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Getta Steinhardt, geb. Sommer

 
geboren am 11.03.1883 in Freudenberg/Main
Straße  Friedenstraße 24
Stadtteil Sanderau
Deportationsdatum23.09.1942
Todesdatum10.03.1944
TodesortTheresienstadt
   
am 23.09.1942 nach Theresienstadt deportiert und dort am 10.03.1944 ermordet
   
Geta (auch Getta) Steinhardt wurde am 11. März 1883 als sechstes Kind der Eheleute Isaak Sommer (1846-1931) und Sofie, geb. Selig (1850-1926) in Freudenberg am Main geboren. Sie hatte sechs Geschwister: Rosette, später verh. Selig (Jg. 1871), Babette, verh. Wetzlar (Jg. 1873), Leopold (Jg. 1876), Bernhard (Jg. 1878), Karolina (Jg. 1880) und die nach ihr geborene Schwester Johanna, später verh. Ehrlich (Jg. 1894).

Nach Schulzeit und Ausbildung heiratete Geta 1905 den damals 31jährigen Weinhändler Ferdinand Steinhardt in Würzburg. Das Ehepaar wohnte zuerst in der Bronnbachergasse 22, wo sich auch der Sitz der Firma befand. Am 9. Januar 1906 kam ihr einziges Kind zur Welt, Tochter Fränzi (1906-1997). Geta Steinhardt arbeitete als Prokuristin in der gemeinsamen Firma Ferdinand Steinhardt & Cie. Das Geschäft florierte und so verlagerte die Familie ihre Weingroßhandlung und ihre Wohnung im April 1908 in die Friedenstraße 24, wo sie bis zum 1. Juli 1937 arbeiteten und lebten. Im gleichen Jahr 1908 zogen Geta Steinhardts Eltern nach Würzburg in die Sophienstraße 13, ganz in die Nähe ihrer Tochter.

Getas Mann Ferdinand , der 1914 das Bürgerrecht erhalten hatte, kämpfte im ersten Weltkrieg (1917/1918) in Lothringen und erhielt diverse Auszeichnungen. Geta dürfte in dieser Zeit die Verantwortung für die Firma getragen haben. Das Geschäft lief weiter gut, so dass das Ehepaar Mitarbeiter beschäftigte und ihrer Tochter eine gute Ausbildung bieten konnte. Fränzi besuchte die Sophienschule, machte das Abitur und studierte an der Universität Würzburg Pädagogik. Als cand. phil., also als Examenskandidatin, heiratete sie 1931 den Frankfurter Kaufmann Herbert Oppenheimer.

Die Übernahme der Macht durch die Nationalsozialisten 1933 veränderte die Situation der Familie. Denunziation, Diskriminierung und Drangsalierung waren an der Tagesordnung. Als Konsequenz zog Tochter Fränzi mit ihrem Mann nach Italien und emigrierte 1938/39 nach Kuba und schließlich 1940 in die USA.

Geta Steinhardt musste erleben, wie ihr Mann im Oktober 1938 bei der Gestapo denunziert und angezeigt wurde, weil er angeblich „im Hof seine Notdurft verrichtete“. Dies brachte ihm im Januar 1939 eine Verurteilung zu einem Monat Haft wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ ein. Da hatte er seine erste Hafterfahrung schon hinter sich: Ferdinand Steinhardt war am 11.11.1938 wie andere Männer im Rahmen des Novemberpogroms in Haft genommen und in das KZ Buchenwald gebracht worden. Am 19.11.1938 wurde er entlassen. Bei der Gelegenheit hatte man ihm nahegelegt, das Geschäft zu veräußern und auszuwandern. Die beabsichtigte Emigration in die USA, wo Geta Steinhardts Schwester Babette Wetzlar seit 1938 bei ihren Kindern lebte, scheiterte jedoch.

