschwester im Israelitischen Kranken- und Pfründnerhaus in der Dürerstraße 20 tätig, wo sie vermutlich auch lebte. Ihre Schwester Nanni (1879-1942) zog zeitgleich mit ihr nach Würzburg, wo auch bereits ihre gemeinsame Cousine Nanni Kurzmann (1879-1942) aus Maroldsweisach wohnte.
Bis auf einen Bruder überlebten auch die Geschwister Jettes die Shoa nicht. Ihr ältester Bruder, Prof. Dr. Arnold (Abraham) Kurzmann (1876-1936) kam bei einem Autounfall vor seiner Fürther Wohnung ums Leben. Bereits seit 1931 war er wiederholt Ziel antisemitischer Gewaltandrohungen geworden und in ganz Franken relativ bekannt, da er einen großen Schauprozess gegen die Zeitung „Der Stürmer“ geführt hatte. Jettes ältere Schwester Nanni (1879-1942) wurde zusammen mit ihr deportiert und ermordet. Ihr jüngerer Bruder Raphael Hejum (1886-1939) war ab 1939 zur Zwangsarbeit bei der Reichsbahn verpflichtet. Als er angeblich die Arbeit verweigerte, wurde er verhaftet, leistete Widerstand und wurde im Oktober 1939 in das KZ Sachsenhausen eingeliefert. Seine älteren Schwestern Jette und Nanni versuchten vergeblich, ihn unter Hinweis auf seinen schlechten Gesundheitszustand aus dem Lager in eine Heil- und Pflegeanstalt verlegen zu lassen. Drei Wochen später starb Raphael in der Haft. Einzig dem jüngsten Bruder Gustav (1888-1978, später Gustave Kurzman) gelang die Emigration aus Frankfurt am Main in die USA. Er starb 1978 im Alter von 89 Jahren in New York.
Als Jette Kurzmann im Januar 1942 ihre Woll- und Pelzprodukte aushändigen sollte, bat sie in einem Brief an die Gestapo darum, ihr wenigstens einen Schal zu lassen, da sie ein Lungenleiden habe; ohne Erfolg. Am 24. März 1942 wurde sie gemeinsam mit ihrer Schwester Nanni von Kitzingen aus in das Durchgangslager Izbica in Polen deportiert. Die Lebensbedingungen dort waren mörderisch, die beiden Schwestern dürften schon bald an Hunger oder Entkräftung gestorben oder in einem der Vernichtungslager der Region Lublin ermordet worden sein.
   
Quelle Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 1, S. 324;
Standesamt Obereuerheim, Geburtsreg. Nr. 2/1883, heute Gemeindeverwaltung Grettstadt; Hinweis von Elisabeth Böhrer; Staatsarchiv Würzburg, Gestapo 5466; Gestapo 18875, Deportationsliste vom 23.3.1942;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de906941 (15.03.2017);
Biographische Datenbank Jüdisches Unterfranken – www.historisches-unterfranken.uni-wuerzburg.de/juf/Datenbank/detailsinclude.php?global=;search;%2025897 (16.05.2017).
Autorin / Autor Barbara Gärtner/ Riccardo Altieri
Paten GLENPRO, Ingenieurgemeinschaft GLENPRO
   
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