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Gustav Kleemann

 
geboren am 26.09.1881 in Werneck
Straße  St.-Benedikt-Straße 4
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum27.11.1941
Todesdatum26.03.1942
TodesortWald von Bikernieki bei Riga
   
am 27.11.1941 nach Riga-Jungfernhof deportiert und am 26.03.1942 bei Riga ermordet
   
Gustav Kleemann wuchs in Werneck auf und war das zweite von sechs Kindern des Vieh- und Pferdehändlers Salomon Kleemann (1852-1931) und seiner Frau Sara, geb. Klau (1855-1934), die aus Theilheim stammte. Wie seine Geschwister Hedwig (1880-1886), Cäcilie (Jg. 1883), Hermine (1886-1942), Max (1887-1942) und Johanna (Jg. 1894) war er in Werneck geboren worden. Die Eltern übersiedelten mit der Familie 1905 nach Würzburg, wo der Vater eine Pferde- und Futtermittelhandlung in der Alleestraße 4 (heute St.-Benedikt-Straße) betrieb. Diese Adresse blieb dann auch später für viele Jahre der Wohnsitz der Brüder Gustav und Max.
Gustav besuchte zunächst die Volksschule in Werneck, dann die Realschule in Würzburg und erlernte anschließend bei einer Getreidegroßhandelsfirma in München den kaufmännischen Beruf. 1901/02 diente er als Freiwilliger im Königlich Bayerischen Infanterie-Leibregiment in München. Nach der Militärzeit zurück in Würzburg, trat er in die Firma seines Vaters ein, deren Teilhaber er 1911 wurde. Zusammen mit seinem Bruder Max führte er das Unternehmen S. Kleemann & Söhne bis zur erzwungenen Liquidation 1938.
Im Dezember 1912 heiratete Gustav Kleemann die in Würzburg lebende Erna Rosenthal (1892-1942), Tochter des Kaufmanns Max Rosenthal (1863-1926) und seiner Frau Frieda, geb. Scheidt (1867-1928). Seine Frau war im Handelsbetrieb ihrer Eltern als Prokuristin tätig. Die Ehe von Erna und Gustav blieb kinderlos.
Bei Kriegsausbruch 1914 kam Gustav Kleemann für kurze Zeit ins Feld, bevor er als Abteilungsvorstand beim Proviantamt für Getreide tätig wurde. Für seinen Einsatz bekam er verschiedene Kriegsauszeichnungen. 1915 hatte er mit den Vulkanowerken eine Kraftfutterfabrik gegründet, die an das Heer lieferte, und stand an deren Spitze, erst als Direktor und dann im Aufsichtsrat der AG. Auch war er Mitbegründer und Aufsichtsratsvorsitzender der Baustein-Werk GmbH und des Weiteren an zwei großen landwirtschaftlichen Gütern beteiligt. Zwischen 1923 und 1933 war er in leitender Funktion in zahlreichen berufsständischen Gremien der Viehhändler tätig.
Gustav Kleemann war Mitglied der Demokratischen Partei und im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold sowie ab 1914 in der Frankenloge, deren Schatzmeister er einige Jahre war. Auch verschiedenen jüdischen Organisationen gehörte er an: Der Gesellschaft Casino, dem jüdischen Turn- und Sportverein sowie dem jüdischen Kulturbund. Er galt als ein stattlicher Mann, wohlhabend, elegant gekleidet und sprach neben Englisch und Französisch auch Flämisch und Holländisch.
Mit der Machtergreifung der Nazis verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage für die Kleemanns und ihre Firma und sie selbst wurden auf verschiedene Weise drangsaliert. So wurde Gustav Kleemann 1934 von Vertretern der „Arbeitsfront“ angezeigt, weil er nicht tariflich bezahlen würde. Die Vorwürfe konnten mit Hilfe von Zeugen entkräftet und eine angedrohte „Schutzhaft“ abgewendet werden.
Im Zuge des Novemberpogroms 1938 wurde Gustav Kleemann in Buchenwald inhaftiert, von wo er am 6.12.1938 entlassen wurde. Er musste unterschreiben, dass er „in kürzester Frist auswandern“, vorher Haus- und Grundbesitz verkaufen und das Geschäft „in deutsche Hände“ überführen werde. Trotz der Zusage, dass ihm, seiner Frau sowie seinem Bruder und dessen Tochter eine Existenz in den Niederlanden verschafft werden würde, scheiterte die Beantragung der Pässe wegen strafrechtlicher Ermittlungen. Er sollte im Zusammenhang mit einem Pachtvertrag einen Geschäftspartner geschädigt und Untreue begangen haben. Der Streit zog sich hin. Das Landgericht sowie das OLG Bamberg lehnten die Eröffnung des Hauptverfahrens gegen Gustav Kleemann ab. In den Gestapoakten wird im Mai 1939 notiert: Auch ohne strafrechtliche Verurteilung sei klar, dass Kleemann schuld sei am Unglück seines Gegners im Rechtsstreit. Weil immer noch das Zivilverfahren in der gleichen Sache anhängig war und nur ruhte, erreichte Kleemanns Anwalt keine Aufhebung der Passsperre. So sah sich Gustav Kleemann gezwungen, die Angelegenheit im März 1940 durch einen Vergleich abzuschließen.
Die Anträge von Gustav Kleemann und seinem Bruder auf die Ausstellung einer Gewerbelegitimationskarte wurden ab 1936 abgelehnt. Die Regierung von Unterfranken hielt dies Ende 1937 zwar für nicht gerechtfertigt, weil sich die Brüder eines unbedenklichen Rufs erfreuen würden – doch das half nichts. Auch die Herausgabe der eingezogenen Führerscheine an beide wurde verweigert: „Die beiden Juden sind sowohl bei der Bevölkerung des Stadtbezirks Würzburgs als auch bei der des Kreises Mainfranken als Volksschädlinge bekannt. Sie haben daher, sobald sie sich mit einem Kfz auf öffentlichen Straßen sehen lassen, mit Unannehmlichkeiten zu rechnen. Hierbei kann es aber auch sehr leicht zu einer Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung kommen.“
Ende Oktober 1940 zogen Gustav und Max Kleemann mit ihren Familien – vermutlich unfreiwillig – aus ihrem Haus aus. Gustav und Erna wohnten zunächst in der Domerschulstraße 19, später zusammen mit Max Kleemann und seiner Tochter in einem gemeinsamen Haushalt in der Johannitergasse 5. Hausdurchsuchungen führten zur Beschlagnahme von Wertsachen und Gegenständen, die als Hamsterware deklariert wurden.
Der polyglotte Gustav Kleemann arbeitete nach dem Verlust seiner Firma als Auswanderer- und Kapitalberater zunächst ehrenamtlich für die Israelitische Kultusgemeinde Würzburg. 1940 eröffnet er ein Büro.
Ab Oktober 1940 bemühte sich Gustav Kleemann um ein Auswanderungsprojekt nach Südamerika für eine Gruppe von zunächst hundert Personen, bestehend aus Geldgebern und landwirtschaftlichen Arbeitskräften. Es sollten geeignete Objekte in süd- oder mittelamerikanischen Ländern erworben werden. Dafür erhielt Gustav Kleemann auf Empfehlung der Berliner Devisenstelle, die auch das Interesse des Reichswirtschaftsministeriums und des Oberkommandos der Wehrmacht an der Angelegenheit betonte, gegen den hinhaltenden Widerstand der Würzburger Behörden mehrfach die Reiseerlaubnis, um Verhandlungen zu führen. Am Ende war Gustav Kleemann zwar im Besitz eines notariell beurkundeten Kaufvertrags über ein Anwesen in Ecuador, die Finanzierung der notwendigen Passagen scheiterte aber an immer neuen Behinderungen durch die Würzburger Stellen. Während den meisten Würzburgern auf der Liste bald darauf die Auswanderung auf anderem Weg gelang, blieb sie den beiden Brüdern und ihrer Schwester Hermine versagt. Ende Oktober 1941 heißt es in den Akten: Eine Auswanderung von Juden komme nicht mehr in Betracht. br> Am 27. November 1941 wurden Gustav und seine Ehefrau Erna zusammen mit dem Bruder Max Kleemann und dessen Tochter Lore in das Lager Riga-Jungfernhof deportiert. Gustav Kleemann wurde von der SS vor der Abfahrt des Zuges zum Verantwortlichen für die Aufrechterhaltung der Ordnung und nach Ankunft in Riga-Jungfernhof zum Lagerältesten ernannt – nicht sein Bruder, wie es in einigen Berichten irrtümlich heißt. Am 26. März 1942 sollten Gustav und seine Angehörigen, darunter sein Bruder Max, wie der größte Teil der Lagerhäftlinge angeblich in ein Lager mit besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen verlegt werden. In Wirklichkeit wurden er und Hunderte Mithäftlinge in dem nahe gelegenen Wald von Bikernieki erschossen und in Massengräbern verscharrt.
Gustavs Schwestern Cäcilie Schloss und Johanna Bensinger überlebten in den USA bzw. in Palästina/Israel. Die Schwester Hermine Maier, verw. Engländer kam im Ghetto Piaski ums Leben.
   
