Karl Sichel

   
geboren am 15.02.1876 in Veitshöchheim
Straße  Haugerring 6
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum23.09.1942
Todesdatum23.11.1942
TodesortTheresienstadt
   
deportiert am 23.9.1942 nach Theresienstadt und dort am 23.11.1942 ermordet
Haugerring 15, heute etwa Haugerring 6
Laut einem historischen Stadtplan war die Nummerierung der Häuser zu der Zeit gegenläufig zur heutigen und ging von Nr. 1 bis Nr. 22, heute nur noch bis Nr. 12. Die Gebäude-Komplexe sind heute auch viel größer als damals.
   
Karl Sichel war ein sehr erfolgreicher Kaufmann und Wäschefabrikant. Er besuchte in Würzburg die Jüdische Volksschule und anschließend vier Klassen einer Realschule. Danach absolvierte er eine kaufmännische Lehre und arbeitete -wohl in Hofheim/Unterfranken - als Kaufmannsgehilfe. 1896-1899 leistete er, wobei er es zum Unteroffizier brachte, in Köln den Militärdienst ab. Unmittelbar danach gründete er in Würzburg die Weißwaren- und Wäschefabrik mit Baumwollwarenhandlung Gebrüder Sichel (zusammen mit seinem Bruder Jakob, der 1917 aus der Firma ausschied). Spezialität der Firma war elegante Bettwäsche.

1914 - 1918 war Karl Sichel Kriegsteilnehmer und war als Sergeant einer Fuhrbaukolonne vor allem in Russland eingesetzt. Er erwarb mehrere Auszeichnungen. 1919 gehörte er zu den Mitgliedern einer Bürgerwehr, die gegen die Arbeiter- und Soldatenräte Front machte.

Er war seit den 1920er Jahren Mitglied der Industrie- und Handelskammer Würzburg und wurde zum Handelsrichter ernannt. Seit dieser Zeit war er auch Mitglied der Verwaltung der Israelitischen Gemeinde Würzburg und trat dort insbesondere als Stiftungsreferent und Vorstandsmitglied des Synagogen-Bauvereins in Erscheinung. Er betätigte sich in der jüdischen, aber auch in der nicht konfessionell gebundenen Wohlfahrtsarbeit und war lange Jahre hindurch Vorsitzender bzw. Vorstandsmitglied der Israelitischen Mittelstandshilfe, der Zentrale für Israelitische Wohlfahrtspflege und des sozialen Ausschusses der Frankenloge (Bne Briss). Im Bezirksfürsorgeverband Würzburg war er Stellvertreter von Rabbiner Hanover, weiter Mitglied im Interkonfessionellen Ausschuss zur Versorgung notleidender Bürger (der während der Inflation von 1922/23 bestand), im Verein zur Errichtung eines paritätischen Altersheims (um 1930) und Vorstandsmitglied der Aussteuer-Stiftung zugunsten der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg. Wohl ab 1935 war er Leiter des Jüdischen Winterhilfswerks für die Bezirksrabbinate Würzburg und Kitzingen. Er gehörte aber auch politischen Verbänden, Gesellschafts- und Sportvereinen an, so der (liberalen) Deutschen Demokratischen Partei, dem Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten, dem Club 1912, der Gesellschaft Casino, dem Jüdischen Turn- und Sportverein und dem Jüdischen Kulturbund Würzburg.

Im November 1936 ermittelte die Gestapo gegen ihn wegen der Produktion von Hakenkreuzfahnen und anderer "nationaler Symbole", die er wohl vor allem aus Gefälligkeit gegenüber einer "arischen" Würzburger Firma betrieben hatte. Bei dieser Untersuchung stellte sich heraus, dass die Firma Sichel in jenem Jahr noch 16 "arische" Firmen als Kunden, zum Teil wohl sogar als Großkunden, hatte. Zu ihnen gehörten z.B. die heute noch bestehenden oder zumindest in Würzburg wohlbekannten Textilhäuser Völk und Seisser. Gegen sie wurden daraufhin auch sofort Ermittlungen eingeleitet, während die gegen Sichel eingestellt wurden.

Im April 1938 wurde die Firma Sichel "arisiert"; im Mai befand sich neben dem Handelsgeschäft auch die Fabrik in neuen Händen. Im Novemberpogrom wurde auch Karl Sichel verhaftet, wobei das Gesundheitsamt ihm einen "kräftigen Ernährungszustand" sowie "Herz und Lunge ohne Befund" attestierte, sodass er als "voll lager- und arbeitsfähig" eingestuft wurde. Am 20. November wurde er aus Dachau mit der Auflage entlassen, seinen Haus- und Grundbesitz zu veräußern, damit alle steuerlichen Angelegenheiten vor der geplanten Auswanderung in die USA erledigt werden könnten. Karl Sichel besaß neben einem beträchtlichen Barvermögen zwei Häuser und zwei Gartengrundstücke in bzw. bei Würzburg, deren Gesamtwert auf die erhebliche Summe von 243.000,- RM festgesetzt wurde. Karl Sichel musste 80.000,- RM als Sicherheit für die etwa zu veranlagende Reichsfluchtsteuer hinterlegen.

Gegen Ende des Jahres 1941 musste Karl Sichel seine Wohnung räumen und mit seiner Frau erst in das "Judenhaus" Konradstraße 3, dann in jenes in der Bibrastraße 6 ziehen. Von dort wurde das Ehepaar am 23. September 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo Karl Sichel genau zwei Monate später verstarb.
   
Quelle Staatsarchiv Würzburg, Gestapo-Akte 14380;
Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, S. 553 f., 556;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/961021 (26.06.2016);
Datenbank der Holocaust Opfer aus den böhmischen Ländern und von Häftlingen im Theresienstädter Ghetto aus Europa, http://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/32395-karl-sichel/ (26.06.2016);
Deportation der jüdischen Bevölkerung aus der Bezirksstelle Bayern. Nürnberg - Würzburg nach Theresienstadt, Abfahrtsdatum: 23.09. – 24.09.1942, http://www.statistik-des-holocaust.de/II26-20.jpg (22.06.2016).
Autorin / Autor Hans-Peter Baum
Paten Die FDP- Fraktion, Herr Joachim Spatz
   
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