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Karl Stern

 
geboren am 18.10.1881 in Maroldsweisach
Straße  Eichhornstraße 6
Stadtteil Altstadt
Todesdatum16.01.1941
TodesortKZ Dachau
   
am 02.02.1938 zu 1 Jahr und 6 Monaten Zuchthaus verurteilt, dort bis 03.02.1939, ab 04.02.1939 bis zu seinem Tode in „Schutzhaft“: im Gefängnis Würzburg, ab November 1939 im KZ Sachsenhausen, ab 06.09.1940 im KZ Dachau, dort am 16.01.1941 ermordet
   
Karl Stern wurde am 18. Oktober 1881 in Maroldsweisach (Lkr. Haßberge) als Sohn des Kaufmanns Max Stern (gest. 1885) und seiner Frau Fanny (auch Fanni), geb. Kohn (1846-1942) geboren. Seine Schwester Selma (1879 -1942) war zwei Jahre älter als er. Sein Vater starb bereits 1885, woraufhin die Mutter mit ihren beiden kleinen Kindern nach Haßfurt zog. Karl besuchte dort ab 1888 bis zum Schuljahr 1894/95 sieben Klassen der Werktagsschule und wurde anschließend für ein Jahr nach Bamberg auf das Goldstein’sche Institut geschickt.

Anfang Juli 1896 zog Fanny Stern mit der nun 17-jährigen Selma und dem 15-jährigen Karl von Haßfurt nach Würzburg in die Huttenstraße 17. Hier absolvierte Karl Stern eine zweijährige Lehre bei der Firma Rosenbaum und nahm danach Stellungen in Heidelberg und anschließend in Aschaffenburg an. Dort wurde er auch gemustert und leistete seine Militärzeit von 1901 bis 1903 in Metz. Im April 1904 kehrte er nach Würzburg zurück und gründete ein Geschäft für Weiß- und Manufakturwaren in der Amalienstraße 3, wo seine Mutter und Schwester schon seit 1899 wohnten. Wohnung und Geschäft wurden 1907 in die Eichhornstraße 6 verlegt.

1912 erhielt Karl Stern das Bürgerrecht. Zu Beginn des 1. Weltkriegs wurde er als Soldat eingezogen, kämpfte im 11. Feld. Art. Reg. Würzburg in Rumänien und an der Westfront und geriet im Sommer 1918 in englische Kriegsgefangenschaft. Erst im Oktober 1919 konnte er wieder nach Hause zurückkehren. Infolge einer Verwundung leicht gehbehindert, erhielt er das Verwundetenabzeichen und später das Ehrenkreuz für Frontkämpfer. 1924 trat Karl Stern dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold bei, politisch stand er der Deutschen Demokratischen Partei nahe.

Während des 1. Weltkriegs hatte Karls Schwester Selma Stern das Geschäft der Familie weitergeführt. Im Adressbuch wird sie 1925 zugleich als Inhaberin und Verkäuferin der Firma Karl Stern geführt, sie verkaufte „Spitzen, Handarbeiten und Gardinen“. Bereits vor 1933 scheinen die Geschwister das Geschäft aufgegeben zu haben, denn nach 1930 erscheint kein Eintrag mehr für die Firma. Es waren die Jahre der Wirtschaftskrise. Karl versuchte nun als Makler für Immobilien und Darlehen seinen Lebensunterhalt zu verdienen, seine Schwester vermietete Zimmer u.a. an Studenten.

Am 22. Mai 1937 verhörte die Gestapo Karl Stern, er wurde polizeilich erfasst und fotografiert. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, ob er denunziert oder angezeigt worden war. Ihm wurde „Rassenschande“ vorgeworfen, wofür er am 2. Februar 1938 vom Landgericht Würzburg zu 1 Jahr und 6 Monaten Zuchthaus und 3 Jahren Ehrverlust verurteilt wurde. Seine Strafe verbüßte er u.a. im Zuchthaus Straubing. Obwohl das Gestapohauptamt in Berlin am 19. Januar 1939 angeordnet hatte, Karl Stern nach Verbüßung seiner Strafe in „Schutzhaft“ zu nehmen, kam er am 3. Februar 1939 frei. Er fuhr mit dem Zug nach Würzburg und wurde bereits am nächsten Tag von der Gestapo in seiner Wohnung, Eichhornstr. 6, abgeholt, vernommen und wieder inhaftiert. Weder sein Einsatz als Frontkämpfer, sein Gesundheitszustand oder Alter, noch das Argument, dass seine Schwester bei den Auswanderungsbemühungen Unterstützung bräuchte, halfen ihm. Obwohl die Würzburger Gestapo seine Entlassung befürwortete, bestimmte das Gestapohauptamt in Berlin, dass er nur freikommen könne, wenn der Termin für die Auswanderung feststehe.

