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Salomon Fulder

   
geboren am 16.01.1869 in Thüngen/Ufr.
Straße  Ludwigstraße 23 a
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum27.04.1943
Todesdatum30.04.1943
TodesortSobibor
   
Seit dem 20.04.1943 im niederländischen Durchgangslager Westerbork interniert, von dort am 27.04.1943 nach Sobibor deportiert und am 30.04.1943 ermordet
   
Am 16.01.1869 wurde Salomon Fulder als Sohn des Kaufmanns Moritz Fulder und dessen Ehefrau Maria, geb. Salin (ca. 1840-1901) in Thüngen, Hausnummer 45 geboren. Seine Mutter Maria stammte wahrscheinlich aus dem unterfränkischen Dettelbach, denn dort war der sonst seltene Nachname Salin überaus geläufig. In Thüngen bestand eine besonders große jüdische Gemeinde im heutigen Landkreis Main-Spessart.
Salomon dürfte wie auch sein drei Jahre älterer Bruder Nathan (Jg. 1863) die israelitische Religions- und Konfessionsschule in Thüngen besucht haben. Vieles spricht dafür, dass er nach seiner Ausbildung zum Kaufmann zunächst im elterlichen Betrieb mitarbeitete. Sein Vater Moritz Fulder war in Thüngen Inhaber eines Modewarengeschäfts. Wohl um 1869 gehörte dieser auch dem Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde an und war offensichtlich ein sehr angesehener Mann im Ort.
Salomon verließ zusammen mit seinem Bruder Nathan am 24.08.1903 den Heimatort Thüngen – die Mutter war zwei Jahre zuvor, der Vater bereits vor längerer Zeit gestorben. Die Brüder setzten auf einen beruflichen Neuanfang in Würzburg und gründeten um 1904 die Firma „Gebrüder Fulder“, ein Geschäft für Manufaktur-, Modewaren und Aussteuer, das sich in der Kaiserstraße 24 befand.
Wenig später heiratete der 36-jährige Salomon am 29.08.1905 in Bingen die aus Eschweiler stammende 23-jährige Berta Meyer (1882-1943). Sie war die vierte Tochter von Marcus Meyer (1846-1914) aus Weisweiler und dessen Ehefrau Jette Benjamin (1852-1927) und mit sieben Geschwistern aufgewachsen. Genau neun Monate nach der Hochzeit wurde am 29.05.1906 als erster Sohn des Paares Erich Moritz in Würzburg geboren. Sohn Oskar folgte am 06.04.1910 und schließlich kam am 15.08.1911 Norbert zur Welt. Die Adresse der Familie wechselte in dieser Zeit häufiger: Von der Ludwigstraße 14 in die Wallgasse 4, dann Maxstraße 3, Theresienstraße 8 bis man dann im Jahr 1912 für 10 Jahre eine Wohnung in der Semmelstraße 41 bezog.
Obwohl die Firma „Gebrüder Fulder“ prosperierte, kam es um 1913 zur Geschäftstrennung der Brüder Nathan und Salomon Fulder. Salomon gründete seine eigene Firma, die sich hauptsächlich auf den Verkauf von Manufaktur- und Modewaren spezialisierte. Auch dieses neue Unternehmen entwickelte sich am Standort Semmelstraße 41 rasch sehr erfolgreich, so dass Salomon Fulder 1919 in der Lage war, für sich und seine Familie ein Mehrfamilienhaus in guter Lage in der Ludwigstraße 23 zu erwerben. Ab 1922 lag im Parterre dieses Anwesens sein Geschäft „Manufakturwaren en gros“ und direkt darüber im ersten Stock wohnte seine Familie in einer großzügigen Wohnung.
Schon früh verließen die Söhne den Haushalt. Kurz vor seinem elften Geburtstag 1922 schickten die Eltern ihren jüngsten Sohn Norbert zu einem nahen Verwandten, dem Lehrer Bernhard Fulder (geb. um 1866 in Thüngen) nach Treuchtlingen. Dort besuchte er von 1922 bis 1926 die Schule – der Grund dafür ist nicht bekannt.
Erich Moritz, der älteste Sohn, verließ das Elternhaus im gleichen Jahr und absolvierte nach Abschluss des Würzburger Realgymnasiums von 1922 bis 1923 einen Teil seiner Ausbildung zum Kaufmann in Frankfurt/Main und kehrte wohl Ende 1923 nach Würzburg und ins elterliche Geschäft zurück. Oskar erlernte seit 1926 in Gelsenkirchen wohl ebenfalls den Kaufmannsberuf und war wohl ab 1929 wieder in Würzburg. Norbert tat es den Brüdern kurz nach seiner Rückkehr 1926 gleich und zog schon am 31.01.1927 von Würzburg nach Frankfurt, um ebenfalls eine kaufmännische Ausbildung zu beginnen. Zwischen 1932 und 1935 ist er wieder als Bewohner in der elterlichen Wohnung verzeichnet.
Mit der Machtergreifung der Nazis wurde die Situation für jüdische Geschäftsleute immer besorgniserregender. Kein Würzburger Bürger sollte mehr bei Juden einkaufen. Die Auftragslage verschlechterte sich zunehmend, so dass sich Salomon Fulder entschloss, zusammen mit seiner Ehefrau Berta den Söhnen Norbert und Erich Moritz ins vermeintlich sichere Exil nach Amsterdam zu folgen. Diese lebten dort bereits seit Juli 1935 bzw. Dezember 1936. Doch Salomon Fulder führte sein Geschäft so gut es eben ging bis 1937 weiter. Vor der Auswanderung verkaufte die Familie ihr Wohn- und Geschäftshaus in der Ludwigstraße 23 weit unter dem früheren Wert und gaben das Geschäft auf. Das Ehepaar Fulder konnte zusammen mit Oskar am 15.12.1937 Deutschland verlassen und gemeinsam eine Wohnung mit ihrem Sohn Norbert in der Lekstraat 114/II in Amsterdam beziehen. In diesem Haus lebte auch der bekannte Hamburger Rabbiner und Historiker Eduard Duckesz (1868-1944).
Trotz der Härten eines Lebens im Exil konnte sich die Familie wie andere Juden in den Niederlanden in den folgenden zweieinhalb Jahren sicher fühlen. Diese Sicherheit endete jäh am 10.05.1940: Die deutsche Wehrmacht überfiel die Niederlande, deren Armee nach wenigen Tagen kapitulieren musste. Mit Unterstützung der holländischen Bürokratie begann die deutsche Zivilverwaltung bald mit der Ausgrenzung, Konzentration, Beraubung und Deportation der jüdischen Bevölkerung. Aus keinem westeuropäischen Land wurden mit 75% so viele Juden deportiert und ermordet wie aus den Niederlanden. Der unmenschliche Terror erfasste auch die Familie Fulder. Bereits am 28.05.1942 wurde Norbert in das Durchgangslager nach Westerbork verschleppt und neun Monate später, am 25.02.1943 folgten die Söhne Erich Moritz und Oskar.
Nach knapp zwei weiteren Monaten, am 20.04.1943 musste auch der 74-jährige Salomon zusammen mit seiner Ehefrau Berta Amsterdam verlassen. Sie wurden, wie der größte Teil der Juden in den Niederlanden, im Durchgangslager Westerbork interniert. Am 27.04.1943 folgte ihr Weitertransport nach Sobibor, wo sie kurz nach der Ankunft am 30.04.1943 in den Gaskammern getötet wurden.
Zum Zeitpunkt ihres Todes war das Leben ihrer Söhne Norbert, Erich Moritz und Oskar bereits gewaltsam beendet.
Biografie erstellt September 2009, überarbeitet Februar 2016
   
