Ludwig Loeb

   
geboren am 30.05.1887 in Würzburg
Straße  Ludwigstr. 23
Stadtteil Altstadt
Todesdatum25.01.1941
TodesortDachau
   
psychisch erkrankt, zuerst 1917/18 in der Psychiatrie, in zwei Strafverfahren 1938 wegen Unzurechnungsfähigkeit frei gesprochen, seitdem inhaftiert im KZ Buchenwald, 1939 Pflegeanstalt Reichenbach und KZ Sachsenhausen, 1940 ins KZ Dachau verlegt und dort am 25.01.1941 gestorben Oder: ledig, Kaufmann 1934 staatspolizeilich verwarnt;Strafverfahren beim AG Würzburg eingestellt wg. Unzurechnungsfähigkeit; staatsabträgliche Äußerungen 1938; Freispruch beim AG Würzburg, dennoch Einlieferung in KZ Buchenwald. Danach freiwilliger Aufenthalt in Pflegeanstalt Reichenbach; anschließend erneute Schutzhaft im KZ Sachsenhausen. 25.01.1941 Tod im KZ Dachau
   
Ludwig Loeb wurde am 30.5.1887 in Würzburg geboren. Er hatte vier Schwestern, Elsa (1880-1944/45), Emmi (1882-1942/45), Hertha (1892-1943/45) und Anne (1896-1970), von denen nur Anne den Holocaust überlebte. Auch die Mutter Hedwig (1854-1942) wurde noch nach Theresienstadt verschleppt und dort im Alter von 88 Jahren ermordet. Der Vater Moses Carl Loeb (1848-1926) starb bereits vor der sog. Machtergreifung.
Er besuchte die jüdische Volksschule, danach das Neue Gymnasium bis zur „Einjährigen Prüfung“. Dann machte er einen Handelskurs auf der Realschule und eine kaufmännische Lehre bei S.M. Bär in Würzburg. Bis 1906 war er dort als Handlungsgehilfe zur Zufriedenheit seines Arbeitgebers tätig. Von 1906 bis 1912 arbeitete er als Lagerist bei Firmen in Aachen, Berlin und Nürnberg. 1914 kam er wieder zu S.M. Bär nach Würzburg zurück. Allerdings stellte sein Chef so große Wesensveränderungen bei Loeb fest, dass er froh war, als dieser zum Kriegsdienst einberufen wurde.
Nach einer kurzen Ausbildung in Bamberg kam Ludwig Loeb an die Front, wo er nach einem halben Jahr bei Verdun durch einen Granatsplitter an der linken Wange verletzt wurde. Ende 1916 erlitt er an der Front einen Nervenzusammenbruch. Er begann, im Unterstand wirre Reden zu führen, zu schreien und zu toben, sobald geschossen wurde. Daraufhin wurde er wegen allgemeiner Erschöpfung bis September 1917 in verschiedenen Lazaretten behandelt, schließlich als unbrauchbar entlassen und für ein halbes Jahr in der Heil- und Pflegeanstalt Werneck aufgenommen. Dort diagnostizierten die Ärzte eine Schreckneurose auf konstitutioneller Grundlage.
Nach seiner Entlassung aus der Psychiatrie konnte Ludwig Loeb in seinem Fach keine Stelle mehr finden, arbeitete einige Monate als Gärtner, dann als Vertreter für verschiedene Produkte, u.a. Friseurartikel. Dabei wurde er denunziert, weil er angeblich die Kunden zu Vorratskäufen überredete. Er hatte seine Friseurmäntel mit dem Argument angepriesen, dass sie im laufenden Jahr noch günstig zum alten Preis zu haben seien, während im Folgejahr die Preise vielleicht steigen würden. Es wurde ihm vorgeworfen, die Wirtschaft schlecht zu reden. In der „Mainfränkischen Zeitung“ erschien am 10.8.1934 unter der Überschrift „Miesmacher Jude“ ein wüster Artikel über den Vorfall: „In talmudistischer Manier will er aus dem Boykottgürtel, den Juda um Deutschland geschlungen hat, Kapital schlagen.“ Er wurde verwarnt.
Nach dem Tod des Vaters 1926 hatte Ludwig Loeb auch dessen Vertretung für Kellereiartikel übernommen. Über diese Zeit sagte er später (1938 in der Psychiatrie Würzburg), es sei ihm überhaupt alles sehr schwer gefallen, „die Herren, die den Krieg mitgemacht haben, können ein Lied davon singen.“ Seine Schwester Hertha Rosenthal berichtet, dass er nach dem Aufenthalt in Werneck sehr verändert und berufsunfähig gewesen sei. So habe er Stoffe, statt sie glatt abzuschneiden, sinnlos zerschnitten, sich Bohnerwachs aufs Brot geschmiert, technische Geräte (Telefon, Radio und besonders Autos) gehasst und verwünscht, und seiner Mutter den Milchmann verboten, weil der mit einem Auto angefahren kam. Da er seine Familie durch sein immer eigentümlicher werdendes Verhalten zunehmend beunruhigte, nahm er sich 1938 ein eigenes Zimmer in der Ludwigstraße. Auf die Frage: „Halten Sie sich für geisteskrank?“ antwortete er 1938: „Ich weiss es nicht; ich habe das nicht studiert; das müssen die Ärzte besser wissen“.
