Hermann Loewy

   
geboren am 10.11.1918 in Rawitsch (Rawicz) in Posen
Straße  Bibrastr. 6
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum24.06.1941
Todesdatum24.07.1941
TodesortKZ Mauthausen
   
am 11.06.1941 in Amsterdam verhaftet, am 24.06.1941 ins KZ Mauthausen deportiert und dort am 24.07.1941 ermordet
   
Hermann Gotthilf Josua Loewy wurde am 10. November 1918 wohl als deutscher Staatsbürger in der kleinen Kreisstadt Rawitsch (Rawicz) in der ehemaligen preußischen Provinz Posen geboren, die nach dem Ersten Weltkrieg an Polen fiel.
Er war das zweite Kind des Bankiers Georg Jehuda Hermann Loewy (1878-1923) und dessen Ehefrau Jenny Loewy, geb. Wreschner (1893-1944). In seiner traditionell-religiösen, bürgerlichen Familie gab es namhafte Gelehrte. Sein Großvater mütterlicherseits Dr. Yaakov Yehuda Leopold Wreschner (1865-1935) wirkte zwischen 1922 und 1934 als Rabbiner in Bad Homburg bei Frankfurt. Ein Onkel väterlicherseits, Alfred Loewy (1873-1935), war ein renommierter Mathematik-Professor an der Universität Freiburg.
Bevor Rawitsch nach bürgerkriegsartigen Kämpfen 1920 endgültig polnisch wurde, entschieden sich Hermanns Eltern für Deutschland als ihre Heimat. Sie siedelten 1919 mit ihren zwei Kindern Hermann und dessen älterer Schwester Lina (1917-1981) ins sechzig Kilometer weiter südlich gelegene Breslau, in die Geburtsstadt des Vaters, der dort Immobilien besaß. Dort wurde der jüngere Bruder Adolf (1920-1943) geboren. Als Hermann gerade fünf Jahre alt war, starb jedoch der Vater. So wuchs Hermann mit seinen beiden Geschwistern alleine bei der Mutter auf.
Hermanns Mutter Jenny legte Wert auf eine traditionelle jüdische Schulbildung ihrer Kinder. In Breslau besuchte Hermann zwischen 1925 und 1929 zuerst die jüdische Grundschule, anschließend fünf Jahre das jüdische Reform-Real-Gymnasium in Breslau. Von Ostern 1934 bis Ende 1936 studierte er an der Jeschiwa (Talmud-Schule) in Mir bei Minsk in Weißrussland. Gerne wäre er Techniker geworden, fand jedoch, wie er in seinem Lebenslauf schrieb, in Deutschland wegen seiner „streng religiösen Lebensfuehrung“ keine geeignete Lehrstelle. „Schweren Herzens“ entschloss er sich für den Beruf des Lehrers und trat im Januar 1937 als Student in die Israelitische Lehrerbildungsanstalt (ILBA) in Würzburg ein. Das Schulgebäude, die heutige David-Schuster-Realschule, befand sich seit Juni 1931 in der Sandbergerstraße 1. Hermann wohnte wie viele andere Seminaristen in der „Bibra“, dem Wohnheim im alten Gebäude der ILBA in der Bibrastr. 6 – bis zu den Novemberpogromen von 1938, wodurch sein Leben grundlegend verändert wurde.
Es war der Tag seines 20. Geburtstags, Hermann befand sich im vorletzten Studienjahr, als die organisierten Gewaltausbrüche der Nationalsozialisten am 10. November 1938 über ihn und zahlreiche seiner ILBA-Mitschüler und -Lehrer hereinbrachen. Hermann wurde inhaftiert und wenige Tage später ins KZ Dachau verschleppt. Dort blieb er vier Monate, vom 16. November 1938 bis zum 7. März 1939, als Häftling (Nr. 27327) interniert. Gleich nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager kehrte er zu seiner in Frankfurt lebenden Mutter zurück, die sich mit ihrer Mutter Rebekka seit 1936 am Rande der Frankfurter Innenstadt in der Schwanenstraße 13 eine Drei-Zimmer-Wohnung teilte. Der Tod des Großvaters Leopold 1935 erklärt vermutlich den Umzug der Familie nach Frankfurt.
Angesichts der immer bedrohlicheren Lage für Juden in Deutschland riet Hermanns Mutter ihrem Sohn wohl zur Emigration in die Niederlande, wo bereits Verwandte im Exil lebten, so unter anderem in Amsterdam Hermanns Großonkel Eliezer Lipman Wreschner (1868-1937) und dessen Sohn Arnold (1902-1945). Beide hatten bereits 1934 Frankfurt verlassen. Zunächst jedoch zog Hermann Anfang Juni 1939 zu seinem jüngeren Bruder Adolf nach Enschede (Twekkelo, Strootsweg 460). Dort trat er in eine „Hachschara“ ein, eine Ausbildungsstätte für Palästina-Pioniere, erhielt eine Arbeitsgenehmigung und verdiente sein Geld mit Aushilfsarbeiten bei verschiedenen Bauern. Seine Suche nach einer (Ausbildungs-)Stelle, die seinen Fähigkeiten entsprach, wurde erschwert, weil seine Schulzeugnisse bei den Verwüstungen des Würzburger Seminars im Novemberpogrom im Sekretariat verloren gegangen waren. Im Januar 1940 ließ sich Hermann in Twekkelo beurlauben und zog nach Amsterdam, wo er von Oktober bis zu seiner Deportation im Juni 1941 bei seinen Verwandten in der Hacquartstr. 20 wohnte.
