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Berta Fulder, geb. Meyer

   
geboren am 05.03.1882 in Eschweiler b. Aachen
Straße  Ludwigstraße 23 a
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum27.04.1943
Todesdatum30.04.2043
TodesortSobibor
   
Seit dem 20.04.1943 im niederländischen Durchgangslager Westerbork interniert, von dort am 27.04.1943 nach Sobibor deportiert und am 30.04.1943 ermordet
   
Am 05.03.1882 wurde Berta Fulder als Tochter von Marcus Meyer, (1846-1914) aus Weisweiler und dessen Ehefrau Jette Benjamin (1852-1927) aus Schermbeck in Eschweiler wahrscheinlich in der Neustraße 15 geboren. Ihr Vater Marcus Meyer war nicht nur ein erfolgreicher Kaufmann in Eschweiler, sondern auch ein sehr angesehener Mann im Ort. Seine Geschäftsräume lagen in der Innenstadt an der Marienstraße/Ecke Grabenstraße. Er leitete Wohltätigkeitsvereine, war im Vorstand der Handelskammer und bis zu seinem Tod Vorsteher der Eschweiler Synagogengemeinde.
Berta wuchs zusammen mit sieben Geschwistern auf, die kurz nacheinander geboren wurden: Paula 1878, Rosa 1879, Johanna 1880, Berta 1882, Lina 1883, Martha 1885, Friedrich Andreas 1888 und als letztes Kind Moritz 1890. „Ich habe selten so gut erzogene, von der Außenwelt fast gänzlich abgeschlossene Mädchen kennengelernt wie die Meyer`schen,“ schrieb der 1887 in Eschweiler geborene Julius Kaufmann–Kadmon in seinen Lebenserinnerungen, „...bis auf die zweite, Rosa, die ihren Vetter Max Stiel heiratete, bekamen sie alle fünf vom Vater ihren Mann zugewiesen und die Ehen sollen nicht besser und nicht schlechter geworden sein als andere“. Für die 23-jährige Berta wurde der deutlich ältere Würzburger Kaufmann Salomon Fulder (Jg. 1869) ausgewählt und die Hochzeit fand am 29.08.1905 in Bingen statt. Ihr Ehemann war seit 1904 zusammen mit seinem älteren Bruder Nathan Fulder Inhaber der Würzburger Firma „Gebrüder Fulder“. Das gutgehende Geschäft lag in Würzburg in der Kaiserstraße 24.
Berta zog nach Würzburg zu ihrem Ehemann Salomon und am 29.05.1906, genau neun Monate nach ihrer Hochzeit, brachte sie ihr erstes Kind Erich Moritz zur Welt. Nach vier Jahren bekam sie in kurzen Abständen zwei weitere Söhne: Oskar am 06.04.1910 und schließlich Norbert am 15.08.1911. Währenddessen prosperierte die Firma und gewährleistete der jungen Familie ein gutes Auskommen. Nach wechselnden Adressen in der Stadtmitte zog die inzwischen 5-köpfige Familie 1912 in die Semmelstraße 41 um, wo sich bald darauf auch das Geschäft ihres Mannes befand. Man kann sich sehr gut vorstellen, dass Berta neben der Kindererziehung und der Hausarbeit auch im Geschäft mitarbeitete.
Um 1913 trennten sich die Brüder Nathan und Salomon Fulder geschäftlich. Salomon Fulder gründete eine eigene Firma, die sich hauptsächlich auf Manufaktur- und Modewaren spezialisierte. Die sehr gute wirtschaftliche Situation ermöglichte der Familie 1919 den Kauf eines Mehrfamilienhauses in der Ludwigstraße 23. Ab 1922 befand sich im Parterre die Firma „Manufakturwaren en gros“ und im ersten Stock wohnte die Familie.
Schon früh verließen die Söhne den Haushalt. Kurz vor seinem elften Geburtstag 1922 schickten die Eltern ihren jüngsten Sohn Norbert zu einem nahen Verwandten, dem Lehrer Bernhard Fulder (geb. um 1866 in Thüngen) nach Treuchtlingen. Dort besuchte er von 1922 bis 1926 die Schule – der Grund dafür ist nicht bekannt.
Erich Moritz, der älteste Sohn, verließ das Elternhaus im gleichen Jahr wie sein jüngerer Bruder und absolvierte nach Abschluss des Würzburger Realgymnasiums in Frankfurt/Main von 1922 bis 1923 einen Teil seiner Ausbildung zum Kaufmann. Oskar erlernte seit 1926 in Gelsenkirchen wohl ebenfalls den Kaufmannsberuf. Norbert tat es ihm kurz nach seiner Rückkehr aus Treuchtlingen 1926 gleich und zog schon am 31.01.1927 nach Frankfurt, um ebenfalls eine kaufmännische Ausbildung zu beginnen. Der Älteste kehrte schon 1923, Oskar 1929 und Norbert 1932 wieder in die elterliche Wohnung und ins Geschäft zurück.
Schon bald nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 setzte sich in der Familie Fulder die Erkenntnis durch, dass sie nicht in Deutschland bleiben sollten. Sohn Norbert emigrierte im Juli 1935 als erster in die Niederlande und sein Bruder Erich Moritz folgte ihm im Dezember 1936 nach Amsterdam. Berta und Salomon Fulder sowie ihr Sohn Oskar blieben noch in Würzburg und führten das Geschäft weiter, wie es ihnen unter den gegebenen Umständen möglich war. 1937 mussten sie schließlich aufgeben und wurden gezwungen ihr Wohn- und Geschäftshaus in der Ludwigstraße 23 weit unter Wert zu verkaufen.
Am 15.12.1937 folgten auch sie nach Amsterdam. Dort bezogen sie zusammen mit Norbert eine Wohnung in der Lekstraat 114/II. Wie sie ihren Lebensunterhalt dort bestritten, ist nicht bekannt.
Das Gefühl der relativen Sicherheit, das sie in Amsterdam in den folgenden zweieinhalb Jahren genießen konnten, endete jäh. Am 10.05.1940 überfiel die deutsche Wehrmacht die Niederlande. Mit Hilfe der holländischen Bürokratie organisierte die deutsche Zivilverwaltung schon bald die Ausgrenzung, Konzentration, Beraubung und schließlich die Deportation der jüdischen Bevölkerung. Aus keinem westeuropäischen Land wurden mit 75% der jüdischen Bevölkerung so viele Juden deportiert und ermordet wie aus den Niederlanden. Der Naziterror erfasste auch die gesamte Familie Fulder.
Nachdem die Söhne bereits im Sommer 1942 und Frühjahr 1943 deportiert worden waren, wurde auch Berta zusammen mit ihrem Ehemann Salomon am 20.04.1943 in das Durchgangslager Westerbork verschleppt. Ihre Deportation folgte am 27.04.1943 in das Vernichtungslager Sobibor. Dort wurde die 61-jährige Berta Fulder wohl direkt nach der Ankunft am 30.04.1943 wie ihr Ehemann in den Gaskammern ermordet.
Zu diesem Zeitpunkt lebten die drei Söhne Norbert, Erich Moritz und Oskar bereits nicht mehr. Sie waren in Auschwitz bzw. ebenfalls in Sobibor ermordet worden.
Biografie erstellt September 2009, überarbeitet Februar 2016
   
