Norbert Fulder

   
geboren am 15.08.1911 in Würzburg
Straße  Ludwigstraße 23 a
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum28.09.1942
Todesdatum31.08.1942
TodesortAuschwitz
   
Seit dem 28.05.1942 im niederländischen Durchgangslager Westerbork interniert, von dort am 15.07.1942 nach Auschwitz deportiert und nach der Ermordung am 31.08.1942 für tot erklärt.
   
Am 15.08.1911 wurde Norbert Fulder als Sohn des Kaufmanns Salomon (1869-1943) und dessen Ehefrau Berta Fulder, geb. Meyer (1882-1943) in Würzburg geboren. Die Familie Fulder stammte ursprünglich aus Thüngen. Die Mutter war hingegen in einer kinderreichen Kaufmannsfamilie in Eschweiler im Rheinland aufgewachsen. Norberts Vater Salomon Fulder und dessen Bruder Nathan (Jg. 1863) hatten um 1904 - kurz nach ihrer Ankunft in Würzburg - ein Geschäft für Manufaktur-, Modewaren und Aussteuer gegründet, die Firma „Gebrüder Fulder“, u.a. in der Kaiserstraße 24 gelegen. Dieses Geschäft entwickelte sich rasch sehr erfolgreich. Norbert war das dritte und letzte Kind der Familie. Erich Moritz, sein ältester Bruder, wurde am 29.05.1906 geboren und Oskar kam am 06.04.1910 zur Welt.
Einige Monate nach Norberts Geburt zog die fünfköpfige Familie 1912 in eine vermutlich größere Wohnung in die Semmelstraße 41 um. Um 1913 trennten sich die Brüder Fulder geschäftlich und lösten ihre gemeinsame Firma „Gebrüder Fulder“ auf. Sein Vater gründete eine eigene Firma, die sich später hauptsächlich auf Manufaktur- und Modewaren spezialisierte. Auch dieses Unternehmen arbeitete rasch erfolgreich am Standort Semmelstraße 41 und ermöglichte der Familie 1919 den Kauf eines Mehrfamilien- und Geschäftshauses in der Ludwigstraße 23.
Die neue Wohnung, die 1922 bezogen wurde, lag nicht weit von der eher „kleinbürgerlichen“ Semmelstraße mit ihren vielen kleinen Handwerksbetrieben entfernt. Die breite, elegante Ludwigstraße mit Alleecharakter und vielen herrschaftlichen Häusern symbolisierte den Aufstieg der Familie. Die Handlung seines Vaters „Manufakturwaren en gros“ war im Parterre untergebracht und darüber, im ersten Stock, bezog die Familie eine großzügige Wohnung.
Schon kurz nach dem Umzug verließ Norberts ältester Bruder Erich Moritz im Mai 1922 im Alter von 16 Jahren Würzburg. Anderthalb Jahre absolvierte er in Frankfurt am Main einen Teil seiner Ausbildung zum Kaufmann. Fast gleichzeitig schickten die Eltern den fast elfjährigen Norbert zu einem Verwandten, dem Lehrer Bernhard Fulder (geb. 1866 in Thüngen) und dessen Ehefrau Ida nach Treuchtlingen. Hier ging Norbert von 1922-1926 zur Schule. Nach einem halben Jahr bei seinen Eltern zog er im Januar 1927 für seine Ausbildung zum Kaufmann nach Frankfurt am Main. Sein Bruder Oskar erlernte den Beruf des Kaufmanns seit 1926 in Gelsenkirchen. Von ihren Ausbildungsstationen kehrten Erich Moritz 1923, Oskar 1929 und Norbert 1932 ins elterliche Haus zurück.
Seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurde die Situation für jüdische Geschäftsleute immer besorgniserregender. Kein Würzburger Bürger sollte mehr bei Juden einkaufen. Die Auftragslage des einst erfolgreich arbeitenden Familienunternehmens Fulder verschlechterte sich zusehends, so dass der Vater Salomon Fulder für sich und seine Söhne keine Zukunft mehr sah und hoffte, mit einer Ausreise in die Niederlande der bedrohlichen Lage in Würzburg zu entkommen. Norbert war der Erste, der emigrierte. Seit Juli 1935 war er in Amsterdam gemeldet. Sein Bruder Erich Moritz konnte im Dezember 1936 folgen, während der Vater zusammen mit Oskar in Würzburg zurückblieb und das Geschäft bis zur Aufgabe 1937 weiterführte und das Wohn- und Geschäftshaus in der Ludwigstraße 23 weit unter Wert verkaufen musste. Inzwischen wechselte Norbert in Amsterdam mehrmals seine Unterkunft. Wie er seinen Lebensunterhalt in dieser Situation bestritt ist nicht bekannt. Am 15.12.1937 konnten schließlich seine Eltern und Oskar nach Amsterdam nachkommen. Seine Eltern bezogen zusammen mit ihm eine Wohnung in der Lekstraat 114/II, die Norbert kurz zuvor angemietet hatte.
Am 10.05.1940 überfielen deutsche Truppen die Niederlande und organisierten mit Hilfe der holländischen Bürokratie den Vermögensentzug, die Konzentration und schließlich die Deportation der jüdischen Bevölkerung. Der Naziterror erfasste die gesamte Familie Fulder. Norbert war der Erste, der verhaftet wurde. Am 28.05.1942 wurde er aus der Wohnung abgeholt, in das Durchgangslager Westerbork verschleppt und am 15.07.1942 mit dem ersten Transport aus den Niederlanden weiter in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Dort wurde er einige Wochen später am 31.08.1942 ermordet.
Die Deportation seiner beiden Brüder erfolgte Ende Februar 1943 und die seiner Eltern im April. Alle gelangten über das Lager Westerbork nach Sobibor und wurden kurz darauf in den Gaskammern umgebracht.
Biografie erstellt September 2009, überarbeitet Februar 2016
   
Quelle Reiner Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900-1945, Würzburg 1989, T. 1 , S. 186,187;
Stadtarchiv Würzburg, Einwohnermeldebögen, Adressbücher 1903-1937, Grundlisten Theresienstraße 8, Ludwigstraße 23;
www.alemania-judaica.de/treuchtlingen_synagege.htm, (10.02.2016);
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de871943 , (27.01.2016);
http://eschweiler-juden.de/pages/notizen-neues-2014.php, (28.10.2015);
Biographische Datenbank jüdisches Unterfranken, Informationen zur Familie Fulder, http://www.historisches-unterfranken.uni-wuerzburg.de/test/web324w/juf/ (13.01.2016);
www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/s-t/1937-thuengen, (10.02.2015);
www.niederlandenet.de; niederlandenet@uni-muenster.de; onlineredaktion, Kor. 02.04.2015; Angaben zu den im Text erwähnten Angehörigen, die Opfer der Shoa wurden, finden sich im Namensverzeichnis des Gedenkbuchs.
Autorin / Autor Hans-Peter Baum, Martina Buller
Paten
   
zurück