Georg Brönner

   
geboren am 07.03.1929 in Kleinlangheim
Straße  Lindleinstraße  7
Stadtteil
Deportationsdatum01.09.1943
Todesdatum31.01.1945
TodesortHadamar
   
Georg Brönner wird am 3. Juli 1929 in Kleinlangheim geboren. Mit sechs Jahren wird er als Fürsorgezögling ins Vinzentinum in Würzburg eingewiesen und nach dessen Schließung durch die Nationalsozialisten in den Heimathof Herzogsägmühle bei Peiting in Oberbayern eingewiesen. Von dort wird er auf die "Mischlingsabteilung" der Tötungsanstalt Hadamar verlegt und am 31.1.1945 durch eine Giftinjektion ermordet.
   
Georg Brönner wird am 7.3.1929 in Kleinlangheim geboren. Seine Eltern sind der katholische Arbeiter Hans Brönner aus Volkach und Zerline, geborene Ackermann, aus einer jüdischen Familie in Kleinlangheim. Er wird katholisch getauft. Die 1928 geschlossene Ehe der Eltern war wohl nicht glücklich. Die Mutter verlässt die Familie, arbeitet eine Zeitlang in einem Würzburger Kaufhaus und meldet sich 1936 bei der Jüdischen Gemeinde in Würzburg ab. Als Ziel gibt sie Frankfurt an. Sie scheint ab dieser Zeit keinen Kontakt mehr zu ihrem Sohn gehabt zu haben. Georg besucht die Volksschule in Volkach, muss die 1. Klasse „wegen mangelnder Kenntnisse repetieren“. Im November 1935 wird der Sechsjährige dabei beobachtet, wie er mit einem gleichaltrigen Mädchen den Geschlechtsakt nachspielt. Er wird angezeigt und vom Amtsgericht Volkach zunächst vorläufig, am 12. Dezember 1935 endgültig in Fürsorgeerziehung eingewiesen. Unter dem Aktenzeichen des Beschlusses ist zu lesen: „Kriminell!“ „Halbjude!“ Gegen den Beschluss des Gerichtes legen die Eltern Beschwerde ein, diese wird jedoch vom Gericht abgewiesen. Begründet wird die Maßnahme damit „dass Georg Brönner einen derartigen Grad der Verwahrlosung erreicht hat, dass zu deren Beseitigung … die Fürsorgeerziehung erforderlich ist. Eile tut not, um dem Georg Brönner sein verderbliches Handwerk möglichst bald zu legen.“ Am 17.2.1936 wird er als Fürsorgezögling ins Vinzentinum in Würzburg gebracht. Dort sind seine Beurteilungen durchweg eher positiv: So schreibt die Schule am 3. Februar 1937 (2. Klasse) an das Erziehungsheim Vinzentinum: „Der kräftige Junge zeigt keinerlei körperliche Störungen, er ist nur etwas aufgeregt und ängstlich. …Seinem etwas ängstlichen Wesen entspricht seine Schrift, die auch bei bestem Willen immer ungeordnet und wacklig ausfällt. Seine geistige Veranlagung ist durchschnittlich, ebenso sein Fleiss. Bewährung im Leben ist zu erhoffen …Brönner gehört zu den gutmütig-heiteren Naturen.“ „Georg Brönner fügt sich in die Gemeinschaft gut ein. Kraft seiner normalen Veranlagung könnte er bei grösserem Fleisse in der Schule bessere Erfolge erzielen. Durch heilende und bewahrende Erziehung sind wir bemüht, die Schäden der früheren Verwahrlosung zu bereinigen.“ „Brönner ist ein Durchschnittsschüler. Im sprachlichen Ausdruck ist er ziemlich schwerfällig und beim Antworten aufgeregt und ängstlich. … Georg Brönner ist gutmütig und verträglich und fügt sich ganz gut in die Gemeinschaft ein. Wenn alle fremden schädlichen Einflüsse ferngehalten werden, verspricht Georg Brönner ein tüchtiger Bursche zu werden.“ Später (1938/39) heißt es: „Der Junge gibt sich in letzter Zeit alle Mühe ein Kerl zu werden. Sein mädchenhaftes Wesen hat er zum Teil abgelegt, auch ist er nicht mehr so ungelenk als wie zuvor. Sein Benehmen gegen seine Erzieher ist zutraulicher als früher.