Quelle Stadtarchiv Würzburg, Einwohnermeldebögen, Adressbücher 1903-1937, Grundlisten Theresienstraße 8, Ludwigstraße 23;
Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 1, S. 186f.;
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de871934 (27.1.2016);
http://eschweiler-juden.de/pages/posts/gedenkstein-in-meschede-erinnert-an-paula-meyer-aus-eschweiler-1.php (28.10.2015);
http://eschweiler-juden.de/pages/notizen-neues-2014.php (28.10.2015);
Biographische Datenbank Jüdisches Unterfranken, Informationen zur Familie Fulder, http://www.historisches-unterfranken.uni-wuerzburg.de/test/web324w/juf/ (13.01.2016);>br> www.alemannia-judaica.de/treuchtlingen_synagoge.htm (18.01.2016);
http://www.alemannia-judaica.de/thuengen_synagoge.htm (18.01.2016);
www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/s-t/1937-thuengen (13.01.2016);
Schriftliche Auskunft des NiederlandeNet des Zentrums für Niederlande-Studien der Universität Münster vom 02.04.2015, www.niederlandenet.de;
Angaben zu den im Text erwähnten Angehörigen, die Opfer der Shoa wurden, finden sich im Namensverzeichnis des Gedenkbuchs.
Autorin / Autor Hans-Peter Baum, Martina Buller
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