zurück

Selma Stern

   
geboren am 09.01.1879 in Maroldsweisach
Straße  Eichhornstraße 6
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum25.04.1942
Todesdatumunbekannt
TodesortRegion Lublin
   
am 25.04.1942 von Würzburg nach Krasniczyn deportiert und vermutlich in einem der Vernichtungslager der Region Lublin ermordet
   
Selma Stern wurde am 9. Januar 1879 in Maroldsweisach (Lkr. Haßberge) als Tochter des Kaufmanns Max Stern (gest. 1875) und seiner Frau Fanny (auch Fanni), geb. Kohn (1846-1942) geboren. Ihr Bruder Karl kam im Jahr 1881 zur Welt. Als der Vater 1885 starb, zog die Mutter mit den beiden kleinen Kindern von Maroldsweisach nach Haßfurt. Hier besuchte Selma seit 1885 die Werktags- und ab 1892 die dortige Sonntagsschule.

Als Selma 17 Jahre alt war, zog ihre Mutter im Juli 1896 mit ihren beiden Kindern nach Würzburg in die Huttenstraße 17. Während Karl Stern nach zweijähriger Lehre in Würzburg zunächst in Heidelberg und dann in Aschaffenburg arbeitete, blieb Selma bei ihrer Mutter. Ab Juli 1899 wohnten die beiden Frauen in der Amalienstraße 3. Nach seinem Militärdienst kehrte auch Karl wieder nach Würzburg zurück und zog im April 1904 zu seiner Familie. Im gleichen Jahr gründete er dort ein Weiß- und Manufakturwarengeschäft. Selma arbeitete wohl im Geschäft ihres Bruders. 1907 verlegten die Sterns Laden und Wohnung in die Eichhornstraße 6.


Selma Sterns Bruder Karl war am 2. Februar 1938 zu 1 Jahr und 6 Monaten Zuchthaus wegen angeblicher „Rassenschande“ verurteilt und nach Verbüßung der Haft ab dem 4. Februar 1939 in jeweils dreimonatige sog. „Schutzhaft“ genommen worden. Selma Stern versuchte verzweifelt, die Auswanderung für sich und den Bruder zu organisieren. Nur in diesem Fall konnte man auf eine Entlassung Karls aus der Haft hoffen. Sie buchte eine Schiffspassage auf der „Orinoco“ für den 29.07.1939 nach Kuba. Als dann durch Kuba die Landung von Schiffen verboten wurde, kaufte Selma für den 16.08.1939 eine Schiffspassage nach Shanghai. Ihre Bitte an die Gestapo, ihren Bruder aus der Haft in Würzburg zu entlassen, damit er nochmals seine 91jährige Mutter sehen konnte, wurde abschlägig beschieden. Begründet wurde dies damit, dass seine „Schutzhaft“ bis 15.10.1939 festgesetzt sei. Das lässt vermuten, dass weder der Besuch bei der Mutter, geschweige denn die Entlassung aus der Haft oder die Auswanderung jemals von den Nazis in Betracht gezogen worden war.

Selma selbst hatte vom amerikanischen Konsulat am 29.08.1938 eine hohe Auswanderungsnummer erhalten, die keine Chance mehr auf Auswanderung bot. Sie gab die Hoffnung auf Auswanderung jedoch nicht auf, stellte Möbel bei einer Spedition unter und deponierte weitere Gegenstände bei Thekla Hähnlein und „Frl. Zucker“ in der Glockengasse 6, bevor sie ab 26. Februar 1941 mit ihrer Mutter in das jüdische Altersheim in der Dürerstr. 20 zog. Sie versuchte noch, durch die Versteigerung von Möbeln und anderen Gegenständen etwas Geld zu erhalten. Ihr blieb nur wenig, da ein großer Teil der eher geringen Beträge auf das Reichssicherungskonto und das Verfügungskonto des Gauleiters Dr. Hellmuth transferiert wurde.

Nach dem Tod ihres Bruders musste Selma das zynische Prozedere der Nazibehörden erleiden. Karl war am 16. Januar 1941 im KZ Dachau ermordet worden. Die Nazibehörden „beauftragten“ den Repräsentanten der Jüdischen Gemeinde in Würzburg, Selma Stern über den Tod ihres Bruders zu unterrichten und sie zu fragen, ob sie die Leiche ihres Bruders „besichtigen“ wolle und ob die Urne nach Würzburg überführt werden solle. Selma Stern lehnte ab.

Fanny Stern, die nun 92jährige Mutter, ist wohl 1942 verstorben und wurde ohne Angabe eines Datums auf dem israelitischen Friedhof in Würzburg begraben.

Vor ihrer Deportation wurde Selma Stern wie alle anderen Personen kontrolliert. Sie führte ihre Geburtsurkunde wie auch die Bestätigung des amerikanischen Konsulats mit ihrer Auswanderungsnummer mit sich; beides wurde ihr abgenommen und befindet sich heute in den Akten der Gestapo. Am 25. April 1942 wurde Selma Stern von Würzburg aus deportiert. Nach drei Tagen Fahrt kam der Zug an der Bahnstation Krasnystaw an, von wo aus die Menschen sich zu Fuß auf den Weg nach Krasniczyn machen mussten. Selma Sterns Spur verliert sich hier; wie alle anderen Menschen dieses Transportes wurde sie im Laufe des Jahres 1942 im Raum Lublin ermordet.
   
Quelle Staatsarchiv Würzburg, Gestapoakte 15356;
Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 2, S. 596; Karteikarten dazu im JSZ;
Stadtarchiv Würzburg, Adressbücher 1896 bis 1942 und Grundlisten Huttenstr. 17, Amalienstr. 3 sowie Eichhornstr. 6 ;
Auskunft Thomas Schindler M. A., Stadtarchiv Haßfurt vom 06.12.2017;
Volkszählung 1939 - The 1939 German "Minority Census" Database, https://www.census.tracingthepast.org/index.php/en/minority-census/census-database/census-database?cck=minority_census&last_name=Stern&first_name=Selma&maiden_name=&place_of_birth=Maroldsweisach&birth_year_for_search=1879&street=&city=&search=minority_census_search&task=search (8.11.17);
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de977492 (8.11.17); die Angaben zu den im Text erwähnten Angehörigen, die Opfer der Shoa wurden, finden sich ebenfalls im Gedenkbuch;
Biographische Datenbank jüdisches Unterfranken, www.historisches-unterfranken.uni-wuerzburg.de/juf/Datenbank/detailsinclude.php?global=;search;31334; (22.12.17);
Autorin / Autor Elke Wagner
Paten
   
zurück