zurück

Bella Regensteiner, geb. Freudenberger

 
geboren am 05.07.1881 in Arnstein
Straße  Dominikanerplatz 1
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum25.04.1942
Todesdatum00.00.1942
TodesortRaum Lublin
   
am 25. April 1942 nach Krasniczyn deportiert und kurze Zeit später dort oder in einem Vernichtungslager im Raum Lublin ermordet
   
Am 5. Juli 1881 kam Isabella, genannt Bella oder Sabella, Freudenberger als zweites von vier Kindern in Arnstein zur Welt. Der Vater Ferdinand Freudenberger (1848-1920) war Kaufmann und zuletzt Privatier in der unterfränkischen Kleinstadt, ehe er 1910 mit der Ehefrau Babette, geb. Friedlein (1841-1917), nach Würzburg umzog. Bella hatte eine ältere Schwester Berta (1880-1942) und zwei jüngere Geschwister, Julius (1885-1945) und Sidonie (1887-1983).
Welche Schule Bella in Arnstein besuchte, ist nicht bekannt. Sie erlernte nie einen Beruf. Nach der Hochzeit mit Ludwig Regensteiner (1875-1942) im Mai 1907 und dem wenige Tage später erfolgten Umzug nach Augsburg blieb sie den Rest ihres Lebens Hausfrau. Im Januar 1908 wurde in Augsburg die erste und einzige Tochter des Ehepaars geboren. Therese Regensteiner machte nach der Schule zunächst eine Ausbildung zur Modistin und wurde später Tänzerin der Laban-Schule. Nach einigen Auftritten unter dem Künstlernamen Tessa Reberg in verschiedenen deutschen Großstädten erkrankte sie im Alter von 27 Jahren an einer Nierentuberkulose und verstarb 1935 am Wohnort ihrer Eltern in Würzburg.
Nachdem Ludwig Regensteiner 1912 als Beamter im Postdienst im Bereich Telefon und Technik nach Würzburg versetzt worden war, war die Familie von Schwaben nach Unterfranken gezogen. 1913 wurde er schließlich zum Oberpostinspektor befördert. Die Familie bewohnte die längste Zeit eine Wohnung in der Welzstraße 4, in der sie bis mindestens 1931, wahrscheinlich 1932 lebte, ehe sie an den Dominikanerplatz 1 umzog. Dort lebten Regensteiners schließlich bis 1939. Als Ludwig 1923 mit 48 Jahren als Oberregierungsrat wegen eines Nervenleidens in den Frühruhestand versetzt wurde, musste die Familie von dessen monatlicher Pension leben. Nach der Inflationszeit betrug seine Pension monatlich 420 Reichsmark und lag damit deutlich über dem Durchschnitt der Bevölkerung.
Nach der sogenannten Machtergreifung geriet Ludwig bereits sehr früh in das Visier der neuen Machthaber. Die Familie überstand jedoch erste Diffamierungen durch Nachbarn und Denunziationen bei der Gestapo. Doch im Novemberpogrom, am 10. November 1938 wandte sich das Blatt endgültig zum Schlechten. Gegen 22 Uhr verwüsteten einige Männer die Wohnung der Regensteiners am Dominikanerplatz. Ludwig sollte – wie alle jüdischen Männer im Deutschen Reich – zu seinem angeblichen Schutz verhaftet und im Zuge dessen verhört werden. Bella, die nach dem Tod ihrer Tochter nur noch für ihren Ehemann da war, entschied sich, ihn zu begleiten und ließ sich ebenfalls verhaften. Im anschließenden Verhör gab sie zu Protokoll: „Ich erwähne noch, daß die Herren sagten, ich könne in meiner Wohnung verbleiben, mein Mann müsse dagegen mitkommen, damit ihm nichts passiert. Ich bin dann freiwillig mitgegangen.“ Anhand der Dokumentensprache der Gestapo ist zu sehen, dass die Verhaftung einer Frau in diesem Kontext nicht vorgesehen war.
Als Ludwig am 16. November in das Konzentrationslager Dachau transportiert wurde, blieb die herzkranke Bella allein im Würzburger Gefängnis zurück. Zwei Tage später ordnete Kriminalinspektor Michael Völkl an: „Sofort entlassen […], da die Polizeihaft von diesem Zeitpunkte an wegen Fortfalls der Voraussetzungen aufgehoben ist.“ Ludwig konnte nach vier Tagen am 20. November aus Dachau zurückkehren und das Ehepaar lebte noch für kurze Zeit in der verwüsteten Wohnung. Von der Gestapo wurden die Regensteiners aufgefordert zu emigrieren. Ihr Geldmangel hinderte sie jedoch daran.
Anfang 1939 musste das Ehepaar Regensteiner seine Wohnung verlassen und in das zweite Obergeschoss der Kapuzinerstraße 21 umziehen. Ludwig wurde in den kommenden zweieinhalb Jahren trotz seines Nervenleidens zur Zwangsarbeit eingesetzt. Trotz ihres fortgeschrittenen Alters und ihres maroden Gesundheitszustands wurden Ludwig und Bella am 25. April 1942 nach Krasniczyn im Raum Lublin deportiert. Ob das Ehepaar in diesem Transitlager oder einem der nahen Vernichtungslager im Raum Lublin ermordet wurde, ist ebenso unbekannt wie der exakte Todestag.
Auch Bellas Geschwister erlitten zum Teil das gleiche Schicksal. Berta wurde im September 1942 im Konzentrationslager Treblinka ermordet. Julius, der vorher in Frankfurt a. M. gewohnt hatte und von dort aus mit der Familie in die Niederlande emigriert war, wurde am 12. Januar 1944 von Westerbork nach Bergen-Belsen deportiert. Von dort sollte er noch am 10./11. April 1945, unmittelbar nach dem Tod seiner Frau Ella, in das Ghetto Theresienstadt transportiert werden. Der Zug, der sogenannte Lost Trains, blieb jedoch nach zweiwöchiger Irrfahrt in Tröbitz im südlichen Brandenburg stecken. Dort starb Julius am 22. Mai 1945, zwei Wochen nach Kriegsende, vermutlich an der in Bergen-Belsen wie im Zug grassierenden Flecktyphus-Epidemie. Einzig die jüngste Schwester Sidonie emigrierte rechtzeitig, überlebte so die Shoa und starb erst 1983 im hohen Alter von 96 Jahren in Amsterdam im US-Bundesstaat New York.
   