“ „So lange mir Brönner bekannt ist, konnte ich Nachteiliges für seine Person nicht feststellen. Die Charaktereigenschaften des Jungen sprechen dafür, dass in dem Buben noch ein guter Kern steckt und dass dessen Weiterentwicklung einzig und allein von der Umgebung und Entwicklung der ihn behandelnden Personen abhängig ist. Eine Entlassung des G. Brönner in Familienerziehung kann nur in Frage kommen, wenn die Familie eine einwandfreie Erziehung gewährleistet. In keinem Falle kann ein Zurück des Jungen in die frühere Umgebung befürwortet werden; wenigstens in nächster Zeit noch nicht.“ Trotzdem kommt er wohl nach der Schulentlassung eine Zeitlang wieder nach Hause „was aber sehr bald an dem drohenden Abgleiten des Jungen scheiterte“. Er wird erneut ins Vinzentinum gebracht (auf Betreiben der Stiefmutter?) und beginnt dort eine Schuhmacherlehre. Er schreibt selbst in seinem Lebenslauf: „ und 1938 kam ich dann nach Kitzingen zu Lehrer Brückner in die Volksschule, da wurde ich 1942 entlassen. Nachher arbeitete ich bei Bezold in Kitzingen als Laufbursche. Zweite Mutter hat mich wieder ins Mainfränkische Jugendheim nach Würzburg gebracht, da lernte ich Schuhmacher bei Meister Guerberitz. Dort ¾ Jahr. Von Würzburg aus kam ich dann hierher (i.e. Herzogsägmühle)“ Nach der Auflösung des Vinzentinums durch die Nationalsozialisten kommt Georg Brönner in den Wanderhof Herzogsägmühle bei Schongau in Oberbayern. Dort lassen seine Beurteilungen die antisemitische Einstellung zumindest einiger Erzieher dem „Halbjuden“ gegenüber deutlich erkennen. Aus dem Erziehungsbericht für die Zeit vom November 1942 bis zum Juni 1943: „Der Junge ist charakterlich schwierig und kompliziert; es sind in seinem Charaktergefüge Züge zu finden, die stark an jüdisches Wesen erinnern. Er scheint auch innerlich an dem jüdischen Mischblut zu leiden. Er zeigt ein undurchsichtiges Wesen, welches den tieferen Einblick in seine Charakteranlagen erschwert; er ist ansonsten der Typus eines Mitläufers, der sich den Anordnungen seiner älteren Freunde fügt, wird er jedoch bei kleineren Verstössen ertappt, lügt er hartnäckig und weiss sich schlangengleich aus peinlichen Situationen zu winden. Ordnungsliebe und Reinlichkeit sind schlecht ausgebildet.“ „Zusammenfassung und Erziehungsvorschlag:“ „Brönner ist mütterlicherseits als Mischling 1. Grades mit starken jüdischen Wesenszügen behaftet. In der Gemeinschaft gibt er zu keinen besonderen Klagen Anlass, beruflich ist er mangelhaft vorgebildet, wird aber bei strenger, konsequenter Führung mit Erfolg das Handwerk auslernen können. Sein undurchsichtiges Wesen erschwert jedenfalls die erzieherische Beeinflussung.“ (Herzogsägmühle, 7.Juni 1943) Aus einer Liste von 56 Adjektiven über das „Wesen des Zöglings nach Erkundigung bei Gemeinde, Kirchen- und Schulbehörden“ wählt derselbe Erzieher folgende durch Unterstreichen aus: „unaufrichtig, faul, ohne Ehrgeiz, unreligiös, unkeusch, frühreif, im ganzen asozialer Typ.“ Ein anderer Erzieher charakterisiert ihn dagegen folgendermaßen: „Georg Brönner ist ein Zögling mit ruhigem oft kindischem Gemüt. Ihm fehlt jedes Jungenhafte, er ist sehr empfindlich und weichherzig. Bei der Arbeit wie auch beim Spiel ist Brönner sehr unbeholfen. Führung und Benehmen gegen Erzieher und Kameraden sind gut. Der Junge ist durchaus ehrlich, immer sauber und folgt willig den Anordnungen seiner Erzieher. Besondere Interessen konnten noch nicht festgestellt werden.“ In der abschließenden Beurteilung heißt es dagegen wieder: „Seine Lässigkeit ist wohl noch in seiner Jugend zu suchen, jedoch darf nicht vergessen werden, dass er wirklich jüdische Allüren hat, die mehr oder minder im Laufe der Entwicklung zum Ausbruch kommen, bzw. verschwinden können. Er soll laut Rassegesetz in einem Heim für Mischlinge untergebracht werden. Darüber ist Br. nicht sehr erfreut.