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Ludwig Regensteiner

 
geboren am 30.05.1875 in München
Straße  Dominikanerplatz 1
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum25.04.1942
Todesdatum00.00.1942
TodesortRaum Lublin
   
am 25. April 1942 nach Krasniczyn deportiert und kurze Zeit später dort oder in einem der Vernichtungslager im Raum Lublin ermordet
   
Ludwig Regensteiner kam am 30. Mai 1875 als zweites von sieben Kindern des Weinhändlers Lehmann Regensteiner (1839-1921) und seiner Frau Berta, geb. Kaufmann (1854-1926), zur Welt. Der Vater Lehmann kam ursprünglich aus Pflaumbach in Württemberg, die Mutter Bertha war eine Kaufmannstochter aus dem schwäbischen Ellwangen. In der Weinhandlung am Münchner Karlsplatz 5 verkaufte der Vater unter anderem auch koschere Pessachweine.
Nachdem Ludwig die Volksschule und die sechsjährige Realschule in München erfolgreich abgeschlossen hatte, besuchte er ab 1891 zunächst für zwei Jahre die Industriehochschule. Im Oktober 1893 schrieb er sich für das Wintersemester 1893/1894 für vier Jahre an der Technischen Hochschule ein, der heutigen Technische Universität München. Dort besuchte er Vorträge und Übungen zu Telegrafie und Telefonie und absolvierte ein Praktikum im Bereich Elektrik. Nach seinem Abschluss wählte er eine Karriere im Staatdienst und fing bei der Bayerischen Post- und Telegrafenanstalt in München an.
Nach einigen Dienstjahren war er 1907 als Oberpostassessor nach Augsburg versetzt worden. Am 15. Mai desselben Jahres heiratete er an deren Wohnort Arnstein Bella Freudenberger und zog mit ihr in den dritten Stock der Frohsinnstr. 11 in Augsburg. Dort kam am 30. Januar 1908 auch das erste und einzige Kind des Ehepaars zur Welt: Therese (1908-1935), die sich als Tänzerin der Laban-Schule später den Künstlernamen Tessa Reberg zulegte, jedoch schon am 22. März 1935 im Alter von 27 Jahren an Nierentuberkulose starb.
Am 26. Juni 1912 wurde Ludwig Regensteiner von Augsburg nach Würzburg versetzt. Hier lebte die Familie zunächst zur Untermiete in der Welzstraße 4, erneut im dritten Stock. Gleich nach Dienstantritt in Würzburg wurde Regensteiner 1913 zum Oberpostinspektor an der Oberpostdirektion befördert. Während des Ersten Weltkriegs war er Reservist der Infanterie und erklomm in den folgenden Jahren weitere Stufen einer Beamtenlaufbahn. Doch schon 1923, im Alter von nur 48 Jahren, musste sich Ludwig Regensteiner als Oberregierungsrat aufgrund eines Nervenleidens in den Frühruhestand versetzen lassen.
Fortan lebte die Familie von einer Pension in Höhe von monatlich 420 Reichsmark – eine auskömmliche Summe, die jedoch sicher nicht ausreichte, große Ersparnisse anzusammeln. Bereits im April 1933, etwa ein Jahr nach dem Umzug an den Dominikanerplatz 1, wurde Regensteiner von einer nationalsozialistisch gesinnten Nachbarin denunziert. Die Frau gab der Gestapo gegenüber an, er habe im Juli 1932 auf ihren Hitlergruß mit einer harschen Beleidigung gegen den Parteiführer geantwortet und ihr zugerufen: „Was gehört [sic] mich der Hitler an.“ Bei der anschließenden Vernehmung glaubten die Beamten dem Verhafteten, als dieser aussagte, die Schimpfworte wären in Richtung der Dame und explizit nicht gegen den Reichskanzler gerichtet gewesen.
In den folgenden Jahren hielt sich Ludwig mit kritischen Bemerkungen zurück. Das ersparte ihm freilich nicht die Verhaftung, wie sie reichsweit fast alle jüdischen Männer infolge des Novemberpogroms 1938 traf. Zunächst kam Ludwig für einige Tage in das Würzburger Gefängnis, in das ihn seine herzkranke Frau Bella freiwillig begleitete, um bei ihrem Mann bleiben zu können. Am 16. November verlegte man den parteilosen Pensionär jedoch für vier Tage in das Konzentrationslager Dachau, wohin ihm Bella nicht nachfolgen durfte. Dort könnte er Kontakt zu seinem jüngeren Bruder Max Meier Regensteiner (1880-1942/45) gehabt haben, der bereits seit dem 10. November und noch bis zum 13. Dezember 1938 gefangen gehalten wurde.
Nach der Entlassung wurde Regensteiner erneut von der Gestapo vorgeladen. Am 22. November 1938 fragte der verhörende Beamte provokativ, warum Ludwig Regensteiner und seine Frau bisher nicht emigriert seien, man habe die Juden doch wiederholt gewarnt. Ludwig gab an, lediglich über ein Barvermögen von 1.500 Reichsmark zu verfügen und keine näheren Verwandten im Ausland zu haben, die sie hätten aufnehmen können. Regensteiner musste sich verpflichten, die Emigration bald anzugehen und mit der Rentenkasse abzustimmen.
Nur wenige Tage später, am 3. Dezember 1938, kam ein angeblicher Polizeibeamter in die demolierte Wohnung am Dominikanerplatz und verlangte eine Strafgebühr in Höhe von 20 Reichsmark. Als der Mann einige Tage später ein weiteres Mal versuchte, Geld von Regensteiner zu erschleichen, gab dieser an, Strafanzeige gegen ihn erstattet zu haben. Der Betrüger verschwand. Tatsächlich erfolgte die Anzeige jedoch erst im Mai 1939, das Verfahren wurde bereits am 1. August wieder eingestellt. Anfang 1939 musste das Ehepaar wie viele andere jüdische Mieter seine Wohnung verlassen und zog in die Kapuzinerstraße 21 in den zweiten Stock.
In den letzten drei Würzburger Jahren wurde der nervenkranke Ludwig Regensteiner nach einer ärztlichen Untersuchung, die ihn für arbeitsfähig befand, zur Zwangsarbeit verpflichtet. Ab 1. November 1839 arbeitete er zunächst für den Würzburger Bauunternehmer Hans Heider, später für das städtische Tiefbauamt. 1939 musste das Ehepaar aus der Kapuzinerstraße 21 in die Sammelunterkunft Bibrastraße 6 umziehen.
Am 30. März 1942 wurde Ludwig Regensteiner ein weiteres Mal von einem NS-Arzt untersucht, der ihm einen „ausreichenden Kräfte- und Ernährungszustand“ attestierte und somit erneut Arbeitsfähigkeit bescheinigte. Der zwischenzeitlich 66-Jährige sei „außer einem fast zahnlosen Gebiß […] frei von Krankheiten und erkennbaren Krankheitsanlagen.“ Weniger als einen Monat später wurde Ludwig Regensteiner zusammen mit seiner Frau Bella mit dem Ziel Krasniczyn ins besetzte Polen deportiert. Ob sie dort oder in einem der Vernichtungslager im Raum Lublin den gewaltsamen Tod fanden, lässt sich nicht mehr rekonstruieren.
Auch die Geschwister Ludwigs, die alle in München geblieben waren, wurden während der Shoa ermordet. Die jüngere Schwester Rosa, verheiratete Künstler, wurde zuletzt in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing festgehalten, ehe man sie am 20. September 1940 in die Tötungsanstalt Schloss Hartheim bei Linz deportierte, wo sie noch am selben Tag ermordet wurde. Sein bereits erwähnter jüngerer Bruder Max Meier wurde in der Nacht vom 3. auf den 4. April 1942 mit seiner Frau Olga aus München in das Ghetto Piaski in der Woiwodschaft Lublin verschleppt, wo sie ein ähnliches Schicksal erlitten wie Ludwig und Bella. Die jüngste Schwester Regina, verheiratete Levi, wurde am 20. November 1941 nach Kowno deportiert und fünf Tage später im Fort IX ermordet. Die anderen Geschwister Julius (Jg. 1874), Emma (Jg. 1879) und Sophie, verheiratete Klau (1881-1935), entgingen dem Morden der Nationalsozialisten durch einen frühen natürlichen Tod.
   
