Anneliese Winterstein

    
geboren am 25.02.1924 in Würzburg
Straße  Am Pleidenturm 6
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum16.03.1944
Todesdatum12.06.1944
TodesortAuschwitz
   
am 16.3.1943 nach Auschwitz deportiert und auf der Flucht in den Tod am 12.6.1944 dort erschossen
   
Anneliese Winterstein – Angehörige der bekannten Würzburger Sinti-Familie - war die Tochter des gelernten Korbmachers Karl Winterstein (1896-1944) aus Muggensturm bei Rastatt und Elisabeth (Elise), geb. Hilbert (1903-1945) aus Seeheim. Die Eltern hatten 1922 in Würzburg geheiratet, wo der Vater nach seiner Entlassung aus der Armee bei seinen Angehörigen sesshaft geworden war. Die Familie wohnte seit dieser Zeit am Pleidenturm 6.
Dort kam Anneliese 1924 auf die Welt, ein Jahr danach ihre Schwester Eleonore (Jg. 1925). Nach dem Ende ihres Volksschulbesuchs arbeitet sie einige Monate als Haushaltshilfe. Anneliese war 16 Jahre alt, als ihr Sohn Karl-Heinz (1940-1944) auf die Welt kam. Von der Jugendfürsorge wurde sie in das Mädchenheim Schafhof in Nürnberg eingewiesen. Von dort wurde sie erst im Mai 1942 wieder entlassen. Das Arbeitsamt vermittelte ihr anschließend die Stelle als Wäscherin und Büglerin bei der Reinigungs- und Desinfektionsfirma "Edelweiss" in Würzburg, bei der Anneliese hart arbeiten musste und wenig verdiente. Von ihren Arbeitgebern wurde sie am 5. März 1943 angezeigt, weil sie nicht an ihrem Arbeitsplatz erschienen sei. Sie selbst erklärte bei der Vernehmung durch die Gestapo ihr Fernbleiben damit, dass ihre Schwester nach der Entbindung Kindbettfieber bekommen hätte, ihr eigener Sohn krank geworden sei und sie selbst im 3. Monat schwanger und die Arbeit für sie sehr belastend sei. Außerdem hätte die Familie damit gerechnet, dass sie weggebracht würden und sie habe ihre Kleidung in Ordnung bringen müssen. Zu dieser Zeit hatten bereits die ersten Deportationen von „Zigeunern“ aus dem Deutschen Reich nach Auschwitz sattgefunden. Wegen „Arbeitsvertragsbruchs“ verbüßte die Schwangere als „politische Gefangene“ vom 23.3.1943 bis 5.4.1943 eine Gefängnisstrafe.
Am 25. März beantragte der Unteroffizier Konrad Meier aus Gräfenberg bei der Gestapo Würzburg eine Ausnahmegenehmigung von den Vorschriften der Nürnberger Gesetze, damit er Anneliese heiraten könne. Er sei der Vater ihres ungeborenen Kindes. Das Gesuch wurde nicht angenommen. Ihre Cousine Theresia Winterstein berichtete später, dass Anneliese Angst hatte, sterilisiert zu werden und vorher noch ein Kind von dem Mann bekommen wollte, den sie liebte. Im September 1943 kam der Sohn Waldemar (1943-1944) auf die Welt.
Ende Januar 1944 wurde Anneliese Winterstein in Mühlhausen im Elsass in Begleitung eines Jugendfreundes festgenommen wegen des Verdachts auf illegale Abwanderung. Was das Motiv ihrer Reise dorthin war, ist unbekannt. Ob sie tatsächlich die Flucht erwogen hat, um einem drohenden Strafverfahren in Würzburg und ihrer Deportation nach Auschwitz zu entkommen, ist unklar. Auf Anweisung der Gestapo Würzburg wurde sie zurückgebracht.
Am 13. März wurde Anneliese zusammen mit ihren Eltern und den beiden kleinen Söhnen nach Auschwitz deportiert. Sohn Waldemar war wegen einer Lungenentzündung im Krankhaus gelegen und zuvor entgegen dem Rat des Arztes von den Behörden zur Familie gebracht worden. Am 24.4. starb ihr Sohn Waldemar und kurz darauf wohl auch der ältere Sohn Karl-Heinz. Als ihr klar wurde, dass sie von der SS als Prostituierte für das Lager-Bordell eingeteilt werden sollte, wählte sie stattdessen den Tod und warf sich am 12.6.1944 in den elektrischen Zaun des Lagers.
Von ihren nahen Angehörigen, die mit ihr im „Zigeunerlager“ von Auschwitz vegetieren mussten, überlebten nur wenige, so ihre Schwester Eleonore, ihr Cousin Otto und die Cousine Karoline, aber keines der sechs kleinen Kinder.
Biographie erstellt Juli 2006, überarbeitet Mai 2016
   
Quelle Staatsarchiv Würzburg, Gestapo-Akte 17421;
Roland Flade, Dieselben Augen, dieselbe Seele. Theresia Winterstein und die Verfolgung einer Würzburger Sinti-Familie im „Dritten Reich“, Schöningh Verlag, Würzburg 2008.
Autorin / Autor NN, Ingrid Sontag
Paten Das Wirsberggymnasium
   
zurück