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Karl Einstein

 
geboren am 29.05.1872 in Ulm
Straße  Eichendorffstraße 2
Stadtteil Sanderau
Deportationsdatum23.09.1942
Todesdatum06.02.1943
TodesortTheresienstadt
   
am 23.09.1942 von Würzburg nach Theresienstadt deportiert und dort am 06.02.1943 umgekommen
   
Karl Einstein wurde am 29.05.1872 als ältestes Kind des bereits einmal verwitweten Alexander Einstein (1840-1903) und seiner zweiten Frau Mathilde, geb. Würzburger (1851-1939) in Ulm geboren. Der Vater, in Laupheim bei Ulm geboren, war 1859 in die USA ausgewandert und amerikanischer Staatsbürger geworden, kehrte aber 1869 wieder nach Deutschland zurück. Er heiratete Mathilde Würzburger in seiner zweiten Ehe.
Nach Karl wurde auch seine Schwester Sofie (1873-1936) in Ulm geboren. Die Schwester Emma (1877-1899), der schon als Säugling verstorbene Bruder Ludwig (1879) und die jüngste Schwester Anna (1881-1916) hingegen in Bayreuth. Denn 1876 war die Familie von Ulm nach Bayreuth gezogen, wo sie ein hochangesehenes Geschäft für Spitzen- und Weißwaren betrieb, in dem auch Winifred Wagner als Kundin verkehrte.
Karl Einstein besuchte nach der Elementarschule das humanistische Gymnasium Christian Ernestinum in Bayreuth, an dem er 1890 sein Abitur ablegte. Anschließend studierte er Jura an der Ludwig-Maximilians-Universität München, wo er nach vier Jahren 1894 sein erstes Staatsexamen bestand. 1897 folgte die Staatsprüfung, 1900 wurde er III. Staatsanwalt in Hof, 1902 Amtsrichter in Nürnberg. 1906 kam er als II. Staatsanwalt nach Würzburg.
Dort wohnte er zunächst in der Friedenstraße 28 bzw. 47 und zog als Königlich Bayerischer Landgerichtsrat Ende 1914 in die Blumenstraße 2, im jungen Stadtteil Sanderau. Karl Einstein nahm nicht am 1. Weltkrieg teil, da er 1914 schon 42 Jahre und somit zu alt für den Waffendienst war. Nach dem Krieg, im Freistaat Bayern wurde er 1919 zum Oberlandgerichtsrat befördert und erreichte in seinem 60. Lebensjahr 1932 die letzte Stufe seiner beeindruckenden, für einen Juden selten möglichen Staatskarriere. Er wurde zum Landgerichtsdirektor ernannt und war damit einer der drei stellvertretenden Direktoren des Landgerichts Würzburg. Über ihm standen nur noch der Landgerichtspräsident und zwei Direktoren.
In diesen glücklichen und erfolgreichen Jahren lebte Karl Einstein als geachteter Bürger, der unter anderem auch Mitglied in einigen Vereinen (u.a. dem Verschönerungsverein Würzburg) war. Ern war ein hochgebildeter, witziger und sehr musikalischer Mann, der Klavier, Cello und vorzüglich Geige spielte und deshalb auch Mitglied in einem Quartett angesehener Würzburger Bürger wurde. Neben dem Reisen (noch 1935 nach Griechenland) und der Musik hatte er eine weitere Leidenschaft – die Philatelie. In seinen Briefen von 1936 oder 1937 bittet er seine Verwandten, ihm die Briefmarken, „mit denen dieser Brief frankiert ist, gelegentlich zurückzusenden“; auch seine Mutter versprach ihm 1935, die „Athener Marken“ und weitere zu schicken. Seine Briefmarkensammlung, Bücher und Notensammlungen sowie seine Geige haben in den Händen der Familie überdauert; vermutlich hat er alles vor 1940 geschickt oder seiner Nichte bei einem ihrer letzten Besuche mitgegeben.
Das Jahr 1933 bedeutete das Ende von Karl Einsteins beruflicher Laufbahn. Zum 1. Oktober 1933 wurde er frühzeitig in den Ruhestand versetzt, führte von nun an den Titel Landgerichtsdirektor a.D. und bezog eine Pension. Damit war ihm zunächst nicht die wirtschaftliche Grundlage entzogen worden. Was ihn nach Aussagen seiner Familie aber nach seiner Zwangspensionierung zutiefst traf, war das Verhalten seiner „Musikerfreunde“, die ihn flugs aus dem Quartett hinauskomplimentierten. Trotzdem verlor er aber seine Liebe zu Würzburg und Franken nicht. So abonnierte er bis 1942 das Magazin „Altfränkische Bilder“, ein Vorläufermagazin der Schriften des Frankenbundes.
In den folgenden Jahren recherchierte er für seine Nichte zur Erstellung eines Stammbaums der Familien Einstein und Würzburger. In seinen Briefen (1936/1937) bilanzierte er, dass beide Familien in ihren jeweiligen Gemeinden (Laupheim bei Ulm und Bayreuth) schon „seit Jahrhunderten in Deutschland ansässig“ gewesen seien. Im Bezug auf die Familie der Mutter schrieb er, dass „die Familie sich stets schon Achtung erfreute und viele angesehene und um das Gemeinwesen verdiente Männer aus ihr entsprossen sind.“ Die Familie stellte erfolgreiche Geschäftsleute, Stadträte und Ärzte. Dr. Simon Würzburger gründete 1861 eine private Heilanstalt, 1894 mit seinem Sohn Dr. Albert Würzburger die allgemeine Heilanstalt „Herzoghöhe“ in Bayreuth. Karl Einsteins Recherchen sollten beweisen, dass Menschen, die sich so für die Gesellschaft einsetzen, sicher nicht gegen Staat und Gesellschaft eingestellt seien. Er glaubte immer noch an die Humanitas und die Bedeutung von Recht und Gesetz.
Aus seinen Briefen geht seine Sorge um seine Schwester Sofie hervor, die sich, ein Jahr jünger als er und selbst nicht mehr gesund, um die alte Mutter kümmerte. Sofie verstarb 1936, die Mutter 1939. Ebenso wie den anderen schon verstorbenen Geschwistern blieb beiden das Grauen der Verfolgung durch die Nazis erspart.
Karl Einstein aber geriet 1939 in die Maschinerie der Vernichtung. Er musste nach 25 Jahren seine Wohnung in der Eichendorffstraße 2 (früher Blumenstraße) verlassen und in eine Wohnung am Haugerring 4 ziehen. Im Adressbuch ist er nun mit dem diskriminierenden Zusatznamen „Israel“ und ohne Berufsbezeichnung zu finden. Im Jahr 1941 wohnte er in der Hindenburgstraße 36, einem der Würzburger „Judenhäuser“, von wo er dann in die Konradstraße 3, das vollkommen überfüllte Altersheim, ziehen musste. Seine Nichte, mit einem Christen verheiratet und selbst christlichen Glaubens, besuchte ihren geliebten und verehrten Onkel einige Male, um ihm Decken und auch Essen zu bringen. Doch bat er sie dann schließlich, nicht mehr zu kommen, da dies für sie zu gefährlich würde.
Am 23. September 1942 wurde Karl Einstein zusammen mit 563 weiteren jüdischen Unterfranken nach Theresienstadt deportiert. In der Deportationsliste steht er mit der „Evakuierungsnummer 383“ als „Karl Einstein, Landgerichtsdirektor“. Am 24.09.1942 „erreichte der Zug nach 20-stündiger Fahrt den Bahnhof Bauschowitz, von dem aus die alten Menschen die Strecke nach Theresienstadt zu Fuß, teilweise mit Pferdefuhrwerken oder auf Lastwagen, zurücklegen mussten“ (Schwinger). Am 06. Februar 1943 stirbt Karl Einstein in seinem 71. Lebensjahr an den Folgen der unwürdigen Umstände im Ghetto Theresienstadt, wo Hunger, Durst und Krankheiten an der Tagesordnung waren.
Karl Einstein, ein Mann, der an Rechtsstaatlichkeit glaubte, wurde vom NS-Unrechtsstaat ermordet.
   