Quelle Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, Bd. 2, S. 449f.;
Staatsarchiv Würzburg, Gestapostelle 10006, 10007;
Stadtarchiv Augsburg, Einwohnermeldebogen Ludwig und Sabella Regensteiner;
Stadtarchiv München, Polizeimeldebogen R68 (= Ludwig Regensteiner; Lehmann Regensteiner) und Auszug aus der Datenbank des Münchner Gedenkbuchs;
Stadtarchiv Würzburg, Einwohnermeldebogen Ludwig und Bella Regensteiner;
Universitätsarchiv TU München, Personalakt Studierende, Ludwig Regensteiner;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de947761 (24.01.2017); dort finden sich auch die Einträge zu Rosa, Max Meier und Regina Regensteiner;
Yad Vashem – The Central Database of Shoa Victims’ Names, Gedenkseite, http://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?itemId=1622543%20&language=de; ;
Eintrag in der Biographischen Datenbank Jüdisches Unterfranken, http://www.historisches-unterfranken.uni-wuerzburg.de/juf/Datenbank/detailsinclude.php?global=;search;28459, (24.01.2017);
Deportationsliste von Nürnberg über Würzburg nach Krasniczyn vom 25.4.1942, http://www.statistik-des-holocaust.de/OT420425-Wuerzburg46.jpg (24.01.2017);
Eintrag von Ludwig und Sabella Regensteiner im Mikrozensus von 1939, https://www.tracingthepast.org/index.php/en/minority-census/census-database/census-database?cck=minority_census&last_name=Regensteiner&city=Würzburg&task=search (24.01.2017).
Autorin / Autor Riccardo Altieri
Paten Herr Riccardo Altieri
   
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