“ Mit diesem „Rassegesetz“ ist der Erlass gemeint, nach dem alle minderjährigen jüdischen „Mischlinge 1. Grades“ die sich in Fürsorgeerziehung befinden (ausdrücklich nicht solche, die bei Eltern oder Großeltern leben, oder zur Entlassung zu denselben vorgesehen sind) in der „Mischlingsabteilung“ der Anstalt Hadamar zusammenzuführen sind. Es handelte sich um 40 bis 50 Kinder. Am 31. Mai 1943 schreibt der Bürgermeister der Stadt Kitzingen an die Jugenderziehungsanstalt Herzogsägmühle: „Der in Ihrer Anstalt befindliche halbjüdische Fürsorgezögling Georg Brönner geb. am 7.7.1929 (sic) in Kleinlangheim, ist gemäß Weisung des Staatsministerium (sic) des Innern vom 26.5.43 beschleunigt in die Mischlingsabteilung der Landesanstalt Hadamar zu überweisen. … gez Stadtjugendamt“ Die „Überstellung“ erfolgt schließlich am 1. September 1943 durch das Stadtjugendamt Kitzingen. In Hadamar arbeitet Georg Brönner in der Schlosserei. Er hat wohl wenig Kontakt zu seinem Vater. Die Stiefmutter schreibt gelegentlich an den Direktor von Hadamar. Sie bittet, dass man Georg veranlassen möge seinem Vater zu schreiben, denn dieser stehe auf dem Standpunkt, dass es Pflicht der Kinder sei, ihren Eltern zu schreiben, und nicht umgekehrt. Ob dies geschehen ist, geht aus den Unterlagen nicht hervor. Jedenfalls scheint es keine Besuche von Seiten seiner Familie gegeben zu haben. Seine Mutter Zerline konnte ihn gar nicht besuchen, denn sie befand sich bereits vor März 1938 als Schutzhäftling in einem Münchner Polizeigefängnis, danach in den Frauenkonzentrationslagern Moringen, Lichtenburg und Ravensbrück. Am 21.4.1942 wurde sie in die Euthanasie-Tötungsanstalt Bernburg a.d.Saale gebracht und dort am gleichen Tag in der Gaskammer ermordet. In Lichtenburg hatte sie noch ein Schreiben des Direktors des Kreiserziehungsheims Würzburg erreicht. Nach einem kurzen Bericht über Georgs Leistungen heißt es darin: „Im allgemeinen dürfte er sich lebensfroher und lebendiger zeigen. Von seiner Mutter spricht er nicht, hat auch nie nach ihr gefragt. Dass er jedoch seiner Mutter gleichgültig gegenübersteht, konnte bis heute nicht festgestellt werden.“ Am 31.1.1945 stirbt Georg Brönner plötzlich an „Gasvergiftung“. Dem Vater wird am 13.2.45 mitgeteilt: „Ihr Sohn hat bis zu seinem Ableben fleissig in der Schlosserei mitgeholfen und auch das Auto bedient. Er erkrankte plötzlich an einer schweren Atemnot und Asthmaerscheinungen. Eine Herzschwäche führte den Tod herbei, der ruhig, ohne Todeskampf eintrat. Besondere Wünsche wurden nicht mehr geäussert. Die Beisetzung erfolgte in aller Stille auf unserem Anstaltsfriedhof. Für entstandene Telegrammgebühren bitten wir um Überweisung von RM 3.-.“ Georg Brönner ist somit eines von mindestens 34 Kindern, die diese Sonderaktion in Hadamar nicht überlebten. Sie alle wurden durch Giftinjektionen getötet. Einige Kinder waren auf Druck ihrer Familien wieder entlassen worden. Er wurde 15 Jahre alt.
   
Quelle Gedenkstätte Hadamar Akte Georg Brönner
Kirchengeschichtliches Archiv Nürnberg Akte Georg Brönner, Herzogsägmühle
Verwaltungsgemeinschaft Großlangheim, Mitteilung Monique Göbet (e-mail) 7.Juni 2016
Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin Melanie Englert (e-mail) 23.2.1915
Annette Eberle, Katholische Stiftungsfachhochschule München (e-mail) 6. u. 13.5.2016
Autorin / Autor Kristin Höhn
Paten Vinzentinum, Herr Peter Schuhmann
   
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