Quelle Staatsarchiv Würzburg, Deportationsakte, 18 879, Blatt 64 (20.05.2015);
Stadtarchiv Würzburg, Adressbücher 1906-1942;
Auskunft Dr. Heeg-Engelhart, Staatsarchiv Würzburg, aus: Reinhard Weber, Rechtsnacht – Jüdische Justizbedienstete in Bayern, Landsberg a. Lech 2012, S. 144 (03.06.2015);
Ludwig-Maximilians- Universität München , Universitätsarchiv, Studienzeiten von Karl Einstein, Matrikel, http://epub.ub.uni-muenchen.de/view/lmu/pverz.html (19.05.2016);
Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 1, S. 128f.;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de856603 (19.05.2016);
Theresienstädter Gedenkbuch: Die Opfer der Judentransporte aus Deutschland nach Theresienstadt 1942-1945, S. 277;
Datenbank: Jüdische Grabsteingraphik Steinheim-Institut, Jüdischer Friedhof Bayreuth, Inventarnummer bay-948, http://www.steinheim-institut.de/cgi-bin/epidat?id=bay-948 (19.05.2016);
Gymnasium Ernestinum Bayreuth: Gedenkblatt der ermordeten jüdischen Mitschüler, darin u.a. Karl Einstein, in: Erläuterungen zu „Ghetto“ von Joshua Sobol, Theaterstück aufgeführt am 07. und 08. Mai 2014, http://www.gce-bayreuth.de (19.05.2016);
Gymnasium Ernestinum Bayreuth, Auskunft Jan Ehlenberger über Schulzeit und Abitur, http://www.gce-bayreuth.de (19.05.2016);
Rotraud Ries / Elmar Schwinger (Hrsg.), Deportationen und Erinnerungsprozesse in Unterfranken und an den Zielorten der Transporte, Würzburg 2015, S. 31;
Informationen der Familie:
Postkarte 1935 von Mathilde Einstein an ihren Sohn;
Briefe von Karl Einstein an Familienmitglieder 1936/1937;
Ahnenbuch der Familie Einstein;
Bilder 1906, 1927, 1928, 1930 und weitere mündliche Aussagen zu seinem Leben.
Autorin / Autor Elke Wagner
Paten
   
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