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Gertrud Herrmann

   
geboren am 23.02.1894 in Ravensburg b. Ulm
Straße  Katzengasse 6
Stadtteil Altstadt
Deportationsdatum05.10.1940
Todesdatum05.10.1940
TodesortPirna-Sonnenstein
   
Gertrud Herrmann, kath., ledig
Vater: Viktor Eugen Herrmann, Lehrer, Rottendorferstr. WÜ, Mutter: Anna Emilie geb. Klotz
12.01.1929 - 23.05.1929, 03.03.1930 - 14.03.1930 Psych. Klinik Würzburg
14.03.1930 Heil- und Pflegeanstalt Werneck
05.10.1940 Pirna-Sonnenstein/Sa
   
Gertrud wird am 23. Februar 1894 als älteste Tochter der Eheleute Viktor Eugen und Anna Emilie Herrmann geb. Klotz in Ravensburg bei Ulm geboren. Sie hat noch vier jüngere Geschwister, eine Schwester und 3 Brüder.
Am 12. Januar 1929 wird Gertrud Herrmann von ihrer Mutter zum ersten Mal in die Psychiatrische Klinik Würzburg gebracht, veranlasst durch den Heidingsfelder Arzt J. Ickenberg jun. Bei ihrer Einlieferung gibt sie selbst zu ihrer Vorgeschichte an, dass sie eine mittelmäßige Schülerin gewesen und mit 10 Jahren an Scharlach erkrankt sei. Nach der Schule habe sie zu Hause Nähen gelernt.
Bis 1927 lebt die Familie in Ravensburg. Bis zu dem Umzug nach Würzburg kann Gertrud eine kurze Zeit als Dienstmagd im Centralcasino arbeiten, verlässt aber die Stelle nach zwei Monaten auf eigenen Wunsch.
Bekannt ist auch, dass sie 1922 für kurze Zeit in der Heil- und Pflegeanstalt Weißenau bei Ravensburg war.
Die Familie lebt fortan in Würzburg. Ende 1928 tritt Gertrud eine Stelle in Bad Sandhof an, weil ihre Mutter es so wollte, wie sie selbst angibt. Dort sei sie aber an Gelbsucht erkrankt.
Bis 1929 arbeitet Gertrud als Haushälterin und noch im gleichen Jahr als Zugeherin und lebt in ihrer eigenen Wohnung in der Katzengasse 6.
"Ihr ganzes Leben habe sie immer alles getan, was die Nächstenliebe von ihr forderte".
Diese Forderungen an sich selbst werden im Laufe ihres Aufenthaltes in der Psychiatrie immer stärker und steigern sich bis zu religiösen Wahnvorstellungen, die langsam von ihrem gesamten Verhalten Besitz ergreifen.
Sie habe das Jüngste Gericht deutlich vor sich gesehen, sie müsse Opfer bringen, damit die anderen erlöst werden. Eine Operation sei notwendig, damit die Juden auch in den Himmel kommen. Ihr auffälliges Kreischen und Schreien würden ihr diktiert, weil sie die Menschen erlösen müsse.
Wenige Tage nach ihrer Entlassung aus der Psychiatrie am 23. Mai stirbt ihre Mutter unerwartet an einem Herzschlag.
In einem Brief an den Chefarzt fragt ihr Bruder Hugo, ob und wie viel Gertrud arbeiten könne.
Ein Privatdozent antwortet am 06. Juni 1929: "War vor ein paar Tagen ganz vernünftig und geordnet. Wenn Zustand so bleibt, können Sie Ihre Schwester ruhig zu sich nehmen. Sie wird leichte Beschäftigungen im Haushalt machen können. Sollte sich Zustand verschlechtern, würde ich raten, sie in die zuständige Anstalt zu bringen."
Bis Anfang März 1930 kann Gertrud als Pförtnerin in der Kreis-Taubstummen-Anstalt Würzburg arbeiten. Mit einem Begleitschreiben der Direktion der Kreis-Taubstummen-Anstalt Würzburg (Dir. Entres) an die Psych. und Nervenklinik der Univ. Würzburg wird sie erneut in die Psychiatrische Klinik Würzburg eingeliefert. Der Inhalt des Schreibens: "Frl. Gertrud Herrmann, Pförtnerin an der Kreis-Taubstummenanstalt Würzburg zeigt seit gestern hochgradige Erregungen, spricht und schreit wirr, religiöse Wahnideen. Konnte heute nicht mehr beruhigt werden. Gertrud Herrmann ist Mitglied der Ortskrankenkasse hier."
Während Ihrer Behandlung in der Psychiatrie verschlechtert sich ihr Zustand zusehends. Anfänglich ist sie durchaus zeitlich und örtlich orientiert, rechnet bei den Tests richtig, Monate werden an den Knöcheln hergesagt. Sie liest richtig, jedoch unaufmerksam und gibt richtige Auskunft über ihre Vorgeschichte.
Später muss Gertrud wegen innerer Unruhe ständig unter Beruhigungsmitteln gehalten werden. Sie spricht dauernd sehr schnell, mariniert kindisch vor sich hin, unaufgefordert oder auf Anrede, der Inhalt ist unzusammenhängend und wirr und enthält viel Religiöses.
Am 14. III. 1930 wird Gertrud auf Dauer in die Heil- und Pflegeanstalt Werneck gebracht.
Bis zur Räumung Wernecks 1940 lebt sie in der Anstalt.
Auf dem Meldebogen I, der nach Berlin in die Zentrale in der Tiergartenstraße 4 geschickt wird, ist von der Anstalt vermerkt, dass Gertrud Herrmann nicht arbeitsfähig und mit einer Entlassung demnächst nicht zu rechnen sei.
Damit ist ihr Todesurteil besiegelt.
Am 05. 10. 1940 wird Gertrud zusammen mit anderen Patientinnen und Patienten in die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein in Sachsen transportiert. Vermutlich wird sie hier, wie alle anderen, gleich nach der Ankunft ermordet.
Dem Standesamt in Ravensburg teilt man mit, sie sei am 1. November 1940 in Sonnenstein verstorben.
   
Quelle Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden Abt.631a, Meldebogen
Universitätsarchiv Würzburg, Krankengeschichte und Foto UAWü KL 138/1930
Stadtarchiv Ravensburg, Geburtsurkunde Nr. 49/1894
Standbuch Werneck
Stadtarchiv Würzburg Adressbuch 1929, Grundliste
Autorin / Autor Regine Samtleben
Paten Frau Inge Bodessohn
   
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