Quelle Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 1, S. 307;
Staatsarchiv Würzburg, Gestapo 3933, 3931;
Stadtarchiv Würzburg, Adressbücher 1905-1941;
Biografische Datenbank Jüdisches Unterfranken, Informationen zu Gustav Kleemann und seinen Angehörigen, http://www.historisches-unterfranken.uni-wuerzburg.de/juf/;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/899449 (02.06.2016); hier auch die Angaben zu den Angehörigen;
Fuchs, Manfred: Chronik der jüdischen Gemeinde von Werneck, S. 38, http://www.historisches-unterfranken.uni-wuerzburg.de/juf/quellen/1004/038.jpg (02.06.2016);
Yad Vashem – The Central Database of Shoa Victims’ Names, Gedenkblatt, http://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=de&itemId=792352&ind=1 (02.04.2017);
Deportation der jüdischen Bevölkerung aus der Bezirksstelle Bayern. Nürnberg - Würzburg nach Riga, http://www.statistik-des-holocaust.de/OT411129-Wuerzburg10.jpg (10.06.2016);
Andrej Angrick/ Peter Klein, Die Endlösung in Riga. Ausbeutung und Vernichtung 1941-1944, S. 216, 218, 342f.;

Foto: Staatsarchiv Würzburg Gestapo 3933
Autorin / Autor Ingrid Sontag
Paten Frau Annedore Stassek-Bonnett
   
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