Nanni Kurzmann

   
geboren am 19.10.1879 in Rödelmaier/Ufr.
Straße  Dürerstr. 20
Stadtteil Sanderau
Deportationsdatum24.03.1942
Todesdatum00.00.1942
TodesortRaum Lublin
   
am 24. März 1942 in das Durchgangslager Izbica deportiert und vermutlich wenig später im Raum Lublin ermordet
   
Nanni Kurzmann kam als zweites von fünf Kindern des Ehepaars Samuel (1845-1909) und Betty Kurzmann, geb. Mayer (1845-1922) am 19. Oktober 1879 im Gebäude der jüdischen Schule von Rödelmaier zur Welt. Als jüdischer Religionslehrer wechselte ihr Vater häufig den Anstellungsort, so dass Nanni und ihre Geschwister ihre Kindheit in mehreren Dörfern und Städten Unterfrankens verbrachten. Erst Ende der 1880er Jahre, als alle fünf Kinder auf der Welt waren, ließ sich die Familie dauerhaft in Würzburg nieder.
Ob Nanni nach der Schulzeit eine Ausbildung machte, ist nicht bekannt. Jedenfalls war sie als Kindermädchen und „Hausdame“ tätig und lernte auf diese Weise viele deutsche Städte kennen. So war sie zwischen 1907 und 1926 unter anderem in Karlsruhe, Wetzlar, Alsfeld, Kitzingen, Kassel und Nürnberg angestellt. Zwischendurch lebte sie aber auch immer wieder im elterlichen Haus in der Rosengasse 4 in Würzburg.
Als sie im August 1937 – vermutlich unfreiwillig – gemeinsam mit ihrer Schwester, der Krankenschwester Jette Kurzmann (1883-1942), in das Kranken- und Pfründnerhaus in der Dürerstraße 20 einzog, fand sie dort ihre gleichnamige Cousine Nanni Kurzmann (1879-1942, geb. in Maroldsweisach) vor. Während Jette sich in ihrem erlernten Beruf betätigte, übernahm Nanni haushälterische Aufgaben. Das Leben auf immer engerem Raum war nicht einfach.
Einige Schicksalsschläge trafen die Familie in dieser Zeit: Der älteste Bruder, Prof. Dr. Arnold (Abraham) Kurzmann (1876-1936) kam bei einem Autounfall vor seiner Fürther Wohnung ums Leben. Bereits seit 1931 war er wiederholt Ziel antisemitischer Gewaltandrohungen geworden und in ganz Franken relativ bekannt, da er einen großen Schauprozess gegen die Zeitung „Der Stürmer“ geführt hatte. Ihr jüngere Bruder Raphael Hejum (1886-1939), der angeblich die Zwangsarbeit verweigert hatte, wurde im Oktober 1939 nach mehrwöchiger Haft in das Konzentrationslager Sachsenhausen eingewiesen. Erfolglos versuchten die Schwestern, ihren Bruder aus dem Lager zu befreien, indem sie eine Verlegung in eine Heil- und Pflegeanstalt beantragten. Doch nach drei Wochen Lagerhaft verstarb der Langzeitinvalide. Einzig ihr jüngster Bruder überlebte die Shoa. Gustav (1888-1978, später Gustave Kurzman), der zuvor nach Frankfurt am Main umgezogen war, konnte erfolgreich in die USA emigrieren und wurde, zuletzt wohnhaft in New York, 89 Jahre alt.
Auch Nanni versuchte zu emigrieren. Am 9. Februar 1940 erhielt sie Antwort vom amerikanischen Konsulat in Stuttgart, wo sie ihre Ausreise beantragt hatte. Aufgrund einer viel zu hohen Wartenummer (53.568) durfte sie sich keine realistischen Hoffnungen auf Ausreise machen. Im Januar 1942 wurden die beiden Schwestern durch das NS-Regime ein weiteres Mal gedemütigt. Sie mussten infolge eines neu erlassenen Gesetzes all ihre Woll- und Pelzprodukte abgeben. Nanni Kurzmann besaß ein Paar Ohrenschützer, eine Wollweste und ein Fell. Einige Wochen später versuchte sie, sich für transportunfähig erklären zu lassen. Denn sie hatte die Aufforderung erhalten, sich zur „Evakuierung“ einzufinden. Der zuständige Amtsarzt diagnostizierte zwar Diabetes und einen Herzfehler, für ein Attest sei sie jedoch nicht krank genug.
Mit 206 weiteren Unterfranken mussten sich Nanni und Jette Kurzmann am 21. März 1942 in Kitzingen im „Fränkischen Hof“ einfinden. Drei Tage lang wurden sie dort interniert und kontrolliert. Am 24. März 1942 startete ihr Transport über Nürnberg in das Durchgangslager Izbica in Ostpolen. Unsäglich waren dort die Lebensbedingungen, es gab fast nichts zu essen und jeder kämpfte gegen jeden. Wenn die Schwestern nicht an Unterernährung gestorben sind, wurden sie spätestens im Lauf der folgenden Wochen oder Monate in einem der Vernichtungslager der Region Lublin ermordet.
   
Quelle Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 1, S. 323;
Geb.Reg. Nr. 21/1879 Rödelmaier, heute: Standesamt Stadt Bad Neustadt a.d. Saale;
Staatsarchiv Würzburg, Gestapo 5469; Gestapo 18875, Deportationsliste vom 23.03.1942;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de906933 (15.03.2017);
Biographische Datenbank Jüdisches Unterfranken - http://www.historisches-unterfranken.uni-wuerzburg.de/juf/Datenbank/detailsinclude.php?global=;search;25900 (16.05.2017); Informationen zur jüdischen Schule von Rödelmaier stammen von Elisabeth Böhrer.
Autorin / Autor Barbara Gärtner/ Riccardo Altieri
Paten Die , Prof. Dr. Claudia Neuenzeit
   
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