Karl Stern blieb in „Schutzhaft“, zwischendurch drohte ihm auch die Verlegung in das KZ Dachau. Unterstützt von ihrem Anwalt Richard Müller bemühte sich seine Schwester Selma, ein Auswanderungsland zu finden und Karl rechtzeitig vorher aus dem Gefängnis zu bekommen. Letztlich vergeblich. Im Mai 1939 gelang es ihr, eine Schiffspassage für den 29. Juli 1939 auf dem Dampfer „Orinoco“ nach Kuba zu buchen. Auch die Einreisegenehmigung lag vor. Doch die Ausreise scheiterte, weil Kuba im Juli seine Grenzen schloss.

Selma kämpfte unermüdlich weiter. Schon am 19. Juli informierte sie die Staatspolizei, dass erneut ein genauer Zeitpunkt für die Auswanderung feststehe, da sie für den 16. August 1939 eine Passage nach Shanghai gebucht habe. Gleichzeitig bat sie darum, den Bruder zu entlassen, damit ihre 91-jährige, fast blinde Mutter ihren Sohn noch einmal sehen könne. Telegraphisch wie bei allen Entscheidungen der Gestapo aus Berlin wurde die Freilassung zur Emigration jedoch abgelehnt. Wenig später begann der 2. Weltkrieg und erschwerte alle Auswanderungsbemühungen noch weiter.

Mit der Begründung, dass „wegen der Kriegslage keine Auswanderung in Sicht“ und zudem das „Würzburger Gefängnis überfüllt“ sei, befürwortete die Gestapo am 14. Oktober 1939, Karl Stern in ein Konzentrationslager einzuweisen. Eine Entlassung wurde mit der Begründung abgelehnt, dass erneute Verstöße gegen das Rassegesetz zu befürchten seien. Mit einem Sammeltransport wurde Karl Stern am 9. November 1939 in das KZ Sachsenhausen geschickt. Am 17. November 1939 darüber informiert, unternahm Selma Stern noch einen letzten verzweifelten Versuch, indem sie auf die Möglichkeit einer Gruppenausreise nach Palästina hinwies. Vergeblich.

Karl Stern war in das Mahlwerk der nationalsozialistischen Verfolgungsorgane geraten. Seine „Schutzhaft“ wurde immer wieder um drei Monate verlängert, auch weil ab dem 6. August 1940 keine Entlassung jüdischer KZ-Gefangener mehr möglich war. Am 5. September 1940 wurde Karl Stern von Sachsenhausen nach Dachau verlegt.

Ein Telegramm aus dem KZ Dachau informierte am 16. Januar 1941 die Gestapo in Würzburg, dass Karl Stern „am 16.1.1941 gegen 00.30 Uhr an Versagen von Herz und Kreislauf und Lungenentzündung“ gestorben sei. Karl Stern war ermordet worden. Seine Schwester verzichtete darauf, sich die Urne überstellen zu lassen

Die Mutter Fanny (Fanni) Stern ist wohl 1942 in Würzburg verstorben und wurde ohne Datumsangabe auf dem israelitischen Friedhof begraben. Karl Sterns aufopferungsvoll kämpfende Schwester Selma wurde am 25. April 1942 nach Krasniczyn deportiert und wohl im gleichen Jahr im Raum Lublin ermordet.
   
Quelle Staatsarchiv Würzburg, Gestapoakte 15306;
Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 2, S. 596; Karteikarten dazu im JSZ;
Stadtarchiv Würzburg, Adressbücher 1896 bis 1942 und Grundlisten Huttenstr. 17, Amalienstr. 3 sowie Eichhornstr. 6 ;
Auskunft Thomas Schindler M. A., Stadtarchiv Haßfurt vom 06.12.2017;
Volkszählung 1939 - The 1939 German "Minority Census" Database, https://www.census.tracingthepast.org/index.php/en/minority-census/census-database/ (8.11.17);
Bundesarchiv. Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de976894 (8.11.17); Angaben zu den im Text erwähnten Angehörigen, die Opfer der Shoa wurden, finden sich ebenfalls im Gedenkbuch;
Auskunft KZ-Gedenkstätte Dachau, Andre Scharf, vom 28.11.2017;
Biographische Datenbank jüdisches Unterfranken, www.historisches-unterfranken.uni-wuerzburg.de/juf/Datenbank/detailsinclude.php?global=;search;31254 (22.12.17).

Foto: Staatsarchiv Würzburg, Gestapoakte 15306
Autorin / Autor Elke Wagner
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