Im Jahr 1938 wurde er in zwei Strafverfahren verwickelt: das erste wegen Beleidigung (er hatte auf der Straße beim Vorübergehen eines Polizisten kritische Bemerkungen über die Polizei gemacht). Dieses Verfahren wurde nach 5-tägiger Schutzhaft aufgrund einer Amnestie eingestellt. Im zweiten Verfahren ging es um staatsabträgliche Äußerungen, die er bei einer Zugfahrt gemacht hatte und die als „grober Unfug“ gewertet wurden. An dem Tag soll er vollständig verstört von zuhause weggelaufen sein, um mit 7,50 RM in der Tasche eine Badereise nach Brückenau anzutreten. Dabei kam er mit Mitreisenden ins Gespräch und bemerkte: „Unsere Feinde haben uns Juden das Geschäft in Deutschland verdorben“. Er wurde von einem mitreisenden Unteroffizier denunziert, bei der Ankunft in Brückenau verhaftet und zur Untersuchung seines Geisteszustandes in die Psychiatrische Klinik Würzburg gebracht. Aufgrund des psychiatrischen Gutachtens erfolgte vor dem Amtsgericht Würzburg ein Freispruch wegen eingeschränkter Schuldfähigkeit. Er wurde jedoch nicht entlassen, sondern in sog. Schutzhaft genommen und in das Konzentrationslager Buchenwald eingewiesen.
Die vom Gesundheitsamt Würzburg beantragte Unfruchtbarmachung wegen Schizophrenie wurde vom Erbgesundheitsgericht Würzburg abgelehnt, da die Gefahr, dass sich der 52- jährige „affektlahme und antriebslose, im KL verwahrte Ludwig Loeb noch fortpflanz[e]“, als sehr gering eingeschätzt wurde: „Mehr als durch die Unfruchtbarmachung ist den Interessen des Deutschen Volkes dadurch gedient, dass er möglichst bald den deutschen Boden verlässt.“
Im Juli 1939 erreichten seine Schwestern, dass er – auf eigene Kosten - in die Pflegeanstalt der Barmherzigen Brüder nach Reichenbach verlegt wurde. Ziel war die Verbesserung seines Gesundheitszustandes in Hinblick auf die geplante Auswanderung in die USA. Nach seiner Entlassung von dort wurde er jedoch wieder in Polizei- bzw. „Schutzhaft“ genommen und im Dezember 1939 in das KZ Sachsenhausen überstellt. Die „Schutzhaft“ wurde mehrfach verlängert, alle Gesuche der Schwestern auf Freilassung abgelehnt. Eine Entlassung wäre nur im Falle einer sofortigen Auswanderung in Frage gekommen. Doch am 28. Oktober 1939 hatte die Stapo Würzburg lakonisch festgestellt, dass die Auswanderung von Loeb nach Nordamerika in absehbarer Zeit nicht erfolgen werde, da er die Wartenummer 40.332 habe, gegenwärtig aber erst die Nummer 10.000 an der Reihe sei. Am 18.5.40 hieß es dann, eine Auswanderung komme nicht in Frage, da für alle jüdischen Häftlinge in Konzentrationslagern für die Dauer des Krieges eine Entlassungssperre bestehe (gemäß Heydrich-Erlass vom 24. Oktober 1939).
Am 3. September 1940 wurde Ludwig Loeb mit einem der großen Transporte invalider Häftlinge von Sachsenhausen nach Dachau verlegt, wo er am 25. Januar 1941 starb. Ob er aktiv ermordet wurde oder ein Opfer seiner enorm geschwächten Gesundheit und der unmenschlichen Lebensbedingungen wurde, lässt sich nicht mehr feststellen. Er wurde 61 Jahre alt.
   
Quelle Universitätsarchiv Würzburg, Psychiatrische und Nervenklinik Würzburg, Akte Ludwig Loeb;
Staatsarchiv Würzburg Gestapo 6328;
JSZ, Karteikarten von Reiner Strätz zum Biographischen Handbuch, Ludwig Loeb;
Barbara Distel/ Gabriele Hammermann, Konzentrationslager Dachau 1933 bis 1945. Text- und Bilddokumente zur Ausstellung, München 2005, S. 112;
Nikolaus Wachsmann, KL. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, München 2016, S. 287;
Email-Auskunft der KZ-Gedenkstätte Dachau, 12.02.2017;
Telefonische Mitteilung Albert Knoll, Archiv Dachau, 21.03.2017.
Autorin / Autor Kristin Höhn
Paten Herr Jörg Nellen
   
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