Bereits im Januar 1939 wurde das Geschäft der Steinhardts weit unter Wert zwangsverkauft. Es folgte bis zu ihrer Deportation 1942 die weitere systematische Ausplünderung. Von der Friedensstraße 24 war das Ehepaar 1937 in die Goethestraße 1 gezogen und wohnte von August 1939 bis Mai 1941 in der Bismarckstraße 20, einem der sog. „Judenhäuser“. Dort fand im Dezember 1940 eine Razzia statt, bei der u.a. zwei goldene Eheringe der 1926 bzw. 1931 verstorbenen Eltern von Geta Steinhardt konfisziert wurden. Die NS-Behörden stellten Strafanzeige wegen „Mißachtung der im März 1939 befohlenen Ablieferung von Edelmetallgegenständen“. Geta Steinhardt wurde zu einer Geldstrafe von 50 RM + 3 RM Gebühr verurteilt. Ab 1941 sahen sich Geta und Ferdinand Steinhardt gezwungen, mehr und mehr wertvolle Gegenstände aus ihrem Haushalt versteigern zu lassen. Ihnen blieb nur ein Bruchteil des erzielten Erlöses, der Löwenanteil wurde ihrem „Sicherungskonto“ gutgeschrieben, sowie dem Fonds des Gauleiters Dr. Hellmuth. Der monatliche Betrag, von dem das Ehepaar leben musste, wurde von 400,- auf 230,- RM reduziert.

Nach den erzwungenen Umzügen in die Bismarckstraße 20 und die Schillerstraße 3 kamen die Steinhardts im Juni 1942 in die Sammelunterkunft in der Bibrastraße 6. Hier verkauften sie den Rest ihrer Habe, um die Lagergelder einzusparen, da die „Möbel nicht mehr benötigt werden“. Am 15./16.9.1942 unterzeichnete Ferdinand Steinhardt den „Heimeinkaufsvertrag“ für Theresienstadt. Das Ehepaar zahlte RM 22.370 und trat zudem Effekten im Wert von RM 10.000 ab – eine weitere Beraubungsmaßnahme der Nationalsozialisten. Denn die in dem Vertrag versprochene gute Versorgung in Theresienstadt gab es nicht.

Am 23. September 1942 wurde Geta Steinhardt mit ihrem Ehemann mit einem Bus vom Platz’schen Garten zum Güterbahnhof Aumühle transportiert. Bei den demütigenden Kontrollen zuvor waren ihnen noch 3 Esslöffel, 2 Gabeln, 3 Messer und 3 Kaffeelöffel abgenommen worden.

Geta Steinhardt starb nach einem halben Jahr am 10. März 1943 in Theresienstadt, wo Hunger, Durst, Krankheit und Seuchen ständige Begleiter waren. Ihr Ehemann Ferdinand war dort schon am 26. Februar 1943 umgekommen.

Tochter Fränzi - ab 1941 nannte sie sich Frances E. Owen - versuchte in einem Wiedergutmachungsverfahren, Entschädigung für den Raub an ihren Eltern zu erhalten – mit sehr geringem Erfolg. Denn sie hatte einen Termin versäumt, bis zu dem sie Anträge hätte stellen können.

Biographie erstellt September 2009, überarbeitet Oktober 2017.
   
Quelle Staatsarchiv Würzburg, Gestapoakte 15188;
Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 2, S. 585 und 566; Karteikarten dazu im JSZ;
Joachim Maier, Die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Freudenberg am Main, Ubstadt-Weiher 2014, S. 245-254;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de974053 (14.09.2017);
Biographische Datenbank jüdisches Unterfranken, http://www.historisches-unterfranken.uni-wuerzburg.de/juf/Datenbank/detailsinclude.php?global=;search;31066; (19.01.2017);
Informationen zu Geta Steinhardts Angehörigen ebenfalls in Biographische Datenbank jüdisches Unterfranken, http://www.historisches-unterfranken.uni- wuerzburg.de/juf/Datenbank/.
Autorin / Autor NN, Elke Wagner
Paten
   
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