Quelle Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 2, S. 449f.;
Staatsarchiv Würzburg, Gestapostelle 10006, 10007;
Stadtarchiv Augsburg, Einwohnermeldebogen Ludwig und Sabella Regensteiner;
Stadtarchiv München, Polizeimeldebogen R68 (= Ludwig Regensteiner; Lehmann Regensteiner) und Auszug aus der Datenbank des Münchner Gedenkbuchs;
Stadtarchiv Würzburg, Einwohnermeldebogen Ludwig und Bella Regensteiner;
Universitätsarchiv TU München, Personalakt Studierende, Ludwig Regensteiner;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de947766 (24.01.2017); dort finden sich auch die Einträge zu Berta und Julius Freudenberger;
Biographische Datenbank jüdisches Unterfranken, http://www.historisches-unterfranken.uni-wuerzburg.de/juf/Datenbank/detailsinclude.php?global=;search;28455, (24.01.2017);
Yad Vashem – The Central Database of Shoa Victims’ Names, Gedenkseite, http://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?itemId=1620560%20&language=de Deportationsliste von Nürnberg über Würzburg nach Krasniczyn vom 25.4.1942, http://www.statistik-des-holocaust.de/OT420425-Wuerzburg46.jpg (24.01.2017);
Eintrag von Ludwig und Sabella Regensteiner im Mikrozensus von 1939, https://www.tracingthepast.org/index.php/en/minority-census/census-database/census-database?cck=minority_census&last_name=Regensteiner& city=Würzburg&task=search (24.01.2017);
Joods Monument – Gedenkseite für Julius Freudenberger, https://www.joodsmonument.nl/en/page/190198/julius-freudenberger. (02.06.2017)
Autorin / Autor Riccardo Altieri
Paten Frau Christel Baatz-Kolbe
   
zurück