Nach der deutschen Okkupation im Mai 1940 hatte sich die Situation auch für die jüdischen Emigranten in den Niederlanden immer mehr zugespitzt. In der niederländischen Bevölkerung kam es zwar zu Widerstandshandlungen gegen die Verfolgung der Juden. Als Vergeltung deportierten die Nationalsozialisten jedoch 1941 viele holländische Juden und in Holland lebende jüdische Emigranten ins KZ Mauthausen, wo die meisten von ihnen nach kurzer Zeit ermordet wurden. Die Nachrichten über diese „Todesfälle“ nutzten die NS-Stelle zur Abschreckung.
Hermann gehörte zu einer Gruppe von etwa 300 überwiegend deutschen Juden, die am 11. Juni 1941 als Vergeltung für ein zuvor erfolgtes Attentat von den deutschen Besatzern in einer „konzertierten Aktion“ verhaftet wurden. Zwei Wochen später, am 24. Juni 1941, wurde er zum zweiten Mal als „Jude“ in ein Konzentrationslager eingewiesen. In Mauthausen erhielt er die Häftlingsnummer 1054. Auf den Tag genau einen Monat später, am 24. Juli 1941, die genauen Umstände sind nicht bekannt, starb der damals 22-jährige Hermann Loewy, wie aus dem Sterberegister des KZ Mauthausen hervorgeht, um 10:00 Uhr in einem Block des Schutzhaftlagers – vermutlich einem Krankenblock. Die Todesursache im Sterberegister lautet vielsagend „Innere Verblutung infolge Schussverletzung“. Der exakte Todeszeitpunkt ist nicht verbürgt. Die in den Quellen angegebenen Todeszeiten und Todesursachen stimmen oftmals nicht mit den tatsächlichen überein. Es ist jedoch davon auszugehen, dass Hermann Opfer einer gezielten Ermordungsaktion der SS wurde. Mauthausen war als „Vernichtungslager für Juden“ berüchtigt. Aus dem Sterberegister geht hervor, dass in den Tagen vor Hermanns Tod bereits auffällig viele holländische Juden „auf der Flucht erschossen“ worden waren. Allein für den Zeitraum zwischen dem 18. und 22. Juli sind sechs jüdische Häftlinge, vier davon aus Amsterdam, vermerkt. Möglicherweise wurde Hermann bei einer solchen Aktion angeschossen und verstarb in der Folge an den inneren Verletzungen.
Dass es zu solchen Erschießungsaktionen durch die SS kam, belegen Berichte von anderen dort internierten Häftlingen. Moniek Baumzecer, der – später als Loewy – zwischen November 1942 und Juli 1943 als polnischer Jude in Mauthausen gewesen ist, schreibt in seinen Erinnerungen über die Situation der Juden im Lager, der Tod sei eine permanente Bedrohung für sie gewesen. Insbesondere Juden aus Holland, so Baumzecer, seien schnell verschwunden. Er berichtet zum Beispiel von einer gezielten Tötungsaktion der SS gegen selektierte Juden als Reaktion auf die Niederlage bei Stalingrad. Ein deutscher Aufseher, der über seine lange Anwesenheit im Lager erstaunt war, habe ihm einmal gesagt, es sei „bestimmt das erste Mal, dass ein Jude hier länger als zwei Monate bleibt.“ Hermann Loewy überlebte nur einen Monat.
Im niederländischen Joodsche Weekblad erschien am 15. August 1941 eine Todesanzeige, die vermutlich Hermanns jüngerer Bruder Adolf aufgegeben hatte, in der er und weitere Angehörige ohne Angabe näherer Todesumstände um Hermann trauerten.
Mit Ausnahme der Schwester und einiger entfernter Verwandter, die sich noch rechtzeitig ins Exil hatten retten können, überlebte aus Hermanns Familie niemand die Shoa. Hermanns Mutter Jenny wurde Ende Oktober oder Anfang November 1941 aus Frankfurt ins Ghetto Lodz deportiert, wo sie laut Angaben der Seite geni.com 1944 verstarb. Nachforschungen des Abwicklungsbüros Jüdischer Angelegenheiten des Niederländischen Roten Kreuzes ergaben Anfang der 1950er Jahre, dass Hermanns jüngerer Bruder Adolf am 6. Oktober 1942 ins Durchgangslager Westerbork eingeliefert und von dort am 16. Februar 1943 nach Auschwitz-Birkenau deportiert worden war. Als junger „arbeitsfähiger“ Mann leistete er noch kurze Zeit Zwangsarbeit, starb oder wurde ermordet und unter dem Datum 30. April 1943 für tot erklärt.
Hermanns Schwester Lina glückte 1939 die Flucht aus Berlin. Im Exil lernte sie ihren Ehemann, den Gelehrten Dr. phil Siegfried (Shmarya) Wollheim (1905-1989) kennen. Anfang der 1960er Jahre bemühte sie sich beim Amtsgericht Frankfurt um eine Sterbeurkunde für ihre beiden verstorbenen Brüder zur Erwirkung eines Erbscheins. Das Gericht sah sich jedoch nicht „in der Lage“, die „Ausstellung einer Sterbeurkunde zu veranlassen“, da kein Todesnachweis vorliege.
   