Quelle Stadtarchiv Würzburg, Einwohnermeldebögen, Adressbücher 1903-1937, Grundlisten Theresienstraße 8, Ludwigstraße 23;
Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 1, S. 186f.;
Biographische Datenbank jüdisches Unterfranken, Informationen zur Familie Fulder, http://www.historisches-unterfranken.uni-wuerzburg.de/test/web324w/juf/ (13.01.2016);
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de871947 (27.1.2016);
http://eschweiler-juden.de/pages/posts/gedenkstein-in-meschede-erinnert-an-paula-meyer-aus-eschweiler-1.php, (28.10.2015);
http://eschweiler-juden.de/pages/notizen-neues-2014.php, (28.10.2015);
https://www.joodsmonument.nl/en/page/194192/salomon-fulder;
Schriftliche Auskunft des NiederlandeNet des Zentrums für Niederlande-Studien der Universität Münster vom 02.04.2015, www.niederlandenet.de;
http://www.alemannia-judaica.de/thuengen_synagoge.htm (18.01.2016);
www.alemannia-judaica.de/treuchtlingen_synagoge.htm (18.01.2016);
Angaben zu den im Text erwähnten Angehörigen, die Opfer der Shoa wurden, finden sich im Namensverzeichnis des Gedenkbuchs.
Autorin / Autor Hans-Peter Baum, Martina Buller
Paten
   
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