Quelle Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 2, S. 436;
Hans Steidle, Jakob Stoll und die Israelitische Lehrerbildungsanstalt – eine Spurensuche, Würzburg 2002, S. 80-88;
Moniek Baumzecer, Ich versprach der Mutter heimzukehren. Mein Leben zwischen Radom und Paris, Berlin 2013, S. 31-40;
In Memoriam – Nederlandse oorlogsslachtoffers, hrsg. v. d. Nederlandse Oorlogsgravenstichting, Den Haag 1961-1973.
ITS Digital Archives, Bad Arolsen, Korrespondenzakte Hermann Loewy TD 227 351;
Staatsarchiv Würzburg, Gestapoakte 12315;
National Archives and Records Administration (NARA), Zugangsbuch Dachau Nr. 105/27316;
Archiv der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, AMM/Y64a, Totenbuch des KZ Mauthausen.
Lebenslauf von Hermann Loewy vom 6. November 1939, in: Stadtarchiv Amsterdam, A23679000420, https://www.joodsmonument.nl/en/page/569139/hermann-loewy-geboren-in-rawitsch;
Todesanzeige für Hermann Joshua Gotthilf Loewy vom 15. August 1941, https://www.joodsmonument.nl/en/page/202567/hermann-joshua-gotthilf-loewy;
Eintrag und Foto für Adolf Ludwig Loewy, https://www.joodsmonument.nl/en/page/226646/adolf-ludwig-loewy;
Auskunft von Michael Lenarz, Archiv des Jüdischen Museums Frankfurt, vom 12.01.2016, mit Biographien für Jenny, Hermann und Arnold Loewy aus der Datenbank des Museums.
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de920750; dort auch Einträge zu den ermordeten Verwandten.
Presser, Jacob, The Destruction oft he Dutch Jews, translated by Arnold Pomerans, New York 1969, S. 70;

Auf der Plattform geni.com sind Fotos zu finden von Hermanns Schwester Lina Wollheim, seinem Vater Georg Loewy, seinem Onkel Alfred Loewy, seiner Großmutter Rebekka Wreschner und ein Familienfoto u.a. mit dem Großonkel Eliezer Lipman Wreschner und der Großmutter Rebekka.
Autorin / Autor Dominik Michel
Paten Stadtjugendring, Geschäftsführerin Frau Cyana Pompeo-